Foto: DONOTS - Ingo (Mitte), Patrick Runte
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21. Jun 2016

Entertainment

UNICUM trifft: Ingo von den DONOTS

Der Sänger im Interview zum Release der Single "Toast to Freedom"

"Putin ist ein unglaublich narzisstisches Arschloch!"

UNICUM: Ihr habt zum 50. Geburtstag von Amnesty International den Song Toast to Freedom zusammen mit Anti Flag, Bernd, dem Gitarristen von den Beatsteaks, und Ian D'sa, dem Gitarristen  von Billy Talent, neu aufgenommen. Was hat euch dazu gebracht bei diesem Projekt mitzuwirken?Ingo: Wir sind mit Anti Flag schon ziemlich lange befreundet und haben auch schon 2003/2004 zusammen einen Protest-Song gegen die Irakoffensive aufgenommen. Der wurde dann als Gratisdownload auf beide Band-Websites gestellt. Dieses Mal ist es so, dass Anti Flag grad mit Billy Talent hier in Europa auf Tour gewesen ist. Justin und Chris von Anti Flag haben uns dann eine Mail geschrieben: "Ey das ist jetzt schon wieder zehn Jahre her, dass wir was zusammen gemacht haben. Wir haben grad eine Anfrage von Amnesty International gekriegt, habt ihr nicht Bock dabei zu sein?" Und da haben wir natürlich gesagt: "Klar! Erstens für eine gute Sache und zweitens für die Freundschaft natürlich."

Der Auslöser für das Projekt war die Gerichtsverhandlung gegen Pussy Riot in Russland. Wie habt ihr den Prozess verfolgt? Und was denkst du darüber?Das ist natürlich eine riesengroße Katastrophe und – da kannst du mich auch gerne mit drei Rufzeichen zitieren – Scheiße(!!!), was da gelaufen ist. Letzten Endes ist Putin ein unglaublich narzisstisches Selbstdarsteller-Klappspaten-Pillemann-Arschloch, dass weiß sowieso jeder. Aber es ist halt einfach ein absolutes Unding, was da gelaufen ist. Andererseits ist es natürlich auch wieder so, dass durch Pussy Riot eben diese höhere Aufmerksamkeit einfach da ist – auch bei jüngeren Leuten. Dementsprechend hat das natürlich im Unglück dann doch eine glückliche Fügung, weil eben mehr Leute darauf aufmerksam geworden sind. Aber bei der ganzen Debatte und der Art und Weise, wie die Verhandlung gelaufen oder auch nicht gelaufen ist, werden die Menschenrecht so dermaßen verletzt, dass nichts mehr geht.

Die Politik ist gerade bei jungen Menschen nicht unbedingt der Bereich, in dem viel Engagement stattfindet. Denkst du, dass sich das in Zukunft ändern sollte?Es wäre schön, wenn sich wirklich jeder ausgiebig mit Politik befassen würde. Aber ganz ehrlich: Ich kann es den Kids nicht verdenken, wenn so eine gewisse Politikverdrossenheit einfach da ist. Wenn ich selbst zurückdenke, haben mich damals auch einfach vornehmlich andere Sachen interessiert. Schönerweise bin ich aber über die Punkrockszene ganz viel politisiert worden und hab mich einfach viel mehr für die ganze Materie interessiert. Wenn Kids das heutzutage nicht tun, weil sie im Fernsehen die ganze Zeit auf irgendwelchen Bundestagsdebatten nur Dummgeschwafel sehen, dann mach ich denen keinen Vorwurf, wenn die da keinen Bock drauf haben. Man muss echt mal sagen, dass Parteien ja nicht unbedingt gut darin sind, gute Jugendarbeit zu betreiben, wenn diese nicht sofort ganz bieder und ekelig daherkommt, weißte? Also ich kenn zumindest keinen, der irgendwie freiwillig Bock hat, bei der Jungen Union oder so dabei zu sein. (lacht)

Der Song "Toast to Freedom" handelt von Freiheit. Wenn du einen Toast an die Freiheit aussprechen könntest, wie würde der aussehen?Den hörst du im Grunde genommen in dem Song. Ich würd ganz klar sagen: Ein Glas hoch auf jegliche individuelle Entscheidung, die Menschen treffen können. Ein Glas hoch auf das Hinterfragen von Autoritäten und absolut ein Glas hoch dafür, wenn Menschen respektvoll mit anderen Menschen und anderen Lebewesen umgehen. Ganz besonders find ich, dass man da auch immer wieder drauf hinweisen muss, wenn's auch um Debatten über Homophobie oder Sexismus geht. Ich hab überhaupt gar kein Verständnis für jegliche Form von Unterdrückung oder jegliche Form von Bevormundung von Leuten oder Diskriminierung.

Setzt ihr euch mit dem Song das erste Mal für Menschenrechte ein oder habt ihr vorher schon mal bei einem ähnlichen Projekt mitgewirkt?Wir haben schon das Attac Netzwerk unterstützt, wo es um Globalisierung geht, was natürlich auch in gewisser Weise auf Menschenrechte rumtritt. Ansonsten machen wir uns unter anderem stark für Kein Bock auf Nazis. Wir rennen wirklich mit erhobenem Haupt und der Kein Bock auf Nazis-Flagge auf unseren Konzerten rum und sehen zu, dass wir dazu Infostände bei unseren Shows haben, aber auch von Tierrechtsorganisationen wie PETA. Wir suchen uns noch zusätzlich jedes Jahr eine Organisation raus, die wir dann über einen längeren Zeitraum unterstützen. So machen wir das in diesem Jahr zum Beispiel mit Vier Pfoten. Das ist eine Tierrechtsorganisation, die sich zur Rettung von Straßenhunden einsetzt oder die Zirkusbären freikauft.

Ihr habt für das Amnesty-Projekt mit verschiedenen Künstlern zusammen gearbeitet und auch in eurer restlichen Musikkarriere gab es schon gemeinsame Projekte mit anderen Musikern. Gibt es denn noch einen Künstler oder eine Band, mit der ihr oder du persönlich irgendwann gern noch einmal etwas aufnehmen würdet?Wunschkandidaten hat man natürlich auf jeden Fall. Ich bin zum Beispiel ein großer New Order Fan und ich würd so unglaublich gerne mal einen Song mit dem Sänger Bernard Summer aufnehmen. Das wär so ein absoluter Lebenstraum. Da gibt’s definitiv schon eine Menge Künstler, wie auch Tim Armstrong von Rancid. Das ist echt jemand, den wir sehr schätzen, für das, was er so musikalisch geschrieben hat. Es ist aber eigentlich immer so gewesen, dass wir bis jetzt viel, viel Glück hatten und schon mit ganz tollen Leuten  zusammenarbeiten durften.

"Die Staaten sind nicht das, was Lady Liberty darstellen soll"

Im März startet eure USA-Tour: Dann geht’s ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und, um nochmal auf das Thema Freiheit zurückzukommen, auch in das Land, in dem die Freiheitsstatue steht. Denkst du, dass es in den USA wirklich mehr Freiheiten für die Menschen gibt?Wenn ich's mal direkt an unserem Fallbeispiel klar machen darf. Was da gerade für ein Gewese drum gemacht wird, dass wir für die Tour unsere Arbeitsvisa kriegen und wie viele Sachen wir da einreichen müssen, wo man hier schon wirklich mit absolutem Bedenken sagen würde: "Alter Schwede, das geht aber auch schon Richtung Staatsüberwachung und gläserner Bürger." Und vor allen Dingen auch, was so Sachen wie Krankenversicherung für alle Leute da angeht. All das, was unsere Freunde und unsere befreundeten Bands aus den Staaten erzählen, sind die USA eigentlich eben nicht unbedingt genau das, was Lady Liberty da im Großen und Ganzen darstellen soll.

Wird auf eurer Tour dann auch das typische Touriprogramm irgendwie untergebracht?(lacht) Ja, auf jeden Fall! Ich glaube, die Jungs von Flogging Molly, mit denen wird dort auf Tour sind, werden schon am zweiten oder dritten Tag denken: "Hurra, jetzt haben wir die deutschen Touristen an Bord!". Wir wollen in dem Monat möglichst viel sehen. Zum Beispiel bei dem Stopp Over, den wir extra in Las Vegas machen. Ich hoffe, dass wir noch irgendwie ein paar Kilometer weiter ins Landesinnere fahren können, um uns den Grand Canyon anzugucken.

Geht’s vorher noch mal nach Hause zu den Familien, ins schöne Ibbenbüren, oder geht’s direkt auf die große Tour?Das machen wir eigentlich recht regelmäßig, dass wir mal kurz zu Hause vorbeigucken. Also, Münster ist ja glücklicherweise jetzt auch nicht tausend Kilometer weg von Ibbenbüren. Daher kann man da immer noch ganz gut hinfahren. Natürlich werden wir zusehen, dass wir uns mit möglichst vielen Freunden kurz auf ein Bierchen treffen, bevor wir dann einen ganzen Monat raus sind. Ich glaube die Leute sind in den 30 Tagen sogar ganz glücklich darüber, dass sie uns mal nicht am Kopp haben müssen. (lacht)

Von der kleinen Bühne in der "Scheune" in Ibbenbüren auf die großen Bühnen im Land der Träume. Habt ihr als Band noch Träume, die ihr euch gern erfüllen würdet?Diese USA-Tour ist in der Tat so ein Traum, den wir uns jetzt erfüllen. Aber das war immer so ein Ding von unserer Band, dass wir gesagt haben: "Wir müssen uns immer wieder kleine, große neue Ziele und Highlights setzen, weil es das einfach für uns frisch hält." Zieh dir rein, dass wir 2014 20-jähriges Bandjubiläum haben. Das ist eine unglaublich lange Zeit. Aber das kommt uns trotzdem nicht so vor als wäre es so lang, weil wir immer wieder diese kleinen, großen Highlights und neuen Erfahrungen machen dürfen. Deswegen gucken wir auch gerade, ob wir noch so ein bisschen weiter im Ausland touren und schrauben grade noch an so ein paar Kameradaten. Ich bin die ganze Zeit schon am Gucken, wie wir es schaffen, was in Südamerika oder Australien zu machen. Also von daher: Solange es noch Steckdosen gibt, wo wir noch nicht gespielt haben, ist die Möglichkeit groß, dass wir da gerne mal einstöpseln würden.

Im Internet kann sich mittlerweile jeder frei fühlen. Dabei kommt oft Gutes aber auch oft Schlechtes zustande. Schlecht ist zum Beispiel der illegale Download von Musik. Wie frei sollte deiner Meinung nach Musik im Internet sein?Ich muss das von zwei Perspektiven aus sehen. Wenn ich das ganz konservativ als Inhaber von einem Label wie Solitary Man Records oder eben als Musiker auf der Bühne, der davon leben muss, sehe, dann würde ich mich natürlich freuen, wenn es dafür, dass sich die Leute Musik von uns im Internet anhören oder downloaden, in gewisser Weise eine Vergütung gibt. Am liebsten wäre es mir natürlich, wenn die Kids losgehen würden und Alben im Laden kaufen. Aber ganz ehrlich: Auf der anderen Seite, wenn ich es von der Fanperspektive aus sehe, und ich bin ein großer Fan von vielen Bands, sammle ich halt die Bands, die mir richtig gut gefallen und finde neue Bands einfach im Internet, indem ich mir dort Höreindrücke hole. Ich find das ist nicht schlecht. Und auch da muss man wieder ganz differenziert sagen, vielen Bands hilft das einfach auch. Wenn letzten Endes die Konzerte dadurch voll werden, dass Leute sich vielleicht nicht dein Album gekauft haben, aber im Netz rausgefunden haben: „Boah! Das ist eine Band, die will ich unbedingt mal live sehen!“, dann ist das alles, was du wissen musst, weil die meisten Bands heute nicht durch Plattenverkäufe verdienen, sondern eben dadurch, dass die Shows voll sind und dafür scheint echt immer noch Geld da zu sein.

Ihr seid auf Facebook und Co. ziemlich aktiv. Hand aufs Herz – postet ihr das wirklich alles selbst?Ob du es glaubst oder nicht: Ja, tun wir. Wir haben natürlich auch eine gute Freundin von uns am Start, die zumindest die ganzen Veranstaltungen up-to-date hält. Aber die ganzen Postings kommen wirklich von uns. Das ist natürlich schon zeitintensiv, aber andererseits sind´s meistens nur 140 Twitter-Zeichen, die kriegt man grad noch unter 5 Stunden in den Computer eingetippt. (lacht) Und es macht ja auch Spaß zwischendurch, weißte? Wenn du so mit der Band unterwegs bist, mal eben kurz aus dem Backstageraum ein bescheuertes Foto schicken. Das ist ja schon lustig.

Ihr habt ja sehr früh mit der Musik begonnen. Deshalb hat die Hälfte von euch gar keinen beruflichen Abschluss, nur Eike ist Ergotherapeut und Alex hat ein abgeschlossenes BWL-Studium. Da ihr ja ein eigenes Label gegründet habt, stellt sich natürlich die Frage, ob Alex dort zur meisten Arbeit verdonnert wird, weil er der einzige mit einem kaufmännischen Abschluss ist?(lacht) Ne, es tut in der Tat wirklich jeder so seinen Teil und jeder hat auch so die Teile, die ihm ganz besonders gut liegen bei der Labelarbeit. Ich bin zum Beispiel sehr viel am Start was so Bandakquise angeht und bin natürlich dann dementsprechend auch irgendwie das Sprachrohr der Band und mach viele Interviews und dergleichen. Alex ist in der Tat ein guter Zahlenschieber, dass muss man jetzt einfach so sagen und so findet aber halt jeder seinen Platz. Alex ist auch der Manager der Band und hat die meiste Arbeit damit, aber der ist halt auch saugut im Organisieren. Der Rest von uns fuckt da total ab. (lacht)

Gerade weil ihr so früh mit der Musik angefangen habt, war einiges bestimmt nicht einfach. Welche Freiheiten musstet ihr euch als Band erkämpfen?Es ist natürlich schön, dass wir durch unser eigenes Label "Soiltary Man Records" die Möglichkeit haben uns so zu repräsentieren und zu präsentieren, wie wir wirklich sind und wie wir sein wollen. Das hat aber auf der anderen Seite auch den Nebeneffekt, dass wir nicht mehr mit dem Finger auf andere Leute zeigen können, wenn irgendetwas verbockt wird, weißte? Wenn du dein eigener Chef bist, dann musst du auch für Fehler, die du machst, einfach grade stehen. Das ist natürlich schön die komplette Freiheit zu haben, aber das ist natürlich auch mit viel mehr Risiko behaftet.

Anti Flagfeat. Donots, Bernd (Gitarrist von den Beatsteaks), Ian D'sa (Gitarrist von Billy Talent)

Toast to Freedom

Staages Music

VÖ: 08. Februar / als 7"-Sinlge oder als Download

Für Fans von: guter Punk-Rock-Musik, die auch noch Gutes tun wollen!

toasttofreedom.org

Amnesty International im Überblick

  • Gründung:  1961 von dem britischen Anwalt Peter Benenson
  • Ziel:  Schutz der Menschenrechte
  • Arbeitsmoral: unabhängig, international, demokratisch
  • Mitwirkende: mehr als drei Millionen Mitglieder in 150 Ländern
  • Der Weg zum Erfolg durch: Aufdecken – Informieren – Handeln – Verändern
  • Das Projekt "Toast to Freedom": Toast to Freedom ist der Song der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Geschrieben wurde er von den Musikern und Produzenten Carl Carlton und Larry Campbell.  Sie wollten einen Song schreiben, der in glücklichen und schweren Zeiten gesungen werden kann, der Triumphe feiert und über Verluste hinwegtröstet, sagt Campell. Ca. 50 Musiker aus der gesamten Welt haben bei der Umsetzung des Songs mitgewirkt; mit dabei waren unter anderem Gentleman, Teresa Williams und Max Buskohl. Am 3. Mai 2012, dem "World Press Freedom Day" (Internationalen Tag der Pressefreiheit), wurde Toast to Freedom dann schließlich veröffentlicht und durch eine weltweite Kampagne verbreitet. Mittlerweile haben viele verschiedene Künstler aus mehreren Ländern Cover-Versionen des Songs komponiert, um Teil der Initiative zu werden.

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