Foto von der Gruppe Messer
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21. Jun 2016

Entertainment

UNICUM trifft: Messer

Ein Gespräch über fast alles.

"Der Titel ist eine Widmung an diejenigen, die übersehen werden"

UNICUM: Wenn etwas unsichtbar ist, woher weiss man dann, dass es da ist?Hendrik: Über den Titel der Platte habe ich nachgedacht, als der Prozess um die NSU begonnen hat. Dabei kam mir der Gedanke, wie viele Menschen umgebracht werden und leiden, in solchen oder anderen Zusammenhängen, und niemand bekommt es mit. Und wie unglaublich viele Menschen mit ihrem Leid und mit ihrem Schmerz nicht wahrgenommen werden, mit den schlimmsten Sachen. Der Plattentitel ist eigentlich eine Widmung an diese Leute.

Spiegelt sich das auch in den Songs wieder?Philipp: Bei ganz vielen Songs merkt man erst nachträglich, was da alles drin ist und einem vorher nicht bewusst war. Als der Titel "Die Unsichtbaren" ins Gespräch kam, waren die Inhalte dieser Platte noch gar nicht so zu mir durchgedrungen. Das ist ja auch ein Prozess: die Auseinandersetzung mit dem, was man aufgenommen hat. Ich denke, dass es eine tolle Fortsetzung zur ersten Platte ist - auch da gibt es den "Abel Nema", einen unsichtbaren Menschen, ein Phantom. Und es gibt den Streuner auf der Straße, der durch die nächtlichen Gassen läuft.Hendrik: Damit meinte ich aber einen Hund (lacht).Philipp: Ok, vielleicht kann auch ein Hund einer sein, der unsichtbar ist. Oder es gibt die "Augen in der Dunkelheit" - wem gehören die denn eigentlich? Das ist immer eine tolle Situation, wenn man im Nachhinein bemerkt, dass da immer schon mehr drin ist, als man hinein gelegt hat.

"Ich raff das auch selbst nicht immer so richtig"

Wer von euch schreibt denn die Songs?Hendrik: Ich schreibe die Texte, die Musik kommt von den drei anderen. Über die Stücke spricht man dann gemeinsam, auch über Texte, da hab ich aber meistens freie Hand.

Versteht ihr immer, was Hendrik mit den Texten sagen will?Pogo: Nö.Hendrik: Ich raff das auch selbst nicht immer so richtig.

Es ist ja schon schwer zugängliche Musik, mit vielen Verweisen zu anderen Songs, Literatur und Filmen. Ist es leichter, eure Musik zu verstehen, wenn man das alles kennt?Hendrik: Es geht ja nicht um schlaue Querverweise, es soll insgesamt an den Worten und an der Energie des Ganzen funktionieren - das Zusammenspiel von Text und auch Musik. Wir verstehen es ja auch als eins. Ich glaube auch, dass es funktioniert, bei dieser Energie etwas zu empfinden und dafür empfänglich zu werden, auch wenn man manches nicht versteht. So durchzogen von Verweisen ist es auch gar nicht. Es gibt sie schon, aber sie spielen nicht konkret auf etwas an, sondern habe ich irgendwo etwas gehört und fand, dass es schön klingt und perfekt formuliert ist - dann hab ich mich da bedient.

Kannst du dazu ein konkretes Beispiel nennen?Hendrik: "Die kapieren nicht" ist zum Beispiel ein Roman von Boris Vian, der über mehrere Ebenen verschachtelt geschrieben ist. Ich habe lange über den Roman nachgedacht und über Leute, die zum Beispiel ihr ganzes Leben in Kneipen  verbringen, "lost" sind und sich immer stärker kaputt machen, ihre Familien und Freunde verlieren. Und sich isolieren, in einem neuen Mikrokosmos, der Kneipe. In dem Buch geht es teils um dieses Milieu, das könnte man auch mit Bukowski austauschen, man hat direkt solche Bilder vor Augen. Ich habe es parallel zur Plattenentstehung gelesen und irgendwann gedacht: das passt so sehr. "Die kapieren nicht", das hat nichts damit zu tun, dass irgendwer etwas nicht kapiert, sondern das klang auch einfach geil.

"Es dauert fünf Minuten und man weiß, was auf der Welt los ist"

Das Plattencover sieht so aus, wie sich die Musik anhört: Nachdenklich auf dunklem Hintergrund. Ihr scheint aber gar nicht so deprimierte Typen zu sein.Hendrik: Wir haben auch Schattenseiten (lacht). Aber meistens sind wir ziemlich gut drauf.

Woher kommt dann die ganze Melancholie?Hendrik: Die ist halt da, die sucht sich ihre Wege.

Könnt ihr euch da alle darin wieder finden?Hendrik: Die anderen wollten ja eigentlich eine Fun-Punk-Band machen. (Alle lachen)Philipp: Aber genau das ist es ja. Das könnten wir nämlich gerade nicht. Ein Stück weit stimmt das mit der Melancholie. Aber das hat gar nicht so viel damit zu tun, was für Typen wir sind oder was wir im Privaten so machen. Es geht eher darum, eine Ausdrucksform zu suchen, die einem selbst glaubwürdig erscheint, die sich sinnvoll anfühlt und synergetisch. Das ist es, was uns zur Verfügung steht, das Repertoire und die Spielweisen, die sich in der Summe, von dem was die Leute in der Band machen, ausdrückt. Es gibt keine Alternative.Hendrik: In Artikeln oder Rezensionen steht total oft "wütend" und "düster" und wird sofort auf uns als Personen projiziert. Aber es geht in unseren Stücken ja nicht nur um uns oder unsere Gefühlswelten, sondern auch darum, was man um sich herum sieht. Ich kann ja ein glücklicher Mensch sein, aber es dauert nur fünf Minuten und man weiß, was auf der Welt los ist. Vielleicht hab ich irgendwann eine heile Familie, ein schönes Haus und denk mir: toll. Es ändert aber nichts daran, was auf diesem Planeten los ist.

"Ein 9-seitiges Uni-Paper über Messer-Texte"

Versteht ihr euch mehr als Musiker oder als Künstler?Pogo: Mein Impuls sagt Musiker, weil ich nicht weiß, was Kunst ist. Das hab ich bis heute nicht richtig verstanden oder genügend gefühlt, um zu sagen: das ist jetzt Kunst. Das kann ich nicht mit 100-prozentiger Sicherheit so sagen wie: das ist Musik.Philipp: Weil der Kunstbegriff so schwammig ist. Und Kunst, unter'm Strich, ist immer das, was von einer Gruppe von Menschen dem Verdacht ausgesetzt wird, dass es Kunst sei. So kann dann auch der Fettfleck an der Wand zur Kunst werden, weil er als solches betrachtet wird. Musiker ist das konkretere Wort dafür, was wir machen, denn wir sind eine Band, wir machen zusammen Musik.

Eure Musik hat einen starken akademischen Hintergrund hat - können Leute, die nicht auf der Uni sind, das trotzdem greifen?Philipp: Die Art der Auseinandersetzung mit Text und Sound wählt ja derjenige, der es hört. Da kann von mir aus ein Prof. Dr. hingehen und dort hinein interpretieren, wovon wir selbst keine Ahnung haben, oder man kann sagen: das ist eine interessante, raue Musik, die energetisch ist und mich in irgendeiner Form bewegt. So würde ich mir so wünschen.Hendrik: Für mich hat Messer folgendes mit der Uni zu tun: manchmal saß ich in Seminaren, mir war tot langweilig, ich hatte gar keinen Bock und dann hab ich manchmal Texte für Messer geschrieben. (lacht) Und um ernster zu werden: wir merken, dass wir in der Uni wahrgenommen werden. Es gab schon Seminarsitzungen zu Messer oder Anfragen von Leuten, die über die Situation der Romantik heute schreiben. Das ist auch spannend für uns. Ich habe mal ein 9-seitiges Paper über Messer-Texte bekommen. Da stand viel von Nietzsche drin – ich würde gerne behaupten, dass ich mich mit Nietzsche auskenne, das ist aber nicht so. Das ist aber natürlich geil: du machst irgendetwas, bei dir, beim Gefühl, etwas, was total unakademisch ist. Aber da passiert etwas mit, das sowohl von Leuten an der Universität als auch von Leuten ohne akademischen Hintergrund wahrgenommen wird. Du schließt so niemanden aus, sondern bringst Leute zusammen.

Die Unsichtbaren

Messer

This Charming Man Records

Für Fans von: Joy Division, Die goldenen Zitronen, Ton Steine Scherben, Psychic TV

VÖ: 22.11.2013

gruppemesser.blogspot.de

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