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21. Jun 2016

Entertainment

UNICUM trifft: Prinz Pi

"Ein typisches Bild unserer Generation ist, dass Leute Sachen nicht mehr wirklich durch ihre eigenen Augen erleben"

Bist du als Grafikdesigner besonders anstrengend für die Leute, mit denen du zusammenarbeitest?Ich mache meine Artworks komplett selber, aber ja, ich bin anstrengend für die Leute, mit denen ich zusammenarbeite. Weil ich ein absoluter Perfektionist bin. Wenn man zum Beispiel ein Video von mir sieht, dann ist das etwas, worüber ich mir vorher wochenlang Gedanken mache. Das ist für den Betrachter vielleicht nur ein Video, wie jedes andere auch, aber was an theoretischem Hinterbau dahintersteht, das ist für mich extrem viel Vorarbeit. Musikalisch ist es dasselbe: Bei diesem Album haben wir einen wahnsinnigen Aufwand betrieben, was den Klang angeht. Ich habe recherchiert wie Bands, die ich persönlich toll finde, ihre Musik aufgenommen haben und habe die Geräte, die es so nicht mehr zu kaufen gab, selber nachgebaut, gelötet und mir die Bauteile von überall her besorgt.

Dein Album heißt „Kompass ohne Norden“. Ein Kompass ist ja doch ein sehr analoges Teil. Rechnest du auf dem Album mit der modernen Technik ab?Voll. Ein typisches Bild unserer Generation ist, dass Leute Sachen nicht mehr wirklich durch ihre eigenen Augen erleben, sondern zum Beispiel ein Konzert durch das Display ihres Handys erleben. Obwohl sie den Moment viel besser genießen könnten, wenn sie das Teil mal beiseitelegen würden. Das finde ich schlimm. Diese Leute verringern ihren großen Blick, den sie eigentlich haben könnten, auf ein pixeliges Display.

Ein Kompass ohne Norden ist vor allem eins: orientierungslos, oder?Klar. Das Fehlen eines klaren Ziels ist das, was ich als Geißel meiner Generation erlebt habe. Und etwas, was ganz viele Leute erleben, die nicht genau wissen, was sie werden wollen. Bei der Generation unserer Eltern war das alles noch klarer. Früher war es üblich, dass der Sohn vom Schuster auch Schuster wurde. Heute macht jeder erst mal Abi. Ausbildungsberufe sind fast verpönt.

Du hast auch Abi und keine Ausbildung gemacht …Ich habe das Abi meinen Eltern zuliebe gemacht. Ich wollte immer Tischler werden, weil ich immer dachte, dass das ein schöner Beruf ist. Ich glaube, ganz viele Leute machen ihr Abi ihren Eltern zuliebe und studieren auch ihren Eltern zuliebe.

Jung sein und erwachsen werden ist wie ein roter Faden auf deinem Album. Wenn du deine Tochter vom Kindergarten abholst, musst du aber schon irgendwie „Erwachsener“ sein, oder?Ich glaube, ich bin ein Sonderfall in der Kindergartengruppe meiner Tochter. Ich ziehe mich wahrscheinlich anders an als die meisten Leute da und ich habe einen anderen Beruf. Die Leute reden auch anders als ich. Auf der anderen Seite — obwohl sie vermeintlich erwachsener sind — haben die wahrscheinlich weniger Bücher gelesen als ich und sind vielleicht auch nicht so politisch interessiert und belesen, fühlen sich aber wahrscheinlich erwachsener.

"Die anderen kiffen sehr viel. Daher ist es nicht schwierig, sich davon abzusetzen"

Das klingt bei dir nach dem Peter-Pan-Prinzip …Ich glaube, dass die Jugend in unserer Gesellschaft derart verankert ist, dass es total schwierig ist, sich davon loszulösen. Sämtliche Industrien kümmern sich nur darum, dass die Leute immer so aussehen wie Anfang 20, und auch die Werbung kommuniziert fast ausschließlich dieses Bild. In anderen Gesellschaften sind die Alten die am meisten geschätzten Mitglieder der Gesellschaft. Bei uns ist es andersrum.

Im Track „Frühstücksclub der toten Dichter“ geht es um die Schulzeit. Du schlägst dich in dem Lied auf die Seite der Underdogs und Außenseiter. Du selbst warst auf einem humanistischen Gymnasium. Ist das deine Geschichte?Die Schulzeit ist etwas, was ich als ziemlich negativ in Erinnerung habe. Ich war der totale Außenseiter und hatte große Probleme mit meinen Lehrern und meinen Eltern. Der Track ist für mich sozusagen eine Verarbeitung. Die Außenseiterrolle ist meine Rolle, die sich über den Kindergarten, Schule, Studentenleben bis jetzt in meine Musikszene hineinzieht. In dieser Rapszene bin ich ja auch nicht der normale Rapper, der Kapuzenpullover trägt und dauernd „Alter“ sagt. Da bin ich zwar nicht mehr der Underdog, sondern der besondere Dog (lacht). Aber vielleicht bin ich ja auch gar kein Dog, sondern eher ’ne krasse Raubkatze.

Wir bekommen durch deine Texte auch eine Ahnung, was für Typ Student du warst. Dass du Freunde an den Fakultäten gefunden hast, dir Mensaessen nicht schmeckt und deine Wg-Einrichtung komplett von IKEA war. Komplettiere das Bild mal eben.Unsere Mensa war und ist die schlimmste Mensa in Berlin. Ich habe Kommunikationsdesign an einer Kunstuni studiert, die große Stücke auf sich hält. Es ist sehr schwierig, dahinzukommen. Die meisten Studenten dort hatten an dem Punkt ihr Lebensziel erreicht und waren ziemlich arrogant und hielten sich für die absolute Avantgarde. Es wurde unwahrscheinlich viel gesoffen — zu jedem möglichen Anlass. Ich persönlich war da nicht so hart am Start, wie das im Song „Kompass ohne Norden“ klingt. Du darfst bei dem Song nicht vergessen, dass ich immer versuche, meine eigene Geschichte zu erzählen, aber auch immer versuche, exemplarisch die Geschichte für die anderen mit zu erzählen.

Die meisten Musiker haben irgendein Attribut. Du bist im HipHop „der mit den klugen Texten“. Macht so was Druck?Ja, das macht es. Es ist ja aber auch mein Beruf und ich recherchiere viel dafür und gebe mir Mühe. Die anderen kiffen sehr viel. Daher ist es nicht schwierig, sich davon abzusetzen.

"HipHop ist so facettenreich wie nie"

Früher hast du in Interviews über den Zustand des HipHop gemotzt. Da hat sich seitdem einiges geändert. Mach mal eine Liebeserklärung an die neue Szene.HipHop, besonders in Deutschland, ist so facettenreich wie nie. Da ist zum Beispiel bei Cro was für die Leute, die mitschunkeln wollen. Bei Casper gibt’s was für die Indie-Leute, bei Trailerpark oder K.I.Z. für diejenigen, die einfach beim Konzert rumpogen wollen. Da gibt es sehr viele Facetten, aber auch noch den klassischen HipHop: Leute, die gut rappen, wie Kool Savas oder Samy Deluxe, also technisch spannender Rap.

Heute haben ja vor allem mehr Rapper kluge Texte. Findest du das nicht irgendwie auch doof, dass jetzt auch andere in deine Kategorie passen?Nee, das ist cool. Ich glaube nicht, dass mein Alleinstellungsmerkmal fehlt. Jeder hat ja ein spezifisches Klangbild. Peter Fox hat diese krass dominanten Steel Drums, Casper diesen Postrock-Sound. Ich habe meinen organischen, warmen Beatles-Sound. Ich habe daran zwei Jahre geschraubt, bis das meins war. Das kann man nicht so schnell nachbasteln.

Auf deiner Facebook-Wall hast du einen Kommerz-Vorwurf mit „Schreib mir ’ne Nachricht und ich sage dir, warum ich nicht Kommerz bin“ kommentiert. Was hast du in der Nachricht geschrieben?Major Labels sind Unternehmen, die das nicht aus Liebe zur Musik machen, sondern um den Aktienkurs hochzuhalten. Das ist das böse, kapitalistische, kommerzielle Businessmodell. Wir (sein Label „Keine Liebe Records“, Anm. d. Red.) sind eine kleine Firma, die das aus Liebe zur Musik macht, und wir investieren wahnsinnig viel Geld in den Klang der Musik und in die Recherche. Wir verdienen an einer CD wesentlich weniger. Wir machen das, worauf wir Bock haben, und können damit auch hinfliegen. Wenn wir mit unserem Album floppen, sind wir privat pleite.

Prinz Pi im Schnelltest

ENTWEDER/ODER?

Air Max oder Chucks?Air Max (zeigt auf seine Air Safari)!

Hundekacke wegmachen oder liegen lassen?Ich mach’s immer weg.

CDU oder SPD?Was für ’ne Frage — natürlich SPD!

Skateboard oder Fahrrad?Fahrrad. Skateboard ist zu modemäßig.

Golfklasse oder Muscle-Car?Muscle-Car. Es gibt Studien zur Umweltbelastung, die belegen, dass klimaschädliche Gase aus Autos lange nicht so schädlich sind wie Methan. Das entsteht bei der Verdauung von Kühen und der viel zu großen Fleischproduktion. Also könnten wir uns alle Autos mit 800 PS kaufen, wenn wir weniger Fleisch essen würden.

Steak oder Grünkernbratling?Steak. Ich bin überzeugter Fleischesser, aber ich esse nur selten und wenn dann ausgewähltes Fleisch.

Tanzen oder am Rande parlieren?Tanzen, richtig krass durchdrehen!

Vaterkind oder Mutterkind?Ich bin auf jeden Fall ein Mutterkind.

Prinz Pi

Kompass ohne Norden

Keine Liebe Records (Groove Attack)

VÖ: 12. April 2013

• Der Berliner Rapper war fleißig: „Kompass ohne Norden“ ist bereits das 15. Soloalbum des 33-Jährigen.• Auf seinem Ausweis steht natürlich nicht Prinz Pi, sondern Friedrich Kautz.• Früher nannte er sich noch „Prinz Porno“. Weil er damit ständig als Proll Rapper missverstanden wurde, machte er aus dem „Porno“ ein „Pi“.

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