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09. Aug 2016

Entertainment

UNICUM trifft: Quentin Tarantino

-ARCHIV-

Am 17. Januar startet mit "Django Unchained" der neuste Film des Kultregisseurs

"Es gibt Szenen, die nur schwer erträglich sind"

UNICUM: Mister Tarantino, man spricht deutsch in Django Unchained, es erklingt Beethoven und selbst das Nibelungenlied wird bemüht – wie kommt das?Tarantino: Ich war schon etliche Male zu Besuch in Deutschland, beim Dreh von "Inglourious Basterds" habe ich dann für ein halbes Jahr richtig in Berlin gelebt. Das waren wichtige Erfahrungen in meinem Leben, die sich nun in Django widerspiegeln. Als Filmemacher hat man den enormen Vorteil, dass man sich aus seinem engen Umkreis fortbewegen kann und Geschichten jenseits der Heimat erzählen kann.

Wie sind Ihre Oscar-Prognosen für Django? Räumt er mehr ab als Spielbergs "Lincoln"?Ich weiß es nicht. Vielleicht bekommen wir gar keinen Oscar, aber ich rechne damit, dass einige Leute von uns ausgezeichnet werden. Ich hoffe, Django bekommt ganz viele Oscars. Ich hoffe, dass wir die meisten bekommen – aber ich habe keine Ahnung. 

Stimmt es, dass Sie Szenen entschärft haben, um bessere Chancen für den Oscar zu haben?Das habe ich nicht für die Oscar-Leute gemacht, sondern für das Publikum. Beim Betrachten von Django durchlebt man sehr viele Gefühle, für den Preis einer Kinokarte soll man möglichst viele Emotionen geboten bekommen. Der Film ist witzig, brutal, romantisch und spannend. Es gibt Szenen, die nur schwer erträglich sind. Und es gibt Gewalt, die kathartisch wirkt, über die man lachen kann. Wenn Django am Ende das Haus seiner Peiniger in die Luft sprengt, möchte ich, dass das Publikum applaudiert. Bei Testvorstellungen habe ich festgestellt, dass einige der brutalen Szenen so dramatisch ausfielen, dass die Zuschauer regelrecht traumatisiert waren. Damit konnten sie diesen Triumph von Django am Ende nicht mehr richtig genießen – deswegen habe ich diese Szenen entschärft. 

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Christoph Waltz beschreiben?Ich habe mich in Christoph verliebt als er für "Inglourious Basterds" vorsprach. Diese Rolle das SS-Offiziers Hans Landa war für mich die beste, die ich je geschrieben habe. Bei der Besetzung wurde mir jedoch klar, dass diese Figur möglicherweise gar nicht zu spielen war. Ich war kurz davor, den Film abzusagen, denn ohne diesen Hans wäre er sinnlos gewesen. Als dann Christoph ins Spiel kam, waren sämtliche Zweifel sofort beseitigt: Er gab mir meine Figur zurück. Und daraus entstand eine wunderbare Zusammenarbeit.

Bei Django gaben Sie ihm sogar das unfertige Drehbuch, was Sie sonst niemals tun…Stimmt, aber ich hatte die Rolle eigens für ihn geschrieben und wusste, dass er sie spielen würde. Als die ersten zwanzig Seiten fertig waren, gab ich sie ihm. Danach gingen wir gemeinsam essen und unterhielten uns darüber. Später gab ich ihm die nächsten zwanzig Seiten und so weiter bis zum fertigen Drehbuch. Für mich hatte das den Vorteil, dass Christoph viel mehr Zeit hatte, sich auf die Rolle vorzubereiten.

"Die Sklaverei war ein Holocaust"

In "Inglourious Basterds" zeigen sie die Gräueltaten der Nazis, in Django Unchained die Unterdrückung der Sklaven – gibt es einen Zusammenhang zwischen beiden Filmen? Klare Antwort: Ja. Amerika ist verantwortlich für zwei Holocausts in seiner Geschichte. Für die Auslöschung der Indianer und für die Sklaverei. Ich wollte mit Django keinen zweiten "Schindlers Liste" erzählen, sondern eine spannenden Geschichte. Ich wollte die Brutalität zeigen, die von Amerikanern an schwarzen Sklaven begangen wurden. In Wirklichkeit ist das 1000fach schlimmer als ich es zeige. Aber mit solchen Bildern wäre der Film nicht zu ertragen geworden.

Kann man den Holocaust des Nationalsozialismus auf dieselbe Ebene stellen?Absolut! Die Sklaverei war ein Holocaust, ebenso das Auslöschen der amerikanischen Ureinwohner. Das ist so verbrecherisch wie die Vernichtung der Juden durch die Deutschen oder der Armenier durch die Türken. Jeder dieser Völkermorde hat seine eigenen Ursachen und Auswirkungen. Aber am Ende steht jeweils ein rassistischer Genozid.

Wenn Django eine Fortsetzung von "Inglourious Basterds" ist, geht es dann bei Ihrem nächsten Film thematisch weiter?Bei allen Unterschieden der beiden Filme gibt es eine Verbindung. Und das legt nahe, dass daraus durchaus eine Trilogie zu diesem Thema entstehen könnte. Ich weiß noch nicht, worum es in diesem dritten Teil gehen sollte, aber mir scheint möglich, dass es ein drittes Kapitel geben könnte.

Warum ist das Thema der Sklavenunterdrückung derart tabu in Amerika?Amerika hat Angst vor diesem Thema und will damit nichts zu tun haben. In Deutschland musste sich die Bevölkerung immer und immer wieder mit seiner Schande auseinandersetzen. Auch die meisten Länder müssen sich mit den Sünden ihre Vergangenheit auseinandersetzen. Nur in Amerika schliddert man stets darüber hinweg. In der Schule redet man über den Goldrausch, aber nicht über die Sklaverei.

Der schwarze Regisseur Spike Lee wettert gegen Ihren Film, dass man das Thema Sklaverei nicht als Spaghetti-Western verpacken dürfe….  Wäre ich ein schwarzer Regisseur, hätte das dem Film gewiss einige Vorwürfe erspart. Aber solche Reaktionen sind mir gleichgültig. Filmkritiken finde ich immer spannend, das gibt mir bisweilen ganz neue Erkenntnis. Politische Kritik an meinen Filmen interessiert mich hingegen absolut nicht. Was immer mir da vorgeworfen wurde, ließ mich vollkommen kalt, dadurch habe ich kein einziges Wort künftiger Dialoge geändert. Es ist meine Verantwortung als Künstler, solche Vorwürfe zu ignorieren.

Die Premiere von Django wurde wegen eines Amoklaufs abgesagt – was sagen Sie zu den Waffengesetzen Ihrer Heimat?Ich finde, Amerikaner sollten das Recht auf Waffen haben. Ich selbst besitze eine Waffe, denn ich lebe allein und möchte mich verteidigen können, falls ich angegriffen werden. Ganz anders sieht es aus bei automatischen Waffen, die auf jeden Fall verboten gehören. Es gibt absolut keinen Grund, dass Leute Waffen besitzen, die für das Militär entwickelt wurden.

Sind Sie noch immer ein vehementer Gegner des digitalen Films?Absolut, digitale Projektion ist für mich Fernsehen, dafür mache ich meine Filme nicht. Ich habe keine Frau und keine Kinder. Es wäre einige Mal fast dazu gekommen, aber es hat nicht sollen sein. Ich bin letztlich nicht unglücklich darüber, weil ich sonst manche Dinge wohl nicht so gemacht hätte, wie ich sie gemacht habe. Für meine Filme habe ich dieses Opfer gerne gebracht. Digitales Kino hingegen wäre für mich nie der Verlust von Frau und Kindern wert. (lacht)

Django Unchained

Western USA, 2012

Regisseur: Quentin Tarantino

Darsteller u. a.: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio

Verleih: Sony Pictures

Deutscher Kinostart: 17. Januar 2013

www.djangounchained.de

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