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09. Aug 2016

Entertainment

Zum Kinostart von "Inside WikiLeaks": UNICUM trifft Daniel Domscheit-Berg

-ARCHIV-

"Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt" mit Benedict Cumberbatch startet am 31.10. im Kino

"WikiLeaks hat stark an ein paar Grundfesten gerüttelt"

UNICUM: Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis auf der Leinwand?Daniel Domscheit-Berg: Insgesamt war das eine positive Überraschung für mich. Ich habe vorher eher skeptisch auf das Ganze geschaut. Das Einzige, was für mich schwierig ist, ist diese persönliche Nähe zur Geschichte. Ich glaube, dass es insgesamt eine sehr positive Botschaft ist, die der Film trägt.

Was sagen Sie zu Daniel Brühl und Benedict Cumberbatch in den Rollen Ihrer Person und als Julian Assange?Daniel Brühl war für meine Rolle eine super Wahl. Ich mochte ihn auch vorher als Schauspieler, er hat viele Rollen gespielt, die ich persönlich interessant fand. Und Benedict Cumberbatch ist als Julian Assange auch wirklich extrem nah dran. Er bekommt den Akzent wirklich gut hin. Einmal am Set kam Benedict Cumberbatch in meinen Augenwinkel reingelaufen – das hat wirklich einen Augenblick gedauert, bis mein Gehirn das ordentlich verarbeitet hatte. Weil es einfach zu real aussah und klang.

Der Film trägt den Beinamen "Die fünfte Gewalt". Denken Sie, dass man Whistleblowing-Seiten tatsächlich als eine fünfte Gewalt sehen kann?Ich glaube nicht, dass es um die Whistleblowing-Seite als fünfte Gewalt geht, sondern um Dynamiken, die sich zusätzlich zur vierten Gewalt, also der Presse, im Internet etabliert haben. Das ist nicht eine einzelne Plattform, auch das, was Blogger machen, geht in diese Richtung. Oder die Art, wie heute soziale Netze dafür sorgen können, dass irgendwo politisch Druck aufgebaut wird. All das sind Dynamiken, die diese Vernetzung mit sich bringt. Solche Dynamiken würde ich heute als fünfte Gewalt definieren. Und dazu zählt  natürlich auch. Und vielleicht ein bisschen mehr, weil es schon stark an ein paar Grundfesten gerüttelt hat.

"Wir brauchen viel mehr solcher Plattformen für Whistleblower"

Der Kinofilm bekommt durch die Vorfälle rund um Edward Snowden noch eine ganz andere Aktualität. Ist das ein weiterer Beleg dafür, dass Whistleblowing-Seiten gebraucht werden?Auf der einen Seite zeigt es natürlich umso mehr, wie wichtig es ist, dass Leute mit solchen Inhalten an die Öffentlichkeit gehen. Es zeigt auch, dass es nicht der Fall ist, dass sich nach dem Vorfall mit Chelsea Manning keiner mehr traut, an die Öffentlichkeit zu gehen, sondern im Gegenteil – dass es trotzdem inspiriert hat. Und dass man vielleicht nur lernen muss, über welchen Kanal man solche Informationen rausgibt.

War es im Fall Snowden richtig, die Presse als Kanal zu wählen?In diesem Fall, in dem man sich wirklich mit einem System wie der NSA anlegt, die Überwachung auf einem komplett globalen Niveau betreibt, ist es sehr schwierig mit solchen Plattformen. Da bewegt man sich wahrscheinlich an der Grenze des Machbaren. Ich hätte Snowden nicht empfohlen, das über eine elektronische Plattform zu machen. Von daher glaube ich, dass er das extrem geschickt gemacht hat und er aus den Fehlern, die beispielsweise bei Manning passiert sind, gelernt hat. Aber auf der anderen Seite zeigt das auch, dass wir noch viel mehr solcher Plattformen brauchen, denn es gibt ja noch viel mehr Whistleblower außerhalb dieser fünf ganz großen Geschichten der Welt. Das beginnt überall im Kleinen und für solche Leute fehlt uns heute die Möglichkeit, diese aufzufangen.

Sie arbeiten selbst auch an einer solchen Plattform namens OpenLeaks. Wie steht es darum?Es ruht ein bisschen. Stillgelegt ist es nicht, weil wir die Ideen auf verschiedenste Arten und Weisen noch weiter verfolgen. In Angesicht der Publikationen um Snowden glaube ich allerdings, dass wir erst mal gesellschaftlich ein paar grundlegende Dinge festlegen und auch gewisse Integritätsmechanismen des Internets reparieren müssen. Danach können wir erst wieder ernsthaft drüber nachdenken, in welchem Maßstab man solche Plattformen aufziehen kann. Es ist extrem schwierig in der aktuellen Situation, der Technik vertrauen zu wollen.

Wie gefiel Ihnen die Debatte zur NSA, die nach dem Bekanntwerden folgte. Geht das in die richtige Richtung?Ich glaube, die Debatte geht in die richtige Richtung. Mir ist nur vollkommen unklar, warum da niemand ein Streichholz in diesen Tank wirft. Das ist so, als würde seit Monaten weiter Benzin in diesen Tank geschüttet und alle Leute stört das ein bisschen, aber es stört niemanden so sehr, dass wir mal endlich dagegen laut werden. Das macht mich ein bisschen pessimistisch. Und ich hatte sehr gehofft, dass wir mittlerweile an einem Punkt sind, an dem genug Menschen verstehen, was das alles bedeutet für die Grundfesten einer freien Gesellschaft. Weil eben jeder dieses Smartphone dabei hat und weil jeder weiß, wie wichtig diese Geräte in Bezug auf die Privatsphäre des einzelnen sind. Aber anscheinend sind wir noch nicht an dem Punkt.

"Medienkompetenz sollte ein Unterrichtsfach sein"

Sollte Medienkompetenz ein Unterrichtsfach sein, damit junge Leute mehr Verständnis dafür entwickeln?Absolut! So früh wie möglich und auch ganz anders, als es jetzt vermittelt wird. Ich habe einen 13-jährigen Sohn, der in der Schule mit einem ganz falschen Ansatz an das Thema Computer geführt wird. Ich glaube nicht, dass man beim Erstellen von PowerPoint-Präsentationen anfangen sollte. Das ist wichtig, aber ich denke, dass man parallel schon über andere Themen sprechen muss. Die wollen ja alle in sozialen Netzen rumhängen und haben Smartphones, aber keine Ahnung davon. Hier wäre es ganz wichtig, sehr früh Impulse und Orientierungspunkte zu geben.

Ist es aber nicht so, dass Schüler heute in Sachen Technik mehr Ahnung haben als die meisten Lehrer?Das ist in vielerlei Hinsicht richtig, aber zugleich auch ein gefährlicher Trugschluss. Denn es geht ja um mehr als nur das Benutzen von Geräten. Nur weil Schüler schneller mit einem iPad zurechtkommen als Lehrer, sagt das noch nichts über die Medienkompetenz.

Kurz & kompakt
  • Ab dem 31. Oktober ist "Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt" bundesweit in den Kinos zu sehen.
  • Daniel Domscheit-Berg absolvierte ein duales Studium "Angewandte Informatik" an der Berufsakademie Mannheim. Für den Praxisteil des Studiums arbeitete er beim ITUnternehmen Electronic Data Systems.
  • Gemeinsam mit einem kleinen Team um Julian Assange wirkte er bis September 2010 maßgeblich an der Whistleblowing-Plattform WikiLeaks mit, fungierte unter anderem als deutscher Sprecher.
  • Das Drehbuch basiert zu großen Teilen auf den Büchern von Daniel Domscheit-Berg ("Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichstenWebsite der Welt)" und den "The Guardian"-Journalisten David Leigh & Luke Harding ("WikiLeaks: Inside Julian Assange’s War on Secrecy").

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