Studienteilnehmer finden
Keine zufriedenstellende Alternative: Umfrage-Teilnehmer erfinden | Foto: Thinkstock/Beornbjorn
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30. Apr 2015

Jens Wiesner

Prüfungstipps

Studienteilnehmer finden

Woher nehmen, wenn nicht fälschen?

Umfragen sind mit hohem Aufwand verbunden

"Natürlich habe ich während meines Studiums mal eine Umfrage gefälscht, das machen doch alle." Sven (28), der eigentlich ganz anders heißt, zuckt mit den Schultern. Eine Proseminararbeit sei es gewesen, 15 Seiten, Politikwissenschaft. Wirklich schuldig fühlt er sich nicht. "Die Arbeit war völlig irrelevant für meine Abschlussnote, der zeitliche Aufwand für eine echte Umfrage viel zu groß."

Denn es braucht nicht nur eine kritische Masse, um repräsentative Aussagen treffen zu können; im Idealfall auch eine heterogen zusammengesetzte. Wer dann lieber auf den Teilnehmer-Pool kommerzieller Dienste zurückgreifen will, muss schonmal vierstellige Beträge parat haben.

Pia Lamberty (31) kennt das Problem aus ihrem Psychologie-Studium an der Fernuni Hagen. Ihr Tipp für die Probandensuche: Facebook-Gruppen anschreiben und Mailinglisten der Universitäten und Fachschaften nutzen. "Hier ist ein gewisses Maß an Sensibilität gefragt, da einige Listen keine Studien über ihre Verteiler verschicken wollen", weiß Lamberty. In Foren- und Facebook-Gruppen sollte man vorher absichern, ob ein Posting auch erlaubt ist.

Vor einem anderen Problem stand Frederik Ferié (32) bei seiner Promotion an der Steinbeis-Hochschule Berlin. "Wer nur im eigenen Bekanntenkreis fragt, bleibt meistens in einem Milieu verhaftet", so der Wirtschaftswissenschaftler. Die Folge: eine Stichprobenverzerrung. Das Schneeballverfahren nutze sich zudem schnell ab: Machen bei der ersten Anfrage noch viele mit, finden Folgestudien immer seltener Beachtung.


InfoMehr Infos:

  • Die Dienste von Anbietern wie Unipark oder RogCampus können von Studenten an vielen Unis gratis genutzt werden.
  • Ein Blick lohnt sich auch auf das Fragebogen-Tool SoSci Survey (www.soscisurvey.de).
  • US-Forscher nutzen für ihre Umfragen verstärkt die Amazon-Plattform MechanicalTurk (AMT). Der US-Service ist in Deutschland allerdings nicht nutzbar. Es gibt seit kurzem aber eine deutsche Variante.

Online eröffnen sich neue Möglichkeiten

Diese Erfahrung musste auch Ekaterina Damer (26) machen. Im Frühling letzten Jahres gingen der Doktorandin, die derzeit an der Universität Sheffield forscht, die Studienteilnehmer aus. Deshalb rief sie gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Phelim Bradley eine Online-Plattform ins Leben – ProlificAcademic. "Jeder Forscher kann dort seine Studien posten, ganz egal ob Bachelor-Student oder Professor, und im Handumdrehen Teilnehmer rekrutieren", erklärt Damer. 5.400 angemeldete Teilnehmer fasst die englischsprachige Seite mittlerweile, die meisten von ihnen stammen aus Großbritannien und den USA.

Aber wie bringt man Menschen dazu, aktiv daran teilzunehmen? Pia Lamberty schwört auf Flyer, die mit der Studie gepostet werden und zusätzliche Aufmerksamkeit generieren. Für Frederik Ferié ist Datenschutz seine Regel Nummer eins: "Die Teilnehmer müssen sich sicher sein, dass ihre Daten anonym bleiben, und das muss man als Forschender auch gewährleisten."

Unabdingbar sei zudem ein Anreiz, der das Mitmachen belohnt – meist ein kleiner Geldbetrag oder die Verlosung eines Gewinns. Die Studienteilnahme koste auch Zeit, die man fairerweise honorieren sollte, sagt auch Ekaterina Damer. Bei Prolific Academic dürfen von daher die Forscher bestimmen, was sie ihren Teilnehmern zahlen wollen – mit einer Ausnahme. "Wir haben ein Mindestmaß von 6,50 Euro Stundenlohn vorgegeben", erklärt Damer. Hinzu kommen zehn Prozent Aufschlag, um neue Sprachversionen zu schaffen und mehr internationale Teilnehmer anzuwerben.

Und was sagt Sven zu diesen Möglichkeiten? "Wenn ich mir anschaue, was online heute möglich ist, würde ich wohl nicht mehr schummeln." Die alte Ochsentour durch die Seminare vermisst er auf jeden Fall nicht ...

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