Jakobsweg pilgern
Viele Wege führen nach Santiago de Compostela | Foto: Thinkstock/sollafune
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02. Aug 2017

Nico Marius Schmitz

Freizeit

Pilgern statt Pauken: Studierende auf dem Jakobsweg

Was ist der Jakobsweg?

Der Name des Jakobswegs (spanisch: "Camino de Santiago") geht auf Jakobus den Älteren zurück und bezeichnet eigentlich mehrere Wanderwege, die aber alle dasselbe Ziel haben: Santiago de Compostela, das Grab des Apostels. 2016 waren rund 278.000 Menschen auf dem Jakobsweg unterwegs, die meisten Pilger wählten dabei den "Camino francés" quer durch Nordspanien (65 Prozent) und als Startpunkt die nah an der spanischen Grenze gelegene französische Stadt Saint-Jean-Pied-de-Port (800 Kilometer bis nach Santiago).

Um als offizieller Pilger zu gelten, muss man mindestens die letzten 100 Kilometer zu Fuß oder die letzten 200 Kilometer mit dem Fahrrad absolvieren und dabei täglich zwei Stempel sammeln. Die Stempel erhält man in den auf dem Jakobsweg gelegenen Dörfern, zum Beispiel im Tourismusbüro oder der Pilgerherberge.

Im Interview: Anna, Studentin und Jakobsweg-Pilgerin

UNICUM: Wie lange hast du für die Planung deiner Reise gebraucht?
Anna: Ich habe mich bereits ein halbes Jahr im Voraus über alles informiert. Dabei habe ich zuerst geplant, welchen Jakobsweg ich überhaupt gehen möchte. Ich habe mich schließlich für den "Camino de la Costa", also den Küstenweg, entschieden. Den Reiseführer und sämtliches Material für den Weg habe ich ein Vierteljahr bevor es los ging organisiert und habe mich auch ständig damit auseinandergesetzt. Die Neugier und die Vorfreude waren einfach so riesig.

Anna KrokeWieso hast du dich dafür entschieden, alleine zu pilgern?
Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, einfach mal etwas nur für mich alleine zu machen – ohne Rücksicht auf die Wünsche oder Bedürfnisse anderer nehmen zu müssen. Außerdem wollte ich erfahren, wie ich auf Dauer mit mir selber zurechtkomme und ob ich gut alleine sein kann. Auch ganz alleine Hindernisse zu bewältigen, die sich einem auf der Reise eventuell in den Weg stellen, hat mich gereizt. Auch wenn sich das etwas plump anhört, aber ich kann von mir wirklich behaupten, dass ich ein Stück zu mir selbst gefunden habe.

Wie sah die Route aus, auf der du gepilgert bist?
Ich bin den Küstenweg gepilgert, diesen empfand ich als eine Herausforderung als Pilgeranfänger. Der Küstenweg verläuft nicht eben, das ständige Auf und Ab geht auf die Ausdauer und hat mich oft an meine Grenzen gebracht. Ich habe allerdings nicht den gesamten Weg bis nach Santiago beschritten, sondern bin von der französisch-spanischen Grenze bis kurz hinter Bilbao gepilgert, also nur einen kleinen Abschnitt des Caminos.

Tolle Begegnungen mit Menschen aus aller Welt

Wie lange warst du täglich unterwegs?
Ich bin morgens zwischen 7 Uhr und 8 Uhr losgegangen und habe versucht gegen 15 Uhr an meiner geplanten Pilgerherberge zu sein. Oft haben die Herbergen ab 15 Uhr geöffnet: Wenn man zu spät war, hat man keinen Schlafplatz mehr bekommen, weil alles überfüllt war. Das ist mir am ersten Tag passiert und ich musste fast 10 Kilometer weiterlaufen, damit ich eine Unterkunft finde. Sechs bis acht Stunden am Tag war ich auf jeden Fall unterwegs, aber ich habe mir auch Zeit gelassen, die Landschaft zu genießen.

Wie war der Kontakt mit den anderen Pilgern?
Man lernt so viele interessante und unterschiedliche Menschen kennen. Die meisten von ihnen sieht man auf seinem Weg in regelmäßigen Abständen wieder, da man häufig dieselben Etappen nimmt. Ich habe ein Mädchen meines Alters aus Jena und einen ca. 50-jährigen Mann kennengelernt. Wir haben uns super verstanden. Da wir auch ungefähr das gleiche Tempo hatten, sind wir einige Tage gemeinsam gepilgert. Irgendwann haben wir uns aber getrennt, was mir sehr gelegen kam, denn ich wollte gerne wieder ein Stück alleine laufen. Jeden Nachmittag und Abend habe ich mich mit den verschiedensten Menschen unterhalten, man hat zusammen gegessen und etwas getrunken. Dabei habe ich ganz tolle Begegnungen mit Menschen aus China, Mexiko, Argentinien, Deutschland, Frankreich und vielen anderen Ländern gehabt.

Wie war dein grober Tagesablauf?
Ich bin morgens um ca. 06:30 Uhr aufgestanden, habe mich angezogen und bin losmarschiert. Unterwegs gab es Wasser, was man sich an sämtlichen Wasserstellen oder frischen Quellen abfüllen konnte. Obst und Gemüse hatte ich mir am Abend zuvor im Supermarkt gekauft, damit ich meinen Proviant sofort dabei hatte. Wenn ich nachmittags in der Pilgerherberge angekommen war, habe ich geduscht und mich umgezogen und mir die kleinen Orte, in denen ich war, angeschaut oder war im Meer schwimmen. Manche Herbergsväter- oder Mütter bekochten die Pilger, manchmal ist man gemeinsam in ein kleines Lokal gegangen, in dem es entsprechende Pilgermenüs gab. Dort saß man bis zum späten Abend und tauschte sich über alles aus. Ich habe mich aber jeden Abend aufs Neue auf das Bett gefreut.

Auch in Deutschland gibt es Teile des Jakobswegs

Würdest du den Jakobsweg nochmal wandern?
Definitiv ja. Da ich ja bisher nur einen Teil vom Camino gelaufen bin, möchte ich die nächsten Abschnitte bis nach Santiago bzw. bis zum Kap Finisterre gehen. Das habe ich mir auch schon fest vorgenommen. So wie es aussieht, werde ich das nächstes Jahr nach dem Bachelor weiterführen. In meiner Heimat gehe ich auch ab und an den Mosel-Camino oder den Eifel-Camino. Es gibt nämlich viele Teile des Jakobswegs hier in Deutschland, die echt super schön sind.

Hat der Jakobsweg dich "verändert"?
Ich würde sagen: ja. Man erlebt auf dem Weg Momente, die einen verzweifeln lassen und die einen hinterfragen lassen, wieso man sich das überhaupt antut. Aber ebenso gibt es so viele Momente, die einen so stolz und glücklich machen. Ich glaube, ich bin durch die kurze Zeit auf dem Camino selbstbewusster geworden, weil ich gemerkt habe, dass ich vieles alleine schaffen kann. Ich setze mich mit manchen Dingen auch anders auseinander als vorher, vielleicht bin ich dadurch auch etwas reifer geworden. Und am wichtigsten: ich habe gelernt, dass es sich lohnt, diszipliniert etwas durchzuziehen, auch wenn es mal keine Freude bereitet oder etwas schiefläuft. Das Gefühl, wenn man es geschafft hat, ist unvergleichlich! Das ist mir alles wirklich bewusst geworden.


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