Ebbe und Blut Interview
Herrlich unverklemmt: Luisa und Eva schreiben über den weiblichen Zyklus | Foto: Katharina Pflug

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23. Jun 2017

Sandra Ruppel

Liebe & Sex

Ebbe und Blut: Frauen, feiert euren Zyklus!

Menstruation: Ich weiß, dass ich nichts weiß

Wir sind Frauen. Wir sind informiert und emanzipiert. Wir wissen ungefähr, wann unser Eisprung ist, dass unser Zyklus zwischen 24 und 28 Tagen dauert – und spätestens, wenn wir unnormalen Heißhunger schieben und uns ein rühriger Werbespot, den wir eigentlich bescheuert finden, zum Heulen bringt, ahnen wir: Bald geht es wieder los mit der Periode.

Wenn es soweit ist, schieben wir uns ein Tampon rein und machen weiter. Oder eben auch nicht, je nachdem, wie stark die Schmerzen sind, die uns unser Uterus in dieser Phase bereitet. Spätestens, wenn wir zusammengekrümmt auf der Couch liegen, verfluchen wir unsere Gebärmutter und hoffen, dass die Schmerztabletten bald helfen. Und wenn das geschafft ist, geht der ganze Kreislauf wieder von vorne los.

Soweit, so gut. Aber was wissen wir denn wirklich über die Dinge, die während unseres Zyklus in unserem Körper passieren? Genau das haben sich die beiden Grafikerinnen und Illustratorinnen Luisa Stömer und Eva Wünsch auch gefragt, als sie gerade auch auf der Suche nach einem Thema für ihre Abschlussarbeit an der TH Nürnberg waren. Und kurzerhand beschlossen, der Sache mit dem weiblichen Zyklus auf den Grund zu gehen. Herausgekommen ist das Buch "Ebbe und Blut: Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus", das nicht nur informativ, sondern vor allem ziemlich schön gestaltet ist.

Mit Ästhetik gegen falsche Scham

UNICUM: Eva und Luisa, "Ebbe und Blut" ist eigentlich ein Grafik-Projekt, die Illustrationen sind cool, Einband und Papier fühlen sich hochwertig an. Man hat richtig Lust, darin zu blättern. Hat man weniger Hemmungen, sich mit Menstruation zu beschäftigen, weil das Buch so schön aussieht?

Luisa: Wir wollten, dass die Gestaltung dazu einlädt, sich auch mit so einem tabuisierten Thema wie den Tagen auseinanderzusetzen. Wir haben insgesamt zehn Monate an "Ebbe und Blut" gearbeitet, während der ersten fünf Monate haben wir Anatomie-Lexika und Sekundärliteratur für Medizin-Studenten gewälzt. Dabei haben wir festgestellt, dass das Wissen, das in diesen Büchern steckt, zwar unglaublich interessant ist und dass die Informationen darin auch genau die sind, die wir gebraucht haben. Aber wir mussten uns trotzdem ziemlich damit abkämpfen, weil diese Bücher alle furchtbar gestaltet sind.

Dabei sollte die Gestaltung nicht nur übersichtlich sein, sondern auch Lust machen, sich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen. Auch wenn es mal etwas komplizierter wird. Uns war wichtig, dass man direkt sieht, dass im Buch ein ästhetischer Umgang mit Menstruation stattfindet.


Aufklärungsbuch modern


"Als Frau muss man ständig so tun, als gäbe es die Menstruation gar nicht"

Woran liegt es, dass wir uns immer noch scheuen, uns mit unserem eigenen Körper auseinanderzusetzen? Oder ist das eher Unlust, als Scheu?

Eva: Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass der Körper in unserer Gesellschaft dauernd auf seine Hülle reduziert wird. Man kann zwar überall nackte Körper sehen, aber die Körperfunktionen werden dabei völlig wegignoriert. Keiner möchte darüber sprechen, dass einmal im Monat Blut aus uns herausfließt.

Auch in der Werbeindustrie wird ein völlig falsches Bild von Frauen während der Menstruation vermittelt. Dadurch, dass Blut meistens blau dargestellt wird oder Frauen immer in weißen Kleidchen durch die Gegend hüpfen, wird einem ständig etwas vorgelebt, das einfach nicht existiert.

Luisa: Richtig. Durch den medialen Einfluss wird man als Frau permanent dazu angehalten, so zu tun, als gäbe es die Menstruation gar nicht. Der gesellschaftliche Umgang mit der weiblichen Periode ist auch im 21. Jahrhundert immer noch total verklemmt. Deswegen ist es auch noch ein Tabuthema und deshalb sitzt immer noch ganz tief in den Köpfen drin, dass die Periode eine Schwäche der Frau ist. Etwas Ekliges, oder Schamvolles, das man ausblendet.

In Italien wird gerade diskutiert, ob es drei Tage Menstruationsurlaub pro Monat für Frauen geben soll, die während ihrer Periode starke Schmerzen haben. Was haltet ihr von dieser Idee?

Eva: Im Prinzip ist das eine gute Idee, so wird dieser Phase des Zyklus mehr Bedeutung zugestanden. Das Thema wird in den Fokus gerückt und ernstgenommen. Wir finden aber die Begrifflichkeit komisch: "Menstruationsurlaub", das klingt so, als würde man mit einem Cocktail am Strand liegen und sich eine schöne Zeit machen.

Aber eigentlich geht es ja darum, dass manche Frauen so starke Schmerzen haben, dass sie einfach zu Hause bleiben müssen. Es wird ja auch nicht jede Frau diesen Urlaub bekommen, sondern nur die Frauen, die durch ihre Periode stark eingeschränkt sind und diese Zeit nur mit jeder Menge Schmerzmittel überstehen können.

Hast du deine Tage, oder was?

Dem Denken, dass Frauen während ihrer Periode nicht belastbar oder unleidlich seien, begegnet man leider immer noch ziemlich oft. Habt ihr auch schon mal ein "Hast du deine Tage, oder was?!" zu hören bekommen?

Eva: Das hat wahrscheinlich jede Frau schon mal gehört. Es kommt auf den Kontext an: Wenn ein guter Freund oder der Partner einfach mal nach hört, ob es dir gut geht, oder eben nicht, weil du deine Tage hast, dann kann die Frage ja durchaus einfühlsam gemeint sein. Wenn es aber bei einer Stimmungsschwankung einfach so pauschalisierend dahingesagt ist, ist das natürlich scheiße.

Luisa: In so einem Fall kann man der Person auch direkt mal sagen, dass der Spruch beschissen ist. Selbst wenn ich gerade dünnwandiger bin, entsteht meine Reaktion ja immer noch durch die blöde Art der Person, die den Spruch gemacht hat. Nicht durch das, was mein Uterus gerade tut.

"Es ist schön für das eigene Frausein, wenn man über seinen Zyklus Bescheid weiß"

Ihr gebt in "Ebbe und Blut" einen richtig guten Überblick über alles, was mit dem weiblichen Zyklus zusammenhängt und man lernt vieles, das man vorher nicht wusste. Was hat bei der Recherche für euch den größten Aha-Effekt erzeugt?

Eva: Den hatten wir, als wir festgestellt haben, dass auch in der Zeit, in der wir nicht bluten, extrem viel im Körper passiert. Und dass die Hormone total viel mit uns machen. Es gibt zwei Zyklushälften: Die erste, in der man sich total stark fühlt und in Aufbruchsstimmung ist und dann die zweite, die etwas schwieriger ist, weil es schon auf die Periode zugeht. Das war uns alles nicht so bewusst.

Luisa: Es wird plötzlich eine ganz runde Sache, wenn man nicht nur weiß, dass man einmal im Monat blutet und das meistens Schmerzen mit sich bringt, sondern einem auch klar wird, was der Uterus in der ganzen restlichen Zeit leistet. Und dass das große Auswirkungen auf unser Fühlen und Handeln haben kann. Es liefert eine schöne Erkenntnis über das eigene Frausein, wenn man über diese Abläufe während des Zyklus Bescheid weiß.

Am Ende eures Buches verratet ihr, dass eine Urologin in den USA Cannabis-Zäpfchen gegen Regelschmerzen entwickelt hat. Ab wann gibt es die Cannabis-Zäpfchen bei uns?

Eva: Das wissen wir leider nicht – wir würden die auch total gerne mal ausprobieren! Ich denke, das wird bei uns noch ein bisschen länger dauern, bis das auf dem Markt ist.


ebbe und blut buchUNICUM Buchtipp

Ebbe & Blut: Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus

Luisa Stömer und Eva Wünsch

Gräfe und Unzer, April 2017

Online bestellen (Amazon): Ebbe & Blut

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