Generation Porno
Food-Porn oder Porn: Na, woran denkst du bei diesem Bild? | Foto: Thinkstock/unalozmen
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03. Jul 2017

Alexandra Trudslev

Liebe & Sex

Generation Porno? Wie wild und hemmungslos ihr wirklich seid

Sex sells: In den Medien mehr denn je

Generation Porno? Generation Y? Generation What? Klischees über das studentische Sexleben gibt es mindestens so viele wie soziologische Bezeichnungen. Auch in Magazinen, Blogs und Interviews ist das Thema ein Dauerbrenner. Der Spiegel-Ableger "Bento" berät mit der "Vögelkunde", das Online-Magazin "Vice" interviewt zum Thema WG-Sex und das multimediale Internet-Projekt "Generation What" interessiert sich nicht nur für die politische Einstellung junger Europäer, sondern eben auch für deren Sexualität. Studierende sprechen vor der Kamera über Pornokonsum, Dreier, Selbstbefriedigung und Sextoys, als würden sie sich eine Pizza bestellen.

Aber was sagt uns das? Ist ein lockeres Reden über Sex ein Zeichen dafür, dass es auch in den Schlafzimmern entsprechend zugeht? Und wie wirken sich Tinder und eine online immer verfügbare Pornowelt auf das Liebesleben aus?



Akademiker sind Spätzünder

Belastbare Antworten gibt es unter anderem in der wohl umfangreichsten deutschen Langzeitstudie, die am Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durchgeführt wird. Dort erheben Wissenschaftler seit 1966 etwa alle 15 Jahre Daten zur studentischen Sexualität. Die neusten Ergebnisse stammen aus 2012, insgesamt haben mehr als 10.000 Studenten geantwortet. Die wohl verblüffendste Erkenntnis: Abseits der sexuellen Revolution Ende der 1960er-Jahre "hat sich – aktuellen Diskursen der sexuellen Verwahrlosung zum Trotz – nur wenig geändert", analysieren die Autoren Prof. Arno Dekker und Dr. Silja Matthiesen. Im Klartext: Die angebliche Generation Porno ist weder sexsüchtig noch übermäßig untreu, noch besonders frühreif.

Die Hamburger Studenten-Erhebung zeigt stattdessen: Den ersten Sex erlebten junge Männer aus der Akademikerwelt heute mit 18,3 Jahren und Frauen mit 17,4 Jahren – und dann zu 90 Prozent in festen Beziehungen. Die meisten Studenten haben während der Unizeit schon eine Beziehung hinter sich und entsprechende Erfahrungen gesammelt. Dennoch sind die Akademiker beim ersten Mal tendenziell eher Spätberufene. Zum Vergleich: Im Durchschnitt haben Jugendliche in Deutschland mindestens etwa ein Jahr früher Sex als die Gruppe der Akademiker, so zeigen diverse Umfragen.



Tinder ist ein Zeitvertreib

Der 68er-Slogan "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" hat lange ausgedient. Vielmehr ist Treue laut Hamburger Studie das geltende Ideal. Die Ergebnisse zeigten außerdem, dass weder Singlesex noch Sex in Affären oder Seitensprünge zugenommen haben. "Trotz der vielen Möglichkeiten, die das Netz heutzutage bietet, bleibt die Vielfalt des beobachtbaren sexuellen Verhaltens weit hinter ihren Möglichkeiten", resümiert Dr. Silja Matthiesen die Ergebnisse ihrer Studie. Ein erstaunlicher Befund, der die meisten Sex-Mythen rund ums Unileben entzaubert.

Das untermauert eine aktuelle Studie der Hochschule Fresenius Köln über Tinder-Nutzer (einsehbar unter: journal-bmp.de). Die legt nahe, dass das besonders bei den Mittzwanzigern beliebte Datingportal eben häufig nicht nur für schnelle Ex-und-hopp- Verabredungen und zur Partnersuche dient. Sondern: "hauptsächlich zum Zeitvertreib, zur Kommunikation mit anderen sowie zur Erzielung von Bestätigung genutzt wird." Ein "willkommenes Medium zur emotionalen Zerstreuung" – und zwar auch bei Liierten. Die Autoren der Studie folgern, dass Tinder und Co. gerade für die Jüngeren, noch nicht dauerhaft Gebundenen eine bequeme Option sind, "kontinuierlich zu prüfen, ob sich nicht ein Partner finden ließe, der den Ansprüchen noch eher genügt".


Liebestöter Bologna?

Die unverbindliche digitale Kommunikation ermöglicht es offenbar, dass ihr euch gerne viele Optionen offenhaltet. Vielleicht auch, weil ihr pragmatischer mit eurer Freizeit umgehen müsst? "Die straffen Lehrpläne sorgen dafür, dass Studenten ständig unter Druck stehen", weiß auch Tim Reichel, Buchautor und Betreiber des Blogs "Studienscheiss". Ein Beziehungskiller sei der Bachelor ihm zufolge aber nicht. Und auch unsere Umfrage zeigt: Die Hälfte von euch hat noch genauso viel Sex wie vor dem Studium und 32 Prozent machen es sogar öfter. Nur in stressigen Prüfungsphasen lassen es 45 Prozent ruhiger angehen, während 10 Prozent dann erst recht Gas geben.



Von Filmchen und Spielzeugen

Und was ist mit dem Pornokonsum? Hier hat sich in den letzten zehn Jahren tatsächlich einiges getan, so die Ergebnisse der Hamburger Langzeitstudie. Deutlich mehr Frauen als früher geben an, Pornos zu schauen. Was auch daran liege, dass sie im Netz unkompliziert nach ihren Vorlieben suchen könnten. Doch nach wie vor sind Sexfilme bei Männern beliebter. Im Durchschnitt nutzen sie sie zweimal pro Woche zur Selbstbefriedigung. Was die ständige Verfügbarkeit mit den Studierenden macht? Sie gehen mehrheitlich sehr reflektiert mit ihrem Konsum um, stellen die Hamburger Forscher fest. Von einer massenhaften Verbreitung eines übersteigerten sexuellen Verlangens könne keine Rede sein. Nur eine kleine Gruppe habe ihren Konsum nicht mehr richtig im Griff.

Eine der deutlichsten Veränderungen gegenüber früher ist, dass die heutige Studentengeneration offener ist, diverse Sexualpraktiken auszuprobieren. Fesselspiele, Dildos und so weiter werden zumindest einmal ausgetestet. "Die Lust, etwas Neues auszuprobieren, halte ich für einen Effekt, der durch neue Medien verursacht wird: Was man sich vor 15 Jahren vielleicht noch gar nicht vorstellen konnte, sieht man heute tausendfach im Internet", meint Blogger Tim Reichel. Für Prof. Arne Dekker und seine Forscherkollegen ist diese erlebnisorientierte Sexualität eine neue zusätzliche Form der Selbstfindung – die aber nur kurz andauert. "Dass diese Praktiken dann auch von den meisten in die regelmäßige Alltagssexualität integriert werden, halten wir für unwahrscheinlich." Wie heißt es so schön: Probieren geht über Studieren!


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