Ghosting Tipps
Geghostet werden tut weh. Am Ende hilft aber nur, den Kontaktabbruch zu akzeptieren. | Foto: Angelo Mercadante/Unsplash
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04. Okt 2018

Hannah Essing

Liebe & Sex

Ghosting: Was, wenn plötzlich Funkstille herrscht?

Ghosting: Was hat es damit auf sich?

Ghosting an sich ist kein neues Phänomen: der Begriff dazu allerdings schon. Erst seit einigen Jahren hat das Verhalten diesen passenden Namen. Beim Ghosting wird nämlich der Kontakt zu einer anderen Person komplett abgebrochen – das heißt, kein persönlicher Kontakt, keine Nachrichten, keine Social-Media-Kanäle. Einfach nichts. Meistens kommt Ghosting zwischen Pärchen oder potenziellen Pärchen vor, aber auch in Freundschaften wird manchmal geghostet. Natürlich gab es so was früher schon, aber durch die vielen Möglichkeiten, die Social Media inzwischen mit sich bringt, wird es viel offensichtlicher, wenn jemand den Kontakt mit einem abbricht. Inzwischen berichten fast die Hälfte aller Männer und Frauen, dass sie schonmal von einem potenziellen Date geghostet wurden – und ungefähr genauso viele berichten, dass sie selbst schonmal geghostet haben.

Was sind Gründe fürs Ghosten?

Die Gründe fürs Ghosting sind ganz unterschiedlich: vielleicht merkt man, dass aus einer potenziellen Beziehung doch nichts wird und statt offen darüber zu reden, geht man dem unangenehmen Gespräch aus dem Weg und entscheidet sich stattdessen, den Kontakt einfach ohne Vorwarnung abzubrechen.

Häufig betrifft es zwei Menschen, die sich nicht persönlich aus dem Alltag kennen, sondern vor allem online miteinander kommunizieren, sich vielleicht auch noch nie gesehen haben. "Einerseits ist der Wunsch da, anderen Menschen näher zu kommen. Wenn man dann aber merkt, dass von der anderen Seite weniger Resonanz kommt, oder Wünsche und Sehnsüchte, die mir nicht gefallen oder nicht mit meinen übereinstimmen, müsste ich das emotionale Risiko aufnehmen und Nein zu dieser potentiellen Beziehung sagen", erklärt Peter Eichenauer, Ausbilder in Coaching und Supervision vom Institut Intasco. "Man könnte sagen, dass viele Leute diesen Preis nicht zahlen wollen." Statt also mit den Gefühlen offen umzugehen, wird die Person fallen gelassen, um nicht mit der Enttäuschung umgehen zu müssen.

"Das Ganze hat natürlich einen extremen Charakter von Ausgrenzung", erklärt Peter Eichenauer. "Plötzlich ist keine Resonanz mehr da. Ganz ohne Sprache wird deutlich gemacht: du gehörst nicht mehr dazu. Welche hohe emotionale Wirkung das hat, kennen auch Mobbing-Opfer aus Erfahrung."

Was kann man tun, wenn man geghostet wird?

Ganz ehrlich: es kann ziemlich weh tun, geghostet zu werden. Nicht nur, weil man in den meisten Fällen nicht weiß, was eigentlich dahintersteckt, sondern auch, weil man die Beziehung oder die Freundschaft vermisst. Aber es ist wichtig zu verstehen, dass man niemanden dazu zwingen kann, in Kontakt zu bleiben und es manchmal besser ist, sich damit abzufinden und zu akzeptieren, dass der andere vielleicht gerade ganz andere Probleme hat – die oft auch nichts mit einem selbst zu tun haben. Statt dem anderen also hinterherzutelefonieren oder auf WhatsApp und jedem möglichen Social-Media-Kanal mit Nachrichten zu bombardieren, ist es manchmal am sinnvollsten das Schweigen zu akzeptieren und nicht nur seinen Stolz zu bewahren, sondern sich davor zu schützen, sich in etwas hineinzusteigern, das man nicht ändern kann. "Emotional wirkt das trotzdem erstmal nach", meint auch Berater Peter Eichenauer. "Dann ist es wichtig, erstmal innezuhalten und zu merken, wie unfair diese Behandlung war. Aber auch, dass man unfaire Dinge nicht einfach einseitig ertragen, sondern sich davon abgrenzen muss."

Um das zu erreichen hilft es, die Trauer, die man fühlt, einen Moment lang zuzulassen. "Zuerst kommt der rationale Teil: darüber nachdenken, welche Beziehung ich möchte, was meine Wünsche und Interessen sind – und ob die Behandlung, die ich erfahre, dazu passt. Dann kommt man zu einem klaren Nein. Danach kann man sich gezielt von der Beziehung verabschieden", so Eichenauer. "Wichtig ist, die Emotionen nicht zu verdrängen, damit man wieder frei davon werden kann. Denn diese Gefühle verschwinden nicht von selbst und wenn man sie nicht verarbeitet, wirken sie nach."

Vielleicht ist die Ghosting-Zeit auch irgendwann vorbei und der andere sucht den Kontakt. Dann liegt es ganz an dir zu entscheiden, ob du trotz allem, was vorgefallen ist, deinem Geist noch eine Chance geben möchtest. Und selbst wenn nicht, hilft es in jedem Fall, offen darüber zu reden was passiert ist und warum, damit beide Parteien damit abschließen können.

Das Wichtigste ist, zu verstehen, dass man selbst in der Regel nichts dafür kann, dass man angeschwiegen wird. Diese Erfahrung sollte dich nicht davon abhalten, neue Freundschaften und Beziehungen einzugehen.


ghosting verhindern


Und was tun, wenn man selbst ghostet?

Vielleicht willst du einem unangenehmen Gespräch aus dem Weg gehen oder hast gerade viel um die Ohren. Vielleicht ist es auch schon lange her, dass du den Kontakt mit jemandem ohne Vorwarnung abgebrochen hast. In jedem Fall solltest du dir überlegen, ob die Person nicht eine Erklärung für dein Verhalten verdient hat. Aber auch hier gilt, wenn du jemanden ghostest, dann verletzt du nicht nur die andere Person. "Wenn man jemanden ghostet, will man weder seine eigenen Emotionen noch die des anderen erleben. Indem man nicht damit abschließt, nimmt man in Kauf, dass die Gefühle innerlich weiterwirken und zu einem Problem für einen selbst werden", so Eichenauer. "Jeder sollte Verantwortung tragen für die Dinge, die man tut. Oder eben nicht tut."

Wenn du irgendwann zurückschaust und dich vielleicht bei der anderen Person entschuldigen möchtest, muss dir klar sein, dass du vielleicht keine Antwort bekommst. Und auch keinerlei Erwartungen haben kannst, eine zu bekommen. "Es ist ein emotionales Risiko, das dann eingegangen wird," erklärt Peter Eichenauer. "Aber eine Entschuldigung oder Erklärung kann für beide hilfreich sein."

Noch viel zu lernen

datingexperte peter eichenauerSo viel ist klar: Ghosting ist kein angenehmes Phänomen, für keinen der Beteiligten, hat aber seinen Ursprung meistens in Unsicherheit. Auch wenn man sich wünschen würde, dass man offen miteinander spricht, hört man im Internet und Fernsehen immer mehr vom Ghosting – man kann also davon ausgehen, dass die Methode so schnell nicht wieder verschwinden wird. "Es ist natürlich relativ neu, dass man über Technik in Kontakt kommt und so auch Beziehungen beendet," meint Peter Eichenauer. "Da gibt es noch viel zu lernen und mit der Zeit wird sich einspielen, welche sozialen Verhaltensweisen akzeptiert sind und welche nicht." Deshalb kann man sich nur damit abfinden, wenn man geghostet wird – und selbst versuchen, es besser zu machen, wenn es einmal so weit ist.

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