Sexuelle Übergriffe an der Hochschule
Viele Betroffene schweigen aus Scham | Foto: Thinkstock/Cameron Whitman
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01. Jul 2015

Janna Degener-Storr

Liebe & Sex

Sexuelle Belästigung im Studium: Selber Schuld?

Jede zweite Studentin wird in Deutschland an der Hochschule belästigt

Sexuelle Belästigung: Ein Erfahrungsbericht

Wie oft hat Clara daran schon zurückgedacht? An die Situation, als ein Kommilitone ihr auf einer Uni-Party plötzlich auf so komische Art nahekam. Wie er erst anzügliche Kommentare über ihr Aussehen machte und ihr dann aus heiterem Himmel zwischen die Beine griff. Wie sie die Hand wegschob, aber nichts sagte, keine Hilfe suchte, einfach nur erschrocken war und sich hilflos fühlte, ihrem Gegenüber aber nicht zeigen wollte, dass er sie verletzt hatte, dass sie mit der Situation überfordert war.

Heute, rund ein Jahr später, bezeichnet Clara diesen Kommilitonen als Täter, sein Verhalten als Übergriff. Als sie Opfer sexueller Belästigung wurde, war Clara gerade aus dem Elternhaus ausgezogen, studierte erst seit wenigen Monaten, hatte noch keinen engen Freundeskreis am Studienort. Sie schämte sich für das, was an dem besagten Abend passiert war. Sie fragte sich, wie es so weit kommen konnte und welche Schuld sie selbst trug – obwohl sie eigentlich wusste, dass nicht sie für das Verhalten ihres Kommilitonen verantwortlich war.

Alleine fehlte Clara der Mut

Sie fühlte sich beschmutzt, weil ein nur flüchtig bekannter Mensch die Grenzen ihrer Intimsphäre überschritten hatte. Sie wollte die Sache nicht einfach so stehen lassen, hatte aber nicht den Mut, die offene Konfrontation mit dem Täter zu suchen oder professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Sie fürchtete sich davor, in eine Schublade gesteckt, für das Geschehene mitverantwortlich gemacht zu werden.

Doch mit Freunden und Bekannten sprach Clara offen über das, was auf der Uni-Party passiert ist. Ihre Gesprächspartner hatten großes Verständnis. Sie sah, dass viele – Frauen wie Männer – von ihrer Geschichte schockiert waren. "Da muss man doch etwas unternehmen, den Täter in seine Schranken weisen", sagten sie zwar. Allerdings bot sich keiner an, sie in eine Beratungsstelle zu begleiten, und allein traute sich Clara nicht.

Hilfe beim Frauen- und Gleichstellungsbüro

Ein halbes Jahr später erfuhr sie dann von zwei Kommilitoninnen, die von dem gleichen Mann auf ähnliche Weise belästigt worden waren. Und gemeinsam wagten sie es, das Frauen- und Gleichstellungsbüro der Universität aufzusuchen.

Nach dem Gespräch mit der Frauenbeauftragten war schnell klar, dass eine Anzeige nicht in Frage kam. Die Frauen wollten dem Täter eine Möglichkeit geben, sein Verhalten zu verändern, ohne ihm langfristig die Zukunftschancen zu verbauen. Außerdem wollten sie ihre Erlebnisse nicht in die Öffentlichkeit tragen – aus Angst davor, dass der Täter alles abstreiten und der Vorwurf der Lüge im Raum stehen könnte.

Weil alle drei Frauen am gleichen Fachbereich studierten, an der der Täter zudem als studentische Hilfskraft angestellt war, beschlossen sie, den Vorfall beim zuständigen Dekan zu melden. Dieser organisierte ein Gespräch mit dem Täter, der schließlich einen inoffiziellen Vermerk in seiner Akte bekam. Clara weiß: Wenn er so etwas noch einmal tut, kommt es zur Anzeige. Sie hofft, dass dieses Wissen ihn davon abhalten wird.

Und mit dieser Hoffnung kann sie mit diesem unvergesslichen Erlebnis, das ihr an diesem einen Abend zu Beginn ihres Studiums widerfahren ist, abschließen.


InfoSexuelle Belästigung im Studium – die Hintergründe:

  • Bei einer EU-Studie kam heraus, dass jede zweite Frau in Deutschland im Laufe ihres Studiums sexuell belästigt wird.
  • Meist passiert dies in den ersten Semestern. Dann nimmt der Anteil ab und steigt erst wieder bei den Doktorandinnen.
  • Die meisten Täter sind allerdings im Umfeld zu suchen und kommen nicht aus der Hochschule.
  • Auch Männer werden Opfer sexueller Belästigung, aber deutlich seltener.

Solveig Simowitsch

3 Fragen an die Expertin

Solveig Simowitsch ist Sprecherin der Kommission "Sexualisierte Diskriminierung und Gewalt" bei der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen.

UNICUM: Was hält die Betroffenen davon ab, Beratungs- und Unterstützungsangebote in Anspruch zu nehmen?
Solveig Simowitsch: Viele Frauen glauben, dass ihnen dort nicht geholfen wird. Und viele der Betroffenen schämen sich, weil sie sich zumindest eine Mitschuld an dem Vorfall geben. Eine besondere Schwierigkeit stellt das Verhältnis von Doktorvater – Doktorandin dar, da diese, wenn sie erfolgreich promoviert werden will, besonders abhängig vom Doktorvater ist.

Woran können Außenstehende im konkreten Fall entscheiden, ob es sich tatsächlich um Belästigung und nicht etwa um ein Missverständnis zwischen Täter und Opfer handelt?
Experten sind sich einig, dass sexuelle Belästigung nicht einfach so "passiert", indem Männer gerne behaupten, es wäre ein Kompliment gewesen und nur die Frau habe das nicht verstanden. Es gibt eine große Übereinstimmung zwischen Männern und Frauen, was als sexuell belästigend empfunden wird. Charlotte Diehl, Jonas Rees und Gerd Bohner haben dazu 2013 einen interessanten Artikel geschrieben, den man auch online findet: "Zur Sexismus-Debatte. Ein Kommentar aus wissenschaftlicher Sicht."

Welche gesetzlichen Vorgaben schützen Studierende vor sexueller Belästigung?
Wenn der Täter oder die Täterin einen Vertrag mit der Hochschule hat, gibt es bessere Sanktionsmöglichkeiten. Die meisten Landeshochschulgesetze haben keine entsprechenden Regelungen, um Studierende angemessen zu schützen. Viele Hochschulen versuchen hochschulinterne Verfahrenslinien aufzustellen. Wichtig wäre aber eine bundesweite einheitliche Regelung.

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