Blind-Cooking
"Blinde" Abendessen sind die Leidenschaft der 24-jährigen Studentin | Foto: Privat
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04. Nov 2015

Janna Degener-Storr

Studentenfutter

Food-Trend: Blind-Cooking-Dates

Freundschaft geht durch den Magen: Beim Kochen Leute kennenlernen

Auf eine Vorspeise mit völlig Fremden

Als er in einer schicken Charlottenburger Wohnung mit einem Aperitif und einem Vorspeisenteller begrüßt wurde und später einen Gemüseauflauf in Begleitung eines Feldsalates mit Pilzen und Blaubeeren genießen durfte, waren Paolo Ibes' (27) Zweifel beseitigt.

Der Promovent an der Charité-Universitätsmedizin Berlin gibt zu: "Ein bisschen Überwindung hat es mich schon gekostet, vier Unbekannte in mein Wohnheimzimmer einzuladen. Ich wusste ja gar nicht, ob ihnen der Platz bei mir ausreichen würde und ob die Stimmung dann wirklich passt." Doch bei ihm in Lichterberg lief bei Tiramisu und frischer Melone ebenfalls alles rund.


rudirockt Blind-Cooking-Date

Blindes Koch-Date

Drei Gänge in drei Wohnungen und mit je vier neuen Gesichtern – so funktionieren blinde Abendessen, die unter Namen wie "jumpingdinner" oder "rudirockt" organisiert werden. Wer gerne kocht und Lust auf neue Kontakte hat, meldet sich auf den Online-Portalen der Anbieter für ein bestimmtes Datum an. Entweder allein, um dann einen fremden Kochpartner zugelost zu bekommen. Oder gleich als Team.

Ein paar Tage vor dem Event gibt es per Mail dann einen genauen Ablaufplan: Wer ist mein Kochpartner? Treffen wir uns in meiner oder seiner Küche? Sind wir für Vorspeise, Hauptgericht oder Dessert zuständig? Wo wohnen die anderen Gastgeber? Und wann beginnt schließlich die Party, bei der sich alle wiedertreffen?


Mit Freunden kochen

Kochen und Bekocht werden

Markus Handke (27) und Ina van der Biesen (24) können sich ein Studentenleben ohne blinde Abendessen gar nicht so richtig vorstellen. Beide haben ihr Studium in Aachen begonnen, wo rudirockt als Institution gilt: An einem einzigen Koch-Event nehmen hier manchmal über 2.000 Leute teil. "Wenn man an einem rudirockt-Abend in Aachen unterwegs ist, sieht man an jeder Ecke Zweierteams, die mit einer Bierflasche in der Hand unterwegs zum nächsten Gang sind. Und es kann vorkommen, dass der Supermarkt im Studentenviertel dann mehr oder weniger leergekauft ist", erzählt Markus, der an der RWTH Politik und Geschichte studiert.

Er hat mehrmals mit seiner Mitbewohnerin teilgenommen, was die WG richtig zusammengeschweißt hat: "So ein Abend vergeht wie im Flug. Es macht total Spaß, gemeinsam Revue passieren zu lassen, was da für Typen dabei waren und in welchen coolen Wohnungen oder fürchterlichen Bruchbuden die wohnen."

Ina mag die besondere Dynamik, die bei blinden Abendessen entsteht: "Man trägt die Verantwortung für einen Gang und muss darauf achten, dass man den getakteten Zeitplan nicht aus den Augen verliert. Und trotzdem hat man immer wieder Zeit, sich zurückzulehnen und sich verwöhnen zu lassen. Das ist eine schöne Mischung." Nie vergessen wird Ina, als einmal Freunde von ihr vor der Tür standen, die ihr zufällig zugelost worden waren.

Rudirockt geht weiter

Seitdem sie nach ihrem Bachelor in Communication and Multimediadesign an der FH Aachen an die Uni Siegen gewechselt ist, organisiert die Master-Studentin blinde Abendessen selbst. Sie erstellt neue Events, schreibt Pressemitteilungen, macht Aushänge an der Uni und beantwortet die Fragen der Teilnehmer. Geld bekommt sie dafür nicht, aber den Dank der anderen Teilnehmer – und die Möglichkeit, weiterhin an rudirockt teilzunehmen.


Blind-Cooking-Dates im Überblick

Die Anbieter:

  • Neben "rudirockt" und "jumpingdinner" gibt es noch weitere Koch- und Kennenlern-Events wie "Auf Haxe" oder Uni-interne "flying dinner" bzw. "running dinner".
     
  • Manche basieren wie rudirockt auf Ehrenamt und sind für die Teilnehmer kostenlos. Andere sind kommerziell, bei jumpingdinner zahlt man beispielsweise 26 Euro pro Person pro Abend.

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