Jana Crämer Essstörung
Jana & Batomae: Ein offener Umgang mit einer Essstörung ist schwer – aber wichtig! | Foto: Ben Wolf
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28. Nov 2017

Sandra Ruppel

Zündstoff

Brutal ehrlich: Wie Bloggerin Jana ihre Essstörung sichtbar macht

Das Mädchen aus der ersten Reihe: Der Anfang vom Anfang

Jana und David alias Batomae lernen sich kennen, als er 2011 als Bassist bei der Band Luxuslärm einsteigt, die Jana managt. Aus dem anfangs eher angespannten Verhältnis zwischen den beiden entwickelt sich eine Freundschaft, die beide bis heute verbindet. Daran ändert auch Janas Essstörung nichts, im Gegenteil: Als sie Batomae 2015 mehrere hundert Seiten in die Hand drückt, auf denen sie über ihre Essattacken und ihr Seelenleben berichtet, zieht er sich nicht von ihr zurück. Sondern ermutigt sie, ihre Geschichte zu veröffentlichen.

Jana zweifelt, überlegt und lässt sich schließlich doch überzeugen: Aus ihrer Geschichte wird der Debütroman "Das Mädchen aus der 1. Reihe". Passend zum Roman schreibt Batomae für Jana den Song "Unvergleichlich", zu dem auch ein Video entsteht. Es kommen weitere Tracks hinzu und beide entschließen, mit Janas Geschichte und den Songs von Batomae auf Lesereise zu gehen. Das Ziel : Das Thema Essstörung, das immer noch tabuisiert wird, radikal sichtbar zu machen und echte, wahre Freundschaft zu feiern.

"Ich hatte Angst, dass von unserer Freundschaft nur Schweigen bleibt"

UNICUM: Was hat für dich den Ausschlag gegeben, aus der Deckung zu kommen und deinem besten Freund David alias Batomae von deiner Essstörung zu erzählen?
Jana Crämer: Ich hatte Angst, Batomae zu verlieren: Auf einer Tour gibt es Catering ohne Ende, da stehen die geilsten Sachen bereit und wenn du essgestört bist, ist das richtiger Psycho-Fuck. Für mich war es ein unfassbarer Druck, dem standzuhalten. Und oft ist es dann auch schief gegangen. Während die Band [Luxuslärm, Anm. d. Red.] auf der Bühne war, habe ich mir die Reste zusammengepackt und mich nachts im Hotelzimmer so vollgestopft, dass ich vor Schmerzen nicht schlafen konnte.

In Phasen, in denen es mir richtig schlecht ging, war Batomae für mich das Ventil, um Druck abzulassen: Ich bin wirklich grausam zu ihm gewesen. Irgendwann hatte ich Angst, dass ich den Bogen überspanne und ohne ihn dastehe. Ihm etwas von meiner Essstörung sagen, konnte ich aber auch nicht. Ich hatte Angst, dass er sich vor mir ekelt und ich das in seinem Blick sehe, so dass am Schluss von unserer Freundschaft nur noch peinliches Schweigen übrig ist. Ich habe mich so geschämt. Irgendwann habe ich dann alles aufgeschrieben. Während die Band unten im Nightliner gefeiert hat, habe ich oben in meiner Koje gelegen, geheult, gefressen und geschrieben. Dann habe ich Batomae die fertigen 300 Seiten in die Hand gedrückt und gesagt: Hier, mein Leben.

Seitdem weiß er Bescheid. Das Abgefahrene ist, dass ich die ganze Zeit darauf gewartet habe, dass er sich vor mir ekelt – aber das kam einfach nicht. Stattdessen hat er "Unvergleichlich" für mich und mein Buch geschrieben und mich ermutigt, meine Geschichte öffentlich zu machen. Er war überzeugt, dass es auch noch anderen so geht. Später sind noch weitere Songs dazu gekommen und wir haben beschlossen, damit auf Tour zu gehen.

Fressflash: Vorprogrammiert

Du gehst schonungslos offen mit deiner Essstörung und deinem Körper um, das geht sogar so weit, dass du dich im Video zu "Unvergleichlich" vor laufender Kamera übergibst. Wie seid ihr an das Video herangegangen?
Wir haben lange überlegt, wie wir die Szene mit dem Essen hinbekommen: Ich wollte eigentlich nur so tun, als ob ich esse. Aber als ich den ersten Bissen Pizza im Mund hatte, war alles zu spät: Ich wusste, dass ich einen Fressflash kriege. Ich habe dem Videografen gesagt, "Komm, scheißegal, film es jetzt einfach." Er war zwar irritiert, hat aber weiter drauf gehalten. Irgendwann wusste ich dann, ich muss jetzt kotzen, also haben wir auch das gefilmt. Batomae wurde es an dieser Stelle zu krass, er konnte nicht länger dabei bleiben.

Später war er absolut dagegen, dass wir diese Szene so zeigen. Wir haben uns um diese Sequenz richtig gestritten. Er sagte aber mal zu mir, dass Kunst immer ehrlich sein muss. Also konnte ich ihn mit seinem eigenen Argument überzeugen. Es ist mein Leben, meine Realität, deswegen wollte ich, dass es drin bleibt. Ich will nicht den harmlosen Weg gehen, ich bin überzeugt, dass wir nur mit dem echten Weg da draußen wirklich was verändern.



Essstörungen: "Die ganze Welt ist ein einziger Trigger"

Einerseits ist euch mit dem Video etwas krass Ehrliches gelungen. Andererseits birgt es aber auch die Gefahr, dass man damit jemanden triggert. Habt ihr das diskutiert?
Ja, wir haben deshalb mit sehr vielen Ärzten gesprochen. Während die einen meinten, es sei gefährlich, meinten mindestens genauso viele, dass es genau richtig sei, wie wir es machen. Die Menschen, die es triggert, haben die Thematik schon längst im Kopf. In Deutschland hat jedes fünfte Mädchen ab zwölf Symptome einer Essstörung: Unsere ganze Welt ist ein einziger Trigger. Facebook und Instagram sind voll von schönen, schlanken, durchtrainierten Menschen und obwohl du weißt, dass da über allem ein Filter liegt, wünschst du dir trotzdem, dass du irgendwann auch so aussiehst.

Generell haben wir immer Psychologen, die wir zu Rate ziehen, wenn wir uns mit einem Schritt unsicher sind. Letztendlich wollen wir, dass Essstörung ein Gesicht bekommt und sichtbar wird, dass eine Essstörung den Körper im wahrsten Sinne schändet. Wir wollen wachrütteln, wir wollen unbequem sein, damit das Thema nicht wieder in der Tabuzone verschwindet.

"Ich breite bei den Lesungen mein Leben aus"

Mit eurem Projekt, das Lesung und Konzert miteinander verbindet, seid ihr auch an Schulen unterwegs. Wie wird das von den Schülerinnen und Schülern aufgenommen?
Wir sind meist in den 6. und 7. Klassen an Gymnasien, aber auch an Berufsschulen unterwegs. Am Anfang sind die Schüler immer sehr skeptisch, aber wenn sie merken, dass wir keine Info-Veranstaltung machen, sondern echt sind, lassen sie sich sehr schnell ein. Ich breite bei diesen Lesungen mein Leben komplett aus. Dabei kann es auch passieren, dass manche Sachen nochmal hochkommen und deshalb ein paar Tränen fließen. Das Krasse ist, dass das Publikum manchmal sogar mit heult. Es ist für alle überwältigend und nach ein paar Minuten merkt man, dass die Schüler Druck ablassen müssen. Dann ist Zeit für Musik, das ist ein Ventil.


Bulimie


Schritt Eins: Das Schweigen brechen!

Ihr habt durch die Konzert-Lesungen engen Kontakt zu teilweise noch super jungem Publikum. Siehst du dich selbst da in der Rolle eines Vorbilds?
Batomae ist das Vorbild, in seinem ganzen Sein ist er einfach ein Geschenk. Ich bin noch auf dem Weg dahin. Ich kann mich als Vorbild sehen, wenn es darum geht, das Schweigen zu brechen. Ich kann offen sagen: Ich bin essgestört. Ich bin nicht mehr in der Isolation und habe keine Angst mehr, auf Familienfeiern oder Veranstaltungen zu gehen, wo es Essen gibt. Ich möchte jedem Mut machen, sich anzuvertrauen. Natürlich ist es immer schwierig, auch für das Umfeld. Aber es ist noch schwieriger, es nur mit sich alleine auszumachen!

Wenn es ums Essverhalten selbst geht, bin ich noch kein Vorbild. Es gibt immer noch Scheiß-Phasen in denen ich einfach fresse. In denen ich innerhalb von zehn Tagen 13 Kilo zunehme. Und ich mache noch keine Therapie. Aber ich bin auf dem Weg: Ich habe mich an "Kompass" gewandt, das ist ein System von verschiedenen Krankenkassen. Man meldet sich dort an und beantwortet erst mal einen Fragebogen, um herauszufinden, welcher Arzt oder welche Therapieform in Frage kommt. Ich habe inzwischen auch schon mit jemandem von "Kompass" telefoniert und einige Punkte genauer besprochen. Den ersten Schritt habe ich also gemacht.

Für mich ist auch ganz wichtig, zu sagen, dass ich Rückschläge habe. Die gehören mit dazu. Und besonders, wenn die Psychotherapie losgeht, wird es Rückschläge geben. Das wird einiges aufwühlen, was ich bis jetzt verdränge: Das Essen ist ja nur ein Symptom dafür, dass ich das Gefühl habe, mich quälen zu müssen. Wofür auch immer. Aber ich will mich auf eine Therapie einlassen. Auch, um Batomae zu entlasten.


Binge Eating


"Das Umfeld leidet fast schlimmer, als die Betroffenen selbst"

Batomae ist dein engster Vertrauter. Fühlt er sich manchmal mit dem Wissen überfordert, dass du eine Essstörung hast?
Er ist ganz oft überfordert. Aber er ist trotzdem immer da: Neulich waren wir auf einem Open-Air Festival. Der Soundcheck ist gut gelaufen, das Wetter war schön, es war ein großartiger Tag. Genau an diesem Tag habe ich einen Fressflash bekommen. Also war Batomae die ganze Zeit mit den Gedanken bei mir.  Das damit zu vereinbaren, selber auf der Bühne zu stehen und sich darauf zu freuen, einen der schönsten Tage des Jahres zu verbringen, das ist schon krass. Irgendwann hat er auch gesagt: "Jana, ich bin damit völlig überfordert, ich weiß gerade nicht, was ich tun soll." Wir haben uns dann gestritten, ich habe grausame Dinge gesagt und am Ende haben wir uns trotzdem wieder vertragen. Er gibt wirklich alles und zieht sich den Psychiater-Schuh an, obwohl er drei Nummern zu groß ist.

Ich glaube, das Umfeld leidet fast noch schlimmer, als die Essgestörten selbst. Die sind so hilflos – und je netter man als Außenstehender ist, umso mehr bekommt man auf den Sack. Ist man aber mal ruppig, ist man sofort der verständnislose Arsch. Die haben eigentlich keine Chance, sich richtig zu verhalten. Und wir Essgestörten finden in unserer eingeübten Opferrolle sowieso die Legitimation für alles. Batomae hat es also wirklich nicht leicht und natürlich ist er vielen Situationen unsicher, wie er handeln soll.

Glaub nicht, dass du der Retter sein kannst

Was würdest du denn denen raten, die mit jemandem befreundet sind, der mit einer Essstörung zu kämpfen hat? Wie kann man für die Person da sein? Und was sollte man auf keinen Fall tun?
Auf keinen Fall sollte man das Gefühl haben, die Person retten zu können. Batomae hat auch lange gedacht, dass er Retter sein kann. Dieser Aufgabe kann man nicht gerecht werden. Wir Essgestörte müssen uns selbst helfen, indem wir Hilfe zulassen. Du musst bereit sein, eine Therapie zu machen. Ansonsten sollte man keine Kommentare zum Aussehen machen, auch nicht: "Du hast toll ab- oder zugenommen." Die Person ist noch so viel mehr, als die Essstörung!

Man sollte einfach füreinander da sein. Zeit miteinander verbringen und sich gemeinsam schöne Momente schaffen. Freundschaft gibt so viel Halt und macht vieles erträglicher. Deswegen hoffen wir auch, dass durch unser Projekt Freundschaft wieder mehr Wertschätzung erfährt.


Batomae & Das Mädchen aus der ersten Reihe: Kurz & Knapp

  • Jana und Batomae lernen sich 2011 kennen, als der Musiker als Bassist und  Backgroundsänger bei Luxuslärm einsteigt. 2015 wird Jana klar, dass sie ihre Essstörung Binge Eating nicht länger geheim halten will und schreibt sich ihre ganze Geschichte in Form eines Tagebuchs von der Seele.
  • Das Schreiben hat sie auch nach dem Roman beibehalten: Auf ihrem Blog "Endlich Ich" berichtet Jana von ihren Fortschritten und Rückschlägen im Kampf mit der Essstörung.
  • Aktuell sind Jana und Batomae mit dem Projekt "Musik trifft Roman - Batomae & Das Mädchen aus der ersten Reihe" auf Tour: Eine Konzert-Lesung, bestehend aus Janas Texten und Batomaes Songs, die die Lesung musikalisch durchbrechen und ergänzen.
  • Janas Blog und weitere Infos findest du unter: www.endlich-ich.com

Hier kannst du Jana und Batomae live erleben:

  • 30.11.17 – Naumann´s – Leipzig
  • 01.12.17 – Multicult – Paderborn
  • 08.12.17 – Das LEO – Dorsten
  • 09.12.17 – Cafe Sputnik – Münster
  • 14.12.17 – Privatclub – Berlin
  • 15.12.17 – LCB – Wuppertal
  • 16.12.17 – Pumpwerk – Wilhelmshaven ***HOCHVERLEGT***

Wenn du an einer Essstörung leidest und Hilfe brauchst, kannst du dich an folgende Adressen wenden:

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