Fernweh
Fernweh: Die Sehnsucht nach ganz weit weg ... | Foto: Thinkstock/Michael Quirk
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28. Aug 2015

Janna Degener-Storr

Zündstoff

Fernweh: Was ist der Reiz am Reisen?

Wissenschaftler sind der Frage nachgegangen

Was Forscher über das Fernweh wissen …

Jeder kennt Fernweh. Aber wer kann erklären, was es ist? Auf ihrer Tagung "Fort von hier, nur fort von hier! Fernweh von 1830 bis zur Gegenwart" haben Literatur- und Medienwissenschaftler der FernUni Hagen einen Versuch gewagt. Und das kam dabei heraus:

  • Fernweh beschreibt eine Sehnsucht, das Hier und Jetzt zu verlassen. Dabei besteht ein Leidensdruck, eine Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Situation. Das kann zum Beispiel eine Ehekrise sein, aber auch der ganz normale Alltag in einem an sich gelungenen Leben, der mit einer gewissen Enge einhergeht.
     
  • Während man schon im 17. Jahrhundert von "Heimweh" sprach, taucht der Begriff "Fernweh" erst 1835 auf. Und zwar in den Reiseerzählungen von Fürst Pückler-Muskau, dem wir auch das leckere Eis (heute die Kombi aus Schoko- und Erdbeer- oder Himbeer- sowie Vanille) verdanken. Und das Phänomen gab es offenbar schon vor dem Begriff: Goethe zum Beispiel beschreibt 1822 ein "Fluchtgefühl", das er auch "umgekehrtes Heimweh" und "Sehnsucht ins Weite statt ins Enge" nennt.
     
  • Werber der Tourismusindustrie sprechen heute gerne von Fernweh, um zum Kauf von Fernreisen anzuregen. Doch Fernweh hat gar nicht so viel mit Reisen und Reiselust zu tun, wie man zunächst denken mag: Vielmehr geht es dabei um die Sehnsucht nach Fantasieorten. Die Wissenschaftler beschreiben Fernweh sogar als "Kulturtechnik des Daheimbleibens".

3 Fragen an Dr. Irmtraud Hnilica:

Dr. Irmtraud Hnilica, FernUni Hagen

UNICUM: Warum sind Sie als Literatur- und Medienwissenschaftlerin Expertin für Fernweh?
Dr. Irmtraud Hnilica: Fernweh ist etwas, das sich in literarischen Texten und Filmen ausdrückt. Anders als das Heimweh, das von Medizinern als Krankheit aufgegriffen und behandelt wurde, findet man das Fernweh vor allem in Poesie und Kunst. Auf der anderen Seite kann ich beim Lesen oder im Kino in fiktionale Welten eintauchen. Dadurch stille ich mein Fernweh einerseits und gebe ihm andererseits auch immer wieder neue Nahrung. Fernweh ist also sehr stark an Literatur und Medien gebunden.

Was sind typische Anzeichen für Fernweh?
Manche erkennen Fernweh an einer gewissen Unruhe oder einem diffusen Wunsch nach Abwechslung. Bei anderen zeigt es sich daran, dass sie über die Zukunft an einem anderen Ort nachdenken oder Reisepläne schmieden. Wieder andere tauchen in fiktionalen Fantasiewelten ab. Der eine sieht sich das Traumschiff oder das Dschungelcamp im Fernsehen an, der andere liest einen Roman oder eine Reisereportage. Und der wieder andere schreibt vielleicht selbst.

Und was kann man gegen Fernweh tun?
Fernweh ist prinzipiell unstillbar. Weder Reisen noch Lektüre helfen langfristig dagegen. In dem Lied "Über den Wolken" von Reinhard May etwa hat derjenige das Fernweh, der das Flugzeug von unten wegfliegen sieht. Wenn er tatsächlich im Flugzeug sitzen würde, wäre die Situation wahrscheinlich nicht mehr so zauberhaft für ihn wie in der Vorstellung.

Allein durch das Schwelgen im Fernweh wird also das Verlangen nach mehr angeregt. Eigentlich muss man auch gar nichts dagegen tun. Denn auch wenn es ist mit einem gewissen Schmerz verknüpft ist, ist Fernweh einfach ein schöner Antrieb, der unsere Neugierde weckt. Schon mit dem Griff ins Bücherregel schaffen wir uns im Alltag die Möglichkeit, immer mal wieder geistig zu entfliehen.


Filmtipps zum Thema Fernweh:

  • "Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht" von Egdar Reitz
    Auswandern nach Brasilien - davon träumt der Bauernsohn Jakob Simon Mitte des 19. Jahrhunderts in Schabbach, einem Dorf im Hunsrück. Mithilfe von Büchern träumt er sich in eine andere Welt und nimmt den Zuschauer mit auf eine sehnsuchtsvolle Reise. In 2014 erhielt der Kinofilm den Deutschen Filmpreis als bester Spielfilm, für das beste Drehbuch und die beste Regie.
     
  • "Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück"
    Hector beschließt nach China zu reisen. Dann nach Südafrika. Und in die USA. Sein Ziel: Er will wissen, was Glück ist.

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