Flüchtlingsdebatte
Interesse statt Ignoranz – nur so kann Integration gelingen | Foto: Michele_Caldarisi/Thinkstock

Bücher

08.01.2018

Hinterhofleben

Hinterhofleben

Der Gesellschaftsroman stellt unseren...

Flüchtlinge? Sind uns natürlich herzlich willkommen, wir sind doch keine Nazis! Aber was, wenn wir mit dem Geflüchteten unter einem Dach wohnen und der uns ebendiese ins ... mehr »

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08. Jan 2018

Nina Weidlich

Zündstoff

Flüchtlingsdebatte: Wie es sich anfühlt, fremd zu sein

"Hinterhofleben"-Autor Maik Siegel im Interview

"Wir Deutschen sind längst nicht so aufgeklärt, wie wir immer denken"

UNICUM: Keine einfache Kost für ein Romandebüt. Warum wolltest du ausgerechnet über Flüchtlinge schreiben?
Maik Siegel: "Hinterhofleben" ist für mich weniger ein Flüchtlingsroman als ein Gesellschaftsroman; er beleuchtet meiner Ansicht nach die heutige deutsche Gesellschaft eher als die Situation der Flüchtlinge in Deutschland. Ein Flüchtlingsschicksal aus der Sicht eines Flüchtlings zu beschreiben, war für mich keine Option, dem wäre ich nicht gerecht geworden.

Die deutsche Gesellschaft zu betrachten und zu analysieren war vielleicht der wahre Beweggrund. Das treibt mich seit Jahren um, weil ich viel im Ausland gelebt habe und dort immer wieder dazu aufgefordert wurde, Deutschland zu "erklären". Gleichzeitig haben mich in der Literatur immer die Geschichten gereizt, die den Figuren die Zivilisationsmasken vom Gesicht reißen.

Ödön von Horvaths Theaterstück "Geschichten aus dem Wiener Wald" war vielleicht die größte Inspiration. Um zu zeigen, dass wir in Deutschland längst nicht so aufgeklärt sind, wie wir immer denken, habe ich die derzeit wichtigste gesellschaftliche Debatte zum Thema genommen: Die Ankunft von Flüchtlingen in unserem Land.    

Wen möchtest du mit deinem Roman erreichen?
Da das Thema fast jeden etwas angeht, erhoffe ich mir natürlich eine sehr vielfältige Leserschaft. Ich möchte Menschen mit dem Roman zum Nachdenken über das Zusammenleben sich fremder Menschen bringen, sie aber auch unterhalten. Ich wollte keine ausschließlich ernste und tragische Geschichte schreiben, ein wenig Komik darf nie fehlen, egal bei welchem Thema.

Was hast du beim Schreiben noch über dich selbst und deine Einstellung zum Thema Flüchtlinge gelernt?
Durch meine Recherchen habe ich noch einmal mehr verstanden, wie unglaublich komplex die gesamte Thematik ist und dass extreme Antworten also "alle rein" oder "alle raus" vor dieser Komplexität kapitulieren, indem sie sie auf die eine richtige Antwort reduzieren wollen.

Ich habe gelernt, meine Meinung noch vorsichtiger zu formulieren und immer an ihr zu zweifeln, weil ich weiß, dass ich wahrscheinlich nie genügend Informationen habe, um mir ganz sicher sein zu können. Das ist anstrengend und unbefriedigend, aber ich denke, es ist der richtige Weg – weil es mich auch dazu bringt, nach immer neuen Informationen zu suchen.

Das Schreiben hat einige Gedanken, Ansichten und Einsichten hervorgebracht, die in meinem Unterbewusstsein geschlummert haben mussten, ohne dass ich sie in mir ahnte. Schreiben ist ein wunderbarer Prozess, um das eigene Ich zu erforschen.


Über den Autor Maik Siegel

Maik Siegel Autor

Maik Siegel ist 27 Jahre alt und hat Germanistik und Anglisitk auf Lehramt studiert. Neben Braunschweig zählten auch Berlin, Leeds, Taipeh und London zu seinen Studienorten.

Während seines Berufslebens hat er außerdem in Tansania, Kanada und Uruguay gelebt – momentan ist der Autor in Berlin-Neukölln zu Hause.

Maik ist Redakteur des Literatur- und Kulturmagazins "metamorphosen" und hat bereits den  A. E. Johann-Literaturpreis gewonnen.

 


Zwischen Ablehnung und Offenheit

Egal ob Befürworter oder Skeptiker: Fast keiner der Hausbewohner aus "Hinterhofleben" sucht das Gespräch mit Flüchtling Samih. Beobachtest du das auch im realen Leben?
Ich beobachte in meinem persönlichen Umfeld beides: Ablehnung gegenüber Fremden als auch Offenheit und Gastfreundschaft. Teilweise sogar von denselben Personen. Dieses Paradox lässt sich leicht erklären: Sieht man "die Flüchtlinge" als anonyme Masse, sorgt die teils hysterische Berichterstattung leicht dafür, dass man sich von ihnen bedroht fühlt. Lernt man Individuen kennen, ist es eine ganz andere Geschichte. Aber das Interesse, auf Flüchtlinge zuzugehen, muss man erst einmal aufbringen. 

Wenn ein Flüchtling in deine Hausgemeinschaft einziehen würde: Welche Frage würde dir am meisten unter den Nägeln brennen?
Was denkst du über Deutschland? – Diese Frage interessiert mich immer am meisten, wenn ich Ausländer treffe. Das ist zugegebenermaßen in gewisser Form ein wenig selbstbezogen. Ich würde auch fragen: Woher kommst du? Was genau ist in deinem Land passiert, dass du nach Deutschland flüchten musstest? Und: Wie war dein Leben, bis es auf den Kopf gestellt wurde?

Flüchtlingsdebatte: Mehr debattieren, weniger streiten

Die vielen Facetten deines Romans zeigen, dass es kein Patentrezept für den Umgang mit Flüchtlingen gibt. Trotzdem: Was kann jeder von uns deiner Meinung nach tun, um sie besser zu integrieren?
Auf der menschlichen Ebene vor allem eines: zuhören, neugierig sein, möglichst unvoreingenommen die Menschen kennenlernen. Die politische Ebene sollte man aber auch nicht vergessen: Wir alle sollten uns Gedanken über eine vernünftige Migrationspolitik in Deutschland machen – dazu gehört auch, sich die verschiedensten Meinungen anzuhören und über den Tellerrand hinaus auf andere Länder zu schauen und von ihnen zu lernen, ohne zu vergessen, dass wir als Teil der EU gleichzeitig auch eine europäische Lösung finden müssen.

Von einer konsistenten Politik könnten alle Akteure profitieren und sie würde erlauben, die Grenzen zwischen Migranten und Flüchtlingen wieder klarer zu erkennen. Über eine richtige Migrationspolitik muss debattiert werden, über das Asylrecht nicht – es steht im Grundgesetz und sollte nicht angegriffen werden. Weder die CSU noch die AfD dürfen mit ihrem Schreien nach einer Obergrenze oder gar geschlossenen Grenzen ein Menschenrecht aufweichen.

Was ärgert dich an der aktuellen Flüchtlingsdebatte am meisten?
Argumente werden meist nicht mit Fakten unterfüttert, sondern mit Emotionen. So lässt sich passabel streiten, aber nicht debattieren.    

Oft vergessen: Auch wir sind manchmal Fremde

Du hast bereits in vielen unterschiedlichen Ländern gelebt. Wie hast du dich als Ausländer in diesen Ländern gefühlt? Was hat dich abgeschreckt oder dir das Gefühl gegeben, willkommen zu sein?
Die Neugier der Einheimischen hat in jedem Land bisher dazu geführt, dass ich mich dort wohlgefühlt habe. Wenn die Menschen etwas über mich oder mein Land wissen wollten, habe ich das immer auch als einen Aspekt der Gastfreundschaft empfunden. Abgeschreckt haben mich Vorurteile – wenn jemand dachte, er wüsste, was für eine Person ich sei, nur weil ich Deutscher bin, und daraus negative Schlussfolgerungen zog, habe ich mich nicht gut aufgehoben gefühlt.

Andererseits habe ich das immer als Herausforderung verstanden, diesen Menschen klarzumachen, dass nicht alle 80 Millionen Deutschen gleich denken, aussehen und handeln. Gern habe ich auf solche Vorurteile auch reagiert, indem ich sie karikierte – indem ich mich also so übertrieben "deutsch" verhielt, dass es offensichtlich lächerlich wurde. Und seien wir mal ehrlich: Sehr "deutsche" Deutsche sind ziemlich albern.

Mit welchen Themen willst du dich in Zukunft befassen?
Ich schreibe derzeit an einem weiteren Roman. Worum es genau geht, möchte ich nicht sagen, da bin ich abergläubisch. Und obwohl die Geschichte eine ganz andere ist, sind die Themen wohl eine logische Fortführung derjenigen, die in "Hinterhofleben" eine Rolle spielen: Fremdsein in Deutschland und ganz unterschiedliche Menschen, die miteinander auskommen müssen – ich glaube, dass ich momentan gar nicht anders kann, als über diese Themen zu schreiben, weil sie unsere Gesellschaft derzeit so sehr beschäftigen. 

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