Vorurteile Gender Studies
Time-Out für die Vorurteile gegenüber den Gender Studies | Foto: Thinkstock/SIphotography

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02. Aug 2017

Janna Degener-Storr

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Gender Studies: 101 Vorurteile, welches ist deins?

UNICUM: Frau Villa, mit welchen Vorurteilen sind die Gender Studies aus Ihrer Sicht am häufigsten konfrontiert?

Prof. Dr. Villa: Wesentlich ist die Kritik, dass die Gender Studies per se keine Wissenschaft seien, sondern Politik und Ideologie. Es wird unterstellt, dass die Gender Studies gegenüber Dingen, die mit Natur und Biologie zu tun haben, aus politischen Gründen blind sind und deshalb die eigentliche Wahrheit von Geschlecht nicht anerkennen. Zudem wird uns Vertretern der Gender Studies vorgehalten, von politischen Lobbys, etwa der EU  politisch gesteuerte Akteure zu sein, die Themen wie Gender Mainstreaming als Wissenschaft tarnen und damit sogar noch Unsummen an Steuermitteln für unnötige oder sogar gefährliche Dinge verschwenden.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, die Gender Studies würden großen Einfluss auf andere Disziplinen ausüben – indem sie sich zulasten von kleinen Fächern wie z.B. Archäologie ausbreiten oder zur Senkung der Qualität von großen Disziplinen wie den Sozialwissenschaften beitragen. Darüber hinaus heißt es, dass wir Gender und Sexualität vermengen und der Pädophilie damit Tür und Tor öffnen.

Und schließlich werden die Gender Studies als Feld adressiert, wo beispielhaft das ausgeübt wird, was die Wissenschaft generell bedroht, nämlich Zensur, Political Correctness und die Verunmöglichung von kritischen Debatten.

Inwieweit sind auch Studierende von solchen Vorurteilen betroffen, wenn sie beispielsweise bei einer Party erzählen, dass sie Gender Studies studieren?

Prof. Dr. Paula-Irene Villa Ob Studierende in so einer Situation ein weiteres Bier angeboten kommen, hängt sicherlich vor allem von den Kreisen ab, in denen sie sich bewegen (lacht). Verbreitet sind diese Argumente vor allem in den bürgerlichen Feuilletons. Aber es ist auch ein zentrales Element der AfD-Wahlkampagne, sich gegen den angeblichen "Gender-Wahnsinn" zu richten, und beim letzten CSU-Parteitag gab es ebenfalls entsprechende Leitanträge.

Unabhängig davon gibt es sicherlich viele Studierende, die die Gender Studies nicht ernst nehmen und zum Beispiel  sagen "Studier doch was richtiges!" oder "Cool, da kannst du ja den ganzen Tag nur chillen". Gilt aber für viele weitere Studiengänge, zu jedem BA oder MA gibt es schlechte Witze.

Ist aus Ihrer Sicht etwas dran an den erwähnten Vorurteilen?

Es stimmt, dass die Gender Studies sehr nah dran sind an der gesellschaftlichen Praxis und an politischen Problemen, so dass nicht immer ganz klar gesagt wird, was Politik und was Wissenschaft ist. Ich finde, dass die Gender Studies da ruhig noch professioneller werden sollten – aber sie sind professioneller als viele meinen. Andererseits stecken auch andere Disziplinen wie die Politikwissenschaft, die Soziologie und die Rechtswissenschaften in politischen Auseinandersetzungen und es ist klar, dass Juristen im Hörsaal anders über Gewalt und Prostitution sprechen als die Menschen auf der Straße.

Dazu kommt: Ähnlich wie etwa die Queer Studies, die African American Studies, die Postcolonial Studies usw. sind die Gender Studies Forschungs- und manchmal Lehrkonstellationen, die ein Thema durchaus in wissenschaftskritischer Absicht aus verschiedenen disziplinären Sichten betrachten. Sie setzen sich z.B. kritisch damit auseinander, dass bestimmte Fragestellungen innerhalb einer Disziplin zu wenig thematisiert werden. Dabei sind die Gender Studies meines Erachtens aber teilweise zu politisch, so dass schwache Formen der genannten Kritik tatsächlich manchmal einen empirisch richtigen Kern treffen.

Wahr ist meiner Meinung nach auch, dass die Gender Studies sich in der Öffentlichkeit stärker als Wissenschaft sichtbar machen könnten. Natürlich lenken Presseinterviews von der eigentlichen Arbeit ab und es passiert auch immer wieder, dass es zu Missverständnissen zwischen Wissenschaftlern und Journalisten kommt.

Wie gehen Sie persönlich mit Kritik um und was können Studierende davon lernen?

Manchmal lese ich diffamierende, teilweise auch obszöne Nachrichten, die mich per E-Mail erreichen oder die in Presseartikeln an mich adressiert sind. Ich versuche dann immer, mich der Kritik zu stellen, und schlage vor, sachlich über die Themen zu reden. Tatsächlich diskutiere ich nicht nur mit Vertretern der CSU, in Burschenschaften usw., ich organisiere ab und an aktiv solche Gespräche.

Mein Motto ist: Wer die Gender Studies als Wissenschaft diskreditieren will, sollte wissen, worüber er oder sie redet, statt einfach nur eine Meinung rauszuhauen und sich auf die Schenkel zu klopfen.

Deshalb versuche ich, durch Fakten und Argumente zu überzeugen, indem ich etwa auf Lehrbücher, Statistiken und Studien hinweise – und auch darauf, dass Wissenschaft nicht in einem reduzierten Szientismus aufgeht, der nur objektive Naturtatsachen kennt. Auch Studierenden rate ich, offen, neugierig und kritisch zu sein und sich – wie in jedem anderen Studium auch – auf die Inhalte zu konzentrieren. Wenn Kritik kommt, sollten sie sich auf Diskussionen einlassen, und ihr Gegenüber ernst zu nehmen anstatt es beispielsweise gleich als "rechts" abzustempeln.

Die meisten Studierenden der Gender Studies sind meiner Erfahrung nach aber ohnehin recht entspannt und diskussionsfreudig.


Linktipps Gender StudiesGender Studies-Linktipps

Zusammengestellt von Prof. Dr. Paula-Irene Villa

  • Knappe Darstellung des Gender-Begriffs von Prof. Dr. Villa, mit weiterführender Literatur: www.gender.soziologie.uni-muenchen.de (PDF)
  • Kritischer Artikel zu Gender Studies aus der Binnensicht von Prof. Dr. Stefan Hirschauer, Univ. Mainz: www.forschung-und-lehre.de
  • Gender Studies in der Kritik, TV-Beitrag von ARD Campus vom Februar 2017: www.br.de
  • Wissenschaftliche Fachgesellschaft Gender Studies in Deutschland: www.fg-gender.de
  • Datensammlung Geschlechterforschung im deutschsprachigen Raum (Zentren, Studiengänge, Professuren usw.): www.mvbz.fu-berlin.de
  • Buchtipp: Hark, Sabine / Villa, Paula-Irene (Hg.): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. www.transcript-verlag.de

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