Studieren im Gefängnis
Ein Studium als sinnvolle Beschäftigung im Knast | Foto: Thinkstock/Sandra Gligorijevic
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02. Dez 2016

Janna Degener-Storr

Zündstoff

Hinter Gittern: Studium im Gefängnis

Zu Besuch in der JVA Tegel

Ein "Hörsaal" mit nackten Tatsachen

200 Meter Fußweg entlang einer hohen Betonmauer, Schleuse, Körperkontrolle, drei, vier weitere Tore, Schloss auf, Schloss zu, Schloss auf, Schloss zu, Schloss auf, Schloss zu … Dann das graue Gebäude, an dem ein Schild mit dem schlichten Wörtchen "Schule" angebracht ist und in dem sich der "Hörsaal" der Justizvollzugsanstalt Tegel befindet.

Bis zu zwölf Gefangene sitzen in dem kleinen Raum. Gitter vor den Fenstern, Pflanzen auf den Tischen, eine Oben-ohne-Frau an der Wand, eine Kaffeemaschine in der Ecke. "Den Raum haben wir selbst eingerichtet", betonen die Gefangenen, die hier Psychologie oder BWL, Rechtswissenschaft oder Soziologie studieren.


Studieren in der JVA Tegel

Freiheiten im Gefängnis– solange die Leistung stimmt

Sechs der Inhaftierten sind für das Studium von der Arbeit im Gefängnis freigestellt. Die anderen nutzen die freien Nachmittage, Abende und die Wochenenden dafür. Ihre Studienunterlagen bekommen sie von der Fernuni zugeschickt. Täglich von 8 bis 15 Uhr haben sie die Möglichkeit, an ihren Rechnern mit beschränktem Online-Zugang zu arbeiten oder Fachliteratur zu bestellen.

"Wir können kommen und gehen, wann wir wollen – solange wir die Leistung bringen. Wir sind schließlich Studenten", betont Peter A. (35), der BWL im ersten Bachelor-Semester studiert. Den Hochschulzugang hat er über seine Malerausbildung und mehrere Jahre Berufserfahrung bekommen. Natürlich könnten die Gefangenen auch im Haftraum lernen. Aber da sei es schwerer, Ruhe zu finden.

Von der Hauptschule zum Doktor-Titel

Für den 65-jährigen Steffen L. sind vor allem die Klausuren, Haus- und Abschlussarbeiten eine Herausforderung: "Ich war auf der Hauptschule, habe erst mit Mitte vierzig auf dem zweiten Bildungsweg mein Abitur gemacht und dann in Berlin den Bachelor in Erziehungswissenschaften gemacht. Teilweise habe ich noch Probleme mit der Grammatik und dem Verstehen von Texten."

Dennoch liebt Steffen das Studium: "Das Lernen fordert und befriedigt mich." Für seinen Soziologie-Master im Gefängnis habe er bisher fünf Jahre gebraucht, jetzt stehe er kurz vor dem Abschluss. Für seine Masterarbeit möchte er ein biografisch-narratives Interview mit einer transsexuellen Person führen. Im Anschluss will er Psychologie studieren oder seine Doktorarbeit schreiben. "Wenn ich nicht vorher rauskomme."

"BWL ist sinnvoller als Kugelschreiber zusammenzubauen"

Der 35-jährige Peter ist überzeugt, dass Wissen nie schaden kann: "Als BWL-Student kann ich meine Zeit sinnvoller nutzen, als wenn ich in einer Werkstatt Kugelschreiber zusammenbaue." Dass er irgendwann mal Kredite bei einer Bank vergeben wird, sieht er zwar nicht. "Aber vielleicht kann ich mich mit einem Tattoo-Studio selbstständig machen oder so und dann hilft es mir, wenn ich die Wirtschaft von der Pike auf kennengelernt und Wahlpflichtmodule in Unternehmensgründung oder Steuerlehre gemacht habe."

Über ihre Straftaten wollen die Studierenden nicht sprechen. Aber Fernstudienkoordinator Ralph Gretzbach betont: "Wer es bis in die JVA Tegel geschafft hat, muss mindestens vier Jahre absitzen. In der Zeit kann man ein Studium durchaus zu Ende bringen."


 "Wer studieren will, findet einen Weg"

Ralph Gretzbach war während seines Zivildienstes selbst für kurze Zeit Fernstudent und arbeitete nach dem Lehramtsstudium an Gesamtschulen und Gymnasien, bevor er über eine Stellenanzeige als Lehrer im Berliner Justizvollzug landete.Ralph Gretzbach

UNICUM: Wovon hängt es ab, ob Gefangene in der JVA Tegel studieren dürfen?
Ralph Gretzbach: Die Kriterien für die Zulassung zum Studium richten sich nach den Vorgaben des Landes NRW, dem Standort der Fernuniversität Hagen. Sie sind sehr moderat: Wer ein Abitur mitbringt, kann sich einschreiben. Und wer nach einer Ausbildung fünf Jahre am Stück gearbeitet hat, macht ein Probestudium und kann sich die Leistungen nach einer Aufnahmeprüfung anrechnen lassen. Wer hier studieren will, findet in der Regel auch einen Weg, um das möglich zu machen.

In der JVA Tegel sind rund 850 Gefangene untergebracht. Nur zwölf von ihnen studieren. Woran liegt das?
Die meisten Inhaftierten bringen keine kontinuierliche Bildungsbiografie mit. Viele können nicht richtig lesen und schreiben, waren vor allem in Hilfsarbeiterjobs tätig. Dazu kommt, dass die Schulzeugnisse häufig nicht vorhanden sind. Zum Teil gibt es die Schulen nicht mehr oder die Aufbewahrungsfrist von 25 Jahren ist abgelaufen, so dass die Betroffenen eine eidesstattliche Versicherung abgeben müssen. Außerdem sind viele hier zunächst mit Haftbedingungsklagen, Wiederaufnahmeverfahren und dem damit verbundenen psychischen Druck beschäftigt.

Wie schätzen Sie die Zukunftsperspektiven der gefangenen Studierenden ein?
Ich bin optimistischer als viele der Inhaftierten selbst. Unsere Absolventen können für Arbeitgeber interessanter sein als Leute, die jahrelang nur rumgehangen haben oder in prekären Jobs beschäftigt waren. Dass sich das Studium positiv auf die Resozialisierung auswirkt, ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Aber als Pädagoge glaube und hoffe ich natürlich, dass wir die Leute durch Bildung von der Kriminalität wegbekommen.

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