Das System Milch Interview
Alltag in der Milchproduktion: Massenställe und Zuchtschauen statt Natur | Fotos: Tiberius Film
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14. Sep 2017

Ann-Christin Kieter

Zündstoff

Hochleistungskühe und Dumpingpreise: Das System Milch

Vom Bauern zum knallharten Unternehmer 

"Milch macht müde Männer munter" – mithilfe solcher Werbeslogans ist Milchtrinken in den 1950er-Jahren in Europa so richtig hip geworden. Die Milchindustrie ist im Laufe der Jahre immer weiter gewachsen und seitdem auch noch 1,3 Milliarden Chinesen mit ähnlichen Marketingmaßnahmen auf den Geschmack der Kuhmilch gebracht worden sind, ist der europäische Markt nahezu explodiert. Dokumentarfilmer Andreas Pichler spricht in seinem Film "Das System Milch" von 100 Milliarden Euro Umsatz und Produktionsmengen von fast 200 Millionen Tonnen im Jahr. Milch sei zu einem gefragten Rohstoff geworden, mit dem knallhart gehandelt werde.

In der Doku gibt zudem Peder Tuborgh, Vorstandsvorsitzender bei ARLA FOODS, ein plakatives Strukturwandel-Beispiel aus seinem Heimatland Dänemark: "1987 haben 37.000 Landwirte 5,5 Milliarden Liter Milch produziert, heute kommen 3.500 Bauern auf fast die gleiche Menge." Um solche Mengen bewältigen zu können, müssen Landwirte wie Ökonomen denken und handeln und ihre Mitarbeiter zum Beispiel streng kontrollieren.

Zweckoptimierte Hochleistungskühe

Mit "Mitarbeitern" sind in diesem Fall natürlich die Kühe gemeint. Es sind längst keine normalen – und schon gar nicht glücklichen – Milchkühe mehr, sondern extra gezüchtete "zweckoptimierte Hochleistungskühe", die das nötige Milch-Pensum auch ja schaffen. Über 20.000 Liter Blut müssen sie dafür täglich durch ihre Euter pumpen. Damit die Milchproduktion auch kontinuierlich läuft und sich nicht irgendwann einstellt, sollte eine Kuh jedes Jahr ein Kalb bringen, also quasi dauerschwanger sein. Klar, dass das nicht spurlos an der Gesundheit vorbeigeht. Normalerweise können Kühe bis zu 20 Jahre alt werden, Zuchtkühe schaffen maximal fünf.  

Von den vielen Kälbern, die ständig geboren werden, bleiben die weiblichen Tiere, also die Milchspenderinnen, meist im Betrieb. Die Bullen sind eher eine Belastung. Sie werden für maximal 50 bis 70 Euro an Mastbetriebe verkauft: "Das ist für uns ein Null-Geschäft. Aber es muss ja gemacht werden, einfach totschlagen kann man sie ja auch nicht", gibt Bauer Martin Geiger im Film zu.  

Deutliche Worte. Doch sein Kollege Peder Mouritsen aus Dänemark äußert sich ein bisschen krasser:

 
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Regisseur Andreas Pichler lässt den Dänen immer mal wieder zu Wort kommen, wobei er sich fast zur unsympathischen Hassfigur entwickeln könnte, wenn man ihn nicht irgendwie verstehen könnte. Und als er gegen Ende des Films eine SMS bekommt, dass die Milchpreise um zwei Cent pro Liter steigen, und sein Betrieb somit in die schwarzen Zahlen kommen kann, ist der eiskalte Bauer sogar den Tränen nahe.    

Ohne EU-Zuschüsse können die Landwirte nicht überleben

Zunächst könnte man ja denken, dass es den Milchbauern finanziell ganz gut gehen müsste, wenn die Nachfrage so hoch ist und sie so wahnsinnig viel produzieren. Doch das ist ganz und gar nicht der Fall. Ein Familienbetrieb bekommt 27 Cent Grundpreis pro Liter, 40 Cent müssten es zum Kostendecken eigentlich sein. Seit 2008 protestieren die Milchbauern regelmäßig gegen die Dumpingpreise und hoffen damit Einfluss auf die Entscheidungen in Brüssel, dem zentralen Schauplatz der Milchproduktion, nehmen zu können.

Aber es ist von der EU gar nicht gewollt, die Milchpreise zu erhöhen. Stattdessen werden die Bauer mit Zuschüssen über Wasser gehalten. 45 Milliarden Euro, der größte Posten im Haushalt der EU, fließt jährlich in die Landwirtschaft. Martin Häusling, Parlamentarier und selbst Bio-Milchbauer gesteht: "Es geht nicht um die 13 Millionen Milchbauern, die die Zahlungsempfänger sind, sondern um die Top-Player der Lebensmittelindustrie, die an ihrem Kurs – billige Massenproduktion – festhalten wollen."

 

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1 Liter Milch = 3 Liter Gülle – Wohin damit?

Neben den Riesenproduktionsmengen und den Schleuderpreisen werden in der Food-Doku noch zwei weitere Themenblöcke angerissen, die zum Nachdenken anregen. Einer davon ist die Umweltbelastung. Die vielen Tiere produzieren natürlich auch Massen an Urin und Kot. Bei der Produktion von einem Liter Milch entsteht umgerechnet ungefähr etwa die dreifache Menge an Gülle.

Diese kann zwar als natürlicher Dünger für die Felder eingesetzt werden, aber wenn die Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphat nicht rechtzeitig von den Pflanzen aufgenommen werden können, weil einfach mangels Alternativen zu viel Jauche auf den Boden kommt, gelangen sie in Form von Nitrat irgendwann ins Grundwasser. Und weil der Körper das in giftiges und krebserregendes Nitrit umwandelt, ist unser eigentlich gesundes Trinkwasser also in Gefahr.  

Wie gesund ist Milch denn nun?

Apropos Gesundheit: Auch um die Frage, ob Kuhmilch tatsächlich so gesund für den Menschen ist, wie die Werbung so eindringlich behauptet, geht es in der Doku am Rande. Zu Wort kommt hierbei Walter Willet von der Harvard T. H. Chan School of Public Health, der von Langzeitstudien berichtet, die paradoxerweise belegen, dass Länder mit dem höchsten Milchverbrauch die meisten Knochenbrüche verzeichnen. Und dass, obwohl Milch doch gut für die Knochen ist?

Des Weiteren erklärt der Mediziner, dass Milch ein schnelleres Zellwachstum fördert, was bei Kindern noch Sinn macht, im Erwachsenenalter jedoch eher ungünstig ist, zum Beispiel im Hinblick auf die Entstehung von Krebs. Aber weißt das nun? Ist Milch gefährlich für uns? Sollten wir lieber schnell die Finger von dem weißen Gift lassen? Nein, so schlimm ist es nicht. Willets recht entspannte Verzehrempfehlung: "Die oft empfohlenen zwei Portionen Milchprodukte am Tag müssen nicht sein, sind aber auch kein Problem, wenn man sie gerne mag."

Fazit zu "Das System Milch"

Dauerschwangere Hochleistungskühe und Abfallprodukte, rote Zahlen und Dumpingpreise, Nitratbelastung und Krebszellen-Wachstum – nach den 95 Minuten mit spannenden Fakten und den Geschichten unterschiedlich sympathischer Charaktere ist man ordentlich wachgerüttelt und hat erstmal keinen Appetit mehr auf seinen Latte Macchiato.

Wie Regisseur Andreas Pichler selbst mit seinem Milchkonsum umgeht und welche Tipps er für einen nachhaltigen Milchkonsum hat, liest du in unserem Mini-Interview mit ihm.  


"Essen ist Politik": 3 Fragen an Regisseur Andreas Pichler

UNICUM: Darf man noch guten Gewissens Milch trinken?Andreas Pichler
Ja, in begrenzten Mengen, wenn sie biologisch und wenn möglich regional produziert wurde!

Wie hat sich Ihr Konsumverhalten durch die Recherchen für "Das System Milch" verändert?
Ich trinke schon länger kaum mehr Milch, weil ich sie nicht vertrage. Was sich aber seitdem verstärkt verändert hat, ist dass ich noch weniger tierische Lebensmittel esse und versuche noch kritischer einzukaufen. Das heißt, ich suche stets nach regionalen Alternativen zu dem konventionellen Supermarkt-Einkauf.

Mir ist bewusst geworden, dass Landwirtschaft uns alle angeht. Die Böden dieser Erde – auch wenn sie im Privatbesitz sind – sind ein Gemeinwohl, wegen der Umweltfolgen und weil zukünftige Generationen davon abhängen. Das ist für mich eine völlig neue Perspektive auch auf unser Essen.

Haben Sie Tipps, was auch eine Einzelperson tun kann?
Man kann sich auf verschiedenen Ebenen engagieren: Das fängt damit an, dass man prinzipiell weniger tierische Lebensmittel essen und bewusster Einkaufen sollte. Denn Essen ist Politik. Meidet die großen Ketten: Es gibt fast in allen Städten Bauernmärkte oder Foodcoops, über die man viele Lebensmittel regional beziehen kann. Bio ist besser, regional noch besser. Das kostet etwas mehr, aber der Nährgehalt dieser Lebensmittel ist auch höher; man bekommt von weniger mehr.

Aber auch politisches Engagement finde ich wichtig. Denn wie mein Film zeigt: Landwirtschaft wird von der Politik stark mitbestimmt. Welches Modell da zurzeit mit öffentlichen Geldern unterstützt wird, ist genau genommen ein Skandal. Schaut genau, welche politischen Vertreter für welche Art von Landwirtschaft stehen!


Das System Milch FilmplakatUNICUM Film-Tipp

Das System Milch. Die Wahrheit über die Milchindustrie

Dokumentation, Deutschland/Italien 2017

Regie: Andreas Pichler

Verleih: Tiberius Film

Kinostart: 21. September 2017

Heimkinostart: 5. Oktober 2017

Online bestellen (Amazon): Das System Milch


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