Suchtverhalten
Sport, gesunde Ernährung, die Online-Welt - dies kann abhängig machen | Illus: Anne-Sophie Hußler

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15. Aug 2016

Ann-Christin Kieter

Zündstoff

Moderne Süchte

Sportsucht – Orthorexie – Online-Sucht

Sportsucht

Früher hat Marco* Fußball gespielt. Dreimal die Woche Training, am Wochenende Spiele oder eine extra Laufeinheit. Alles ganz geregelt. Doch als er vor zwei Jahren nach Karlsruhe zog, hörte er mit dem Mannschaftssport auf. "Mit Joggen und Fitnesstraining ist man flexibler, hat keine Verpflichtungen", dachte sich der Informationswirtschafts-Student. Doch nun bestimmt sein Sportprogramm erst recht sein Leben.

Jeden Morgen geht der 27-Jährige vor der Uni laufen. Mindestens eine Stunde. Bei Wind und Wetter. Und auch, wenn der Wecker dafür um 5 Uhr klingelt. "Ich brauche dieses geile Gefühl nach dem Laufen, um in den Tag zu kommen. Sonst bin ich schlecht gelaunt und kann mich nicht konzentrieren", beschreibt Marco. Die morgendliche Laufrunde ist aber noch nicht alles. Jeden Abend geht er ins Fitnessstudio oder probiert Uni-Sport-Kurse aus. "Am Wochenende gehe ich schon mit Freunden aus. Aber unter der Woche ist mir das Training wichtiger", gibt er zu. Alles erste Anzeichen für eine Sportsucht.

Doch an eine Therapie denkt Marco noch nicht. Eine ernste Verletzung oder Krankheit wäre ein Test für ihn: "Ich kann nicht sagen, ob ich eine Zwangspause wirklich durchhalten könnte. Mit einem Schnupfen oder leichten Schmerzen ziehe ich mein Programm auf jeden Fall durch."

InfoDas sagt der Experte:

Dr. Heiko Ziemainz, Sportwissenschaftler an der FAU Erlangen-Nürnberg

UNICUM: Wie viele Menschen sind in etwa betroffen?
Dr. Heiko ZiemainzHeiko Ziemainz: Man mutmaßt, dass es unter ein Prozent der Bevölkerung sind. Unterschieden wird zwischen zwei Arten: Bei der primären Sportsucht, die deutlich seltener ist, steht die Sucht als solche im Vordergrund, bei der sekundären ist eine Essstörung die Grunderkrankung, bei der der Sport einem hohen Kalorienverbrauch dient. Wenn jemand 20 Stunden in der Woche Sport treibt, muss er nicht gleich süchtig sein. Wenn er sich zum Beispiel auf ein bestimmtes Ziel vorbereitet, ist das vollkommen in Ordnung. Aber einem Süchtigen geht es nicht um Leistungszuwachs.

Gibt es weitere Kriterien, an denen man eine Sportsucht festmachen kann?

  1. Der süchtige Sportler bekämpft Entzugssymptome wie Aggressivität und Unruhe.
  2. Seine Gedanken kreisen den ganzen Tag darum, wie er es schafft , sein Sportprogramm zu erledigen.
  3. Oft wird dafür das soziale Umfeld vernachlässigt oder gar der Job riskiert.
  4. Man benötigt immer mehr, sprich eine höhere Dosis.
  5. Körperliche Signale der Belastung werden ignoriert. Es gibt Leute, die haben die Ferse bis auf den Knochen durchgerannt und laufen trotzdem.

Was kann man denn tun? Muss man etwa vollkommen abstinent bleiben?
Die Therapie findet in der Regel in Einrichtungen statt, in der auch andere Verhaltenssüchte wie Spielsucht behandelt werden. Zunächst wird tatsächlich ein Sportverbot erteilt. Und dann versucht man, die Gründe, warum Sport betrieben wird, zu verändern. Irgendwann dürfen die Betroffenen dann wieder etwas tun, zum Beispiel vor dem Hintergrund, ein Erlebnis mit anderen zu teilen.


Orthorexie – krankhaft gesunde Ernährung

"Nein, magersüchtig bin ich nicht", sagt Anna* entschieden, obwohl sie mit ihren 52 kg bei einer Größe von 1,72 m deutlich untergewichtig ist. "Mein Körper liegt mir viel zu sehr am Herzen." Dass sie täglich "aus Versehen" zu wenige Kalorien zu sich nimmt, weil sie sich hauptsächlich von Obst und Gemüse und ganz mageren Milchprodukten ernährt, wird der 24-Jährigen erst so langsam bewusst.

Während viele ihrer Kommilitonen erstmal zugenommen hätten, weil sie plötzlich nur noch "Mist" aßen, sei es bei ihr genau anders gewesen: "Bei uns zu Hause gab es ständig Fast Food und Süßigkeiten, das wollte ich nicht mehr." Die Anglistik-Studentin habe sämtliche Tipps aus Magazinen aufgesogen: "Ich strich Kohlenhydrate nach und nach von meinem Speiseplan." Manchmal zwingt sich die Bochumerin, Dinge zu essen, die sie absolut nicht mag – Tomaten zum Beispiel. Für ein Maximum an Vitaminen und ein Minimum an Pestiziden kauft Anna ausschließlich im Bio-Laden. "Das geht allerdings ganz schön ins Geld", gibt sie zu und gesteht, dass sie deshalb oft auch einfach viel zu wenig isst.

Die Folge: Anna, früher begeisterte Sportlerin, hat keine Kraft mehr für ihre Hobbys. Der Hauptgrund, weshalb sie nun über eine Therapie nachdenkt, ist aber ihre Einsamkeit: "Ich hab mich komplett von meinen Freunden zurückgezogen, weil es bei unseren Treffen immer auch ums Essen ging. Und im Restaurant nur Wasser zu bestellen, war mir zu blöd."

InfoDas sagt die Expertin:

Prof. Dr. med. Martina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der MH Hannover

UNICUM: Wie fließend sind die Übergänge in die Magersucht?
Prof. Dr. med. Martina De ZwaanMartina de Zwaan: Es kann sein, dass die Betroffenen sich unterkalorisch ernähren und dadurch abnehmen, dünn werden oder auch in anorektische Dimensionen geraten. Aber die Motivation ist eine andere. Es geht eben nicht darum, Gewicht absichtlich zu reduzieren, sondern darum, sich gesund zu ernähren – und das, was die Qualität betrifft und nicht die Quantität. Das kann eben auch zu wenig sein.

Welche Rolle spielen die Medien?
Dieser überall präsente Gesundheitswahn spielt auf jeden Fall eine Rolle. Wenn dieser auf die richtige Persönlichkeit (perfektionistisch, zwanghaft, asketisch) trifft , kann das schon ein Auslöser sein. Das ist wie bei "Germany’s next Topmodel" und Anorexie. Aber nicht jeder, der das anschaut, wird magersüchtig.

Wie viele Menschen sind denn ungefähr betroffen?
Schätzungsweise so ein Prozent in der Bevölkerung. Verlässliche Zahlen gibt es jedoch nicht. Es ist ganz interessant, dass Orthorexie in der Laienpresse eine wesentlich größere Bedeutung hat als in der Forschung.

Was können die Betroffenen tun?
Man muss das Essverhalten schon normalisieren. Das Wiedererlernen einer ungestraften Genussfähigkeit unterscheidet sich nicht so sehr von der Therapie einer Anorexie. Dafür muss man aber erst einsehen, dass das zu übertrieben ist, was man macht


Online-Spielsucht

Peter* war auf dem Tiefpunkt: Drei Monate lang hat er 16 Stunden pro Tag am Computer gespielt. "Ich sah fertig aus, ein komplettes Wrack", sagt er heute. Mit seinem Biologie-Studium an der RWTH Aachen ging er "notentechnisch durch ein tiefes Tal", soziale Kontakte beschränkten sich auf die Online- Welt. "Ich bin morgens aufgestanden, hatte ein mieses Gefühl wegen gestern und um das wegzukriegen, habe ich wieder gespielt", erzählt der 22-Jährige. Sein ganzes Leben fand nur noch in den eigenen vier Wänden statt.

Fünf Jahre hat Peter intensiv gezockt, doch so schlimm wie nach der Trennung von seiner Freundin war es noch nie. Die Eltern waren geschockt, drängten ihn zur Therapie und Peter willigte schließlich ein. Im Sommer 2014 hielt er zum letzten Mal einen Controller in der Hand, von seinen Online-Freunden hat er sich radikal getrennt, sämtliche Spiele deinstalliert.

Noch immer kämpft Peter gegen die Sucht. Freunde finden, entspannen, Erfolge feiern – das alles war in der virtuellen Welt einfacher. "Ich hinke entwicklungstechnisch hinterher. Ich war gesellschaftlich nie dabei, habe das Gefühl, etwas verpasst zu haben", sagt der Student. "Und mein Kopf fühlt sich jetzt oft so voll an, weil ich so viel denke. Beim Spielen war er leer." Trotz seiner Erfahrungen will Peter das Gaming nicht unter Generalverdacht gestellt wissen: "Videospiele sind kein Teufelszeug, sie sind ein großartiges Medium. Aber jeder muss darauf achten, dass das virtuelle Leben nicht das reale ist – und es auch nie werden wird."

Mediensucht

Schon zu Schulzeiten hat Matthias* an jedem zweiten Tag verschlafen. Der Gameboy war mit im Bett. Eine Runde ging noch, dann noch eine. Jahre später fingen seine Finger an zu zittern, wenn er nicht seine tägliche Medien-Dosis bekam. Nichts war mehr wichtig: Die Freunde langweilten ihn, die Uni lief nebenbei, selbst das Essen vergaß Matthias immer öfter.

Als Matthias in seine erste eigene Wohnung zieht, gerät alles außer Kontrolle. "Ich bin aufgestanden, habe mich an den PC gesetzt und dann war es Nacht. Irgendwann habe ich selbst gemerkt: Da ist was faul, das ist mehr als eine schlechte Angewohnheit", gesteht der 21-Jährige heute. Anfang 2015 liest der Aachener in einem E-Book über Suchtkriterien – und stellt fest: "Das passt total auf mich." Er deinstalliert sein Lieblingsspiel "und dann war es von alleine wieder drauf ". Er bleibt abstinent, landet dafür bei Netflix, Youtube und Facebook, verbringt seine Zeit "eins zu eins" dort, wie er sagt. Selbst von Sudokus kann sich der angehende Wirtschaftsingenieur nicht mehr fernhalten. Die Karriere eines Mediensüchtigen.

Im vergangenen Oktober endlich, nach langem Warten auf die Kostenzusage der Krankenkasse, kann Matthias eine Therapie beginnen. In seinem Zimmer hängt jetzt eine Ampel: Rot und verboten sind Online-Spiele und Netflix-Serien, für Mariokart und Rätsel darf sich Matthias hin und wieder ein wenig Zeit nehmen, grün ist nur die Internetnutzung für die Uni.

InfoDas sagt die Expertin:

Kristina Latz von der Suchthilfe Aachen

UNICUM: Wann sprechen Sie von einer Online-Sucht?
Kristina Lanz Suchthilfe AachenKristina Latz: Die Grenzen vom vermehrten über den missbräuchlichen Gebrauch bis zur Abhängigkeit sind sehr fließend. Es gibt aber einige Kardinalsymptome: Man verbringt immer mehr Zeit vor dem Computer, Tablet oder Handy, es gibt einen Kontrollverlust, andere Dinge wie soziale Kontakte, Ernährung, Beruf oder Studium werden vernachlässigt.

Wie viele Stunden am Tag sind denn noch okay?
Wir machen das nicht an Zeiten fest, sondern daran, ob es noch ein Hobby ist. Wichtig ist die Frage: Geht es noch ohne? Das zielt auf ein gewisses Toleranzverhalten: Man kann auch Tage ohne Internet verbringen, ohne sich schlecht zu fühlen. Man braucht nicht immer mehr Zeit, um dieselbe Euphorie zu erzeugen. Man ordnet andere Dinge nicht der Online-Nutzung unter. Wer das Gefühl hat, er hat das nicht mehr unter Kontrolle, sollte sich Hilfe holen.

Wie viele Menschen sind betroffen?
Die Krankheit ist offiziell noch nicht anerkannt. Studien stufen etwa ein Prozent der 14- bis 64-Jährigen in Deutschland als internetabhängig ein. In der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen ist die Verbreitung am größten: 2,4 Prozent abhängige und 13,6 Prozent problematische Internetnutzer. Etwa ein Drittel, hauptsächlich Männer, spielt Online-Spiele.


(* = Namen von der Redaktion geändert)

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