Zulassungschaos NC
Scheitert der Traumjob an der Bürokratie? | Foto: Thinkstock/chachamal
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13. Sep 2016

Armin Himmelrath

Zündstoff

So ein Chaos! Zulassungs-Probleme bei NC-Fächern

Seit es die ZVS nicht mehr gibt, bleiben tausende Studienplätze frei

"Totalversagen": Umstellung schon vor fünf Jahren in der Kritik

Florian Keller war sauer. "Die Hochschulzulassung in Deutschland ist durch intransparente Verfahren weitestgehend zu einem Glücksspiel mit ungewissem Ausgang geworden", schäumte der Berliner Student, das sei "ein Totalversagen von Hochschulleitungen und Politik". Das war vor fünf Jahren, und worüber sich Keller – damals aktiv beim studentischen Dachverband fzs – so aufregte, war der Versuch, die Studienplatzverteilung in Deutschland neu zu organisieren. Ein Projekt, das bis heute noch immer nicht richtig rundläuft.

Das Problem: In etlichen Fächern gibt es viel mehr Bewerber als Studienplätze. Die Hochschulen kennen diese Schwierigkeiten schon länger: Bereits Anfang der 1970er Jahre wurde in Dortmund die ZVS gegründet, die "Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen". Sie wurde oft als "Kinderlandverschickung" geschmäht, erledigte aber fast 40 Jahre lang ziemlich zuverlässig die Verteilung der Plätze in knappen Fächern wie Medizin, Psychologie oder Architektur. Auswahlkriterium war in erster Linie der Abi-Schnitt, soziale Faktoren kamen dazu.

2008 beschlossen Bund und Länder, auf die größer gewordene Autonomie der Hochschulen zu reagieren und die ZVS durch die "Stiftung für Hochschulzulassung" zu ersetzen. Per Software sollten die Wünsche der Bewerber und die –  ganz unterschiedlichen – Auswahlkriterien der Hochschulen zusammengebracht werden. "Dialogorientiertes Serviceverfahren" (DoSV) wurde das Projekt getauft, doch so einfach der Plan klang, so schwierig wurde die Umsetzung. Und die Probleme halten an. 

Geschönte Schlagzeilen

"Hochschulstart gelingt unter anderem deswegen nicht, weil nicht alle Studiengänge an diesem Portal beteiligt sind", sagt Studentenvertreter Janek Heß vom fzs, "so müssen Studierende sich je nach Hochschule und Studiengang ganz unterschiedlichen Selektionsverfahren aussetzen. Die Konsequenz ist Chaos, das zu völlig unnötigem bürokratischen Aufwand auf allen Seiten führt." Eine weitere Folge: Tausende von Numerus-clausus-Fächern bleiben wegen des Durcheinanders jedes Jahr unbesetzt.

Liest man die Titel der Pressemitteilungen, die die Stiftung für Hochschulzulassung in den vergangenen Jahren verschickt hat, klingt das Ganze jedoch völlig anders – nach einer kaum zu bremsenden Erfolgsgeschichte:

  • "Neues Koordinierungsverfahren für die örtliche Studienplatzvergabe nimmt Fahrt auf" (17.05.2013)
  • "Ausbau des Dialogorientierten Serviceverfahrens schreitet erfolgreich voran" (02.09.2015)
  • "Stiftung für Hochschulzulassung zieht erneut positives Fazit" (18.01.2016)

Und auch die Stellungnahme zu den Bewerbungen für das jetzt beginnende Wintersemester liest sich fast wieder wie eine sozialistische Jubelmitteilung. Der weitere Ausbau des Verfahrens sei "auf gutem Weg", es gebe eine "erneut steigende Beteiligung am DoSV".

17.000 freie Plätze im vergangenen Jahr

103 Hochschulen beteiligten sich zum Wintersemester am Verfahren der Stiftung, 748 Studiengänge ließen sie hier verwalten. Doch das sind noch nicht einmal 60 Prozent aller 177 Hochschulen, die aktuell NC-Fächer im Angebot haben. Nach wie vor müssen Studierende also in etlichen Fächern eine Bewerbung an die Dortmunder Stiftung und zusätzliche Bewerbungen an diejenigen Hochschulen schicken, wo die Plätze nur direkt vergeben werden. Denn solange zahlreiche Hochschulen ihre Mitarbeit verweigern und lieber eigene Auswahlverfahren durchführen, wird die zentrale Idee der Studienplatzkoordination ad absurdum geführt.

Im vergangenen Wintersemester, schätzt Studierendenvertreterin Mandy Gratz, gab es wegen der Verfahrensmängel bundesweit rund 17.000 NC-Studienplätze, die nicht vergeben werden konnten. "Das ist ein Skandal", schimpft sie – und ist genauso sauer, wie es ihr Kollege Florian Keller schon vor fünf Jahren war.


Meinung

Mandy Gratz, fzs-Vorstandsmitglied"Es kann passieren, dass sich eine Studienbewerberin für ihr Wunschstudium bei einer Uni direkt bewerben muss, während sie für eine andere Hochschule den Weg über Hochschulstart nehmen muss – abhängig davon, welche Hochschulen ihre Bewerberauswahl überhaupt über diese Stiftung laufen lassen. Die Bewerberin kann nichts dafür, dass Hochschulstart am Ende eventuell einen Studienplatz an eine Person vergibt, die bereits anderweitig einen Studienplatz erhalten hat. So bleiben Plätze unbesetzt, die über dieses Verfahren vergeben werden sollen. Das ist intransparent, ineffizient und ungerecht."

  •  Mandy Gratz, fzs-Vorstandsmitglied

 


Infos in Kürze

  • Schätzungsweise 17.000 NC-Studienplätze blieben im Wintersemester 2015/2016 frei.
  • Nur knapp 60 Prozent aller Hochschulen lassen ihre Plätze vom ZVS-Nachfolger "Stiftung für Hochschulzulassung" verteilen.
  • Deshalb müssen sich Studierende umständlich auf verschiedenen Wegen bewerben.

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