Political correctness Kritik
Triggerwarnungen & Mikroaggressionen: Was dürfen wir noch sagen? | Foto: Thinkstock/Nadia Bormotova

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07. Nov 2016

Nina Weidlich

Zündstoff

Ein Plädoyer gegen den Political Correctness-Wahn!

Political Correctness: Good to know

Wer über etwas urteilen will, sollte zumindest eine vage Ahnung haben, wovon er redet. Damit du auf der nächsten WG-Party endlich mal mitdiskutieren kannst, hier ein kleines "Political-Correctness-Lexikon":

Politische Korrektheit

Der aufgrund seiner Entstehungsgeschichte häufig englisch verwendete Begriff "Political Correctness" – kurz "pc" – beruht auf der Idee, kränkende oder beleidigende Äußerungen und Handlungsweisen zu vermeiden. Vor allem im Rahmen des Sprachgebrauchs gab es im Laufe der Jahre viele Vorschläge, die eine neutrale Beschreibung von Personen oder Gegenständen sicherstellen sollten. Beispiel: "Negerkuss" wird zu "Schaumkuss", "verhaltensgestörte Kinder" werden zu "verhaltensoriginellen Kindern". Kritiker politisch korrekter Sprache sehen in ihr eine Einschränkung der freien Meinungsäußerung und somit eine Art der Zensur.

Safe Space

Safe Spaces nennt man Zufluchtsorte, in denen sich marginalisierte Gruppen fernab von Stereotypen, Beleidigungen und anderen Angriffen frei bewegen und über ihre Erfahrungen austauschen können. Das kann in einem extra dafür eingerichteten Raum in der Uni sein; manche erklären auch ihre WG zum Safe Space oder fordern, dass der gesamte Campus zum sicheren Raum erklärt wird. Das Problem: Safe Spaces sind sowohl zeitlich als auch örtlich begrenzt und verlieren spätestens dann ihre schützende Wirkung, wenn die Betroffenen in die "reale Welt" zurückkehren.

Trigger Warnings

Ursprünglich dienten Triggerwarnungen dazu, traumatisierte Personen vor Inhalten in Büchern, Videos oder anderen Medien zu warnen, die bei ihnen belastende Erinnerungen und somit Angstzustände auslösen könnten. Vermehrt taucht der Begriff aber auch in Verbindung mit Political Correctness auf, wo Trigger Warnings potentiell gefährdete Personen quasi spoilern und - ähnlich wie Safe Spaces - vor verletzenden Inhalten schützen sollen.

Dazu werden Wörter durch den Ersatz einzelner Buchstaben mit Sternchen oder anderen Zeichen unkenntlich gemacht, sodass Betroffene nicht direkt mit einem belastenden Begriff konfrontiert werden. Oder aber vor einem fraglichen Beitrag wird in einer kurzen Notiz (z.B. mit "Vorsicht Triggergefahr!") vor dessen Inhalt gewarnt. Bei gehäufter Nutzung solcher Warnungen besteht allerdings die Gefahr, dass die verfälschten Wörter sich selbst zum Trigger entwickeln oder im Spaß gebraucht werden und so an Ernsthaftigkeit verlieren.

Mikroaggressionen

Mikroaggressionen bezeichnen kleine, subtile Beleidigungen im Alltag. Häufig sind diese winzigen Äußerungen von den Verursachern gar nicht beabsichtigt herabwertend gemeint, werden von Betroffenen aber als störend oder verletzend wahrgenommen. So kann zum Beispiel der Begriff "Student" bereits eine Mikroaggression sein, da er die Frau (vermeintlich vorsätzlich) unsichtbar macht.


Political Correctness Meinungsfreiheit


In der Kritik: Politisch korrekt – oder einfach nur gaga?

Fälle von "Hardcore Political Correctness" findet man vor allem in den USA, wo die Bewegung ihren Ursprung genommen hat. Aber wir kennen das ja: Irgendwann kommen die Trends aus Amerika auch bei uns an, und in abgeschwächter Form ist sicher auch in Deutschland jeder schon einmal mit politischer Korrektheit in Berührung gekommen. Die folgenden Szenarien sind deshalb auch bei uns nicht undenkbar.

#CulturalAppropriation

"Cultural Appropriation" – Das heißt so viel wie: "Die Aneignung kultureller Merkmale einer ethnischen Gruppe" und hat zum Beispiel am Bowdoin College in Maine für Aufregung gesorgt. Hier hat eine Gruppe von Studenten die Dreistigkeit besessen, zu einer Tequila-Party kleine Sombrero-Hütchen aufzusetzen. Auch Indianer-Verkleidungen oder Ninja-Kämpfer-Kostüme werden nicht gern gesehen. Der Vorwurf: Sie verkörpern abwertende Stereotype und machen die jeweilige Kultur lächerlich.

Um darauf aufmerksam zu machen, dass solche Rassismus-Anschuldigungen absolute Spaßkiller sind, ruft die konservative Gruppierung "Young America´s Foundation" in diesem Jahr zu einer Protestaktion gegen politische Korrektheit auf:  Unter dem Hashtag #RIPHalloween sollen Studenten ihre "rassistischen" Verkleidungen wie Federkopfschmuck, Ponchos und Sombreros in einem selbst gebauten Sarg auf dem Campus beerdigen und einen Nachruf auf den Feiertag verfassen, in dem sie erklären, wie Political Correctness das fröhliche Kostüm-Spektakel getötet hat.

Aber der Streit um Cultural appropriation macht auch vor anderen vermeintlich harmlosen Aktivitäten nicht Halt: An der University of Ottawa in Kanada etwa wurde eine Yoga-Stunde abgesagt, weil diese Praxis Kulturen entstamme, in denen Genozid und Unterdrückung an der Tagesordnung stünden. Deshalb sei es falsch, Yoga leichtfertig als eine entspannende und unterhaltsame Freizeitbeschäftigung auszuüben. Der versöhnliche Versuch einer Yoga-Lehrerin, die Einheit in "mindful stretching" umzubenennen und so ihren Uni-Kurs am Leben zu erhalten, scheiterte.

Selbst unser Essen ist vor Anschuldigungen der politisch Korrekten nicht gefeit: Zum Beispiel haben sich Studenten am Oberlin College in Ohio darüber aufgeregt, dass die in der Mensa servierten afrikanischen und japanischen Spezialitäten nicht traditionell zubereitet worden seien, was einer Geringschätzung ihrer Kulturen gleichkäme. Also denk mal drüber nach, wenn du beim nächsten WG-Kochen mal wieder die Pasta versalzt oder dir - rebellisch wie du bist - den pampigen Reis mit der Gabel reinschaufelst. Getreide hat schließlich auch Gefühle!

#ComfortZone

Wie regen wir uns alle auf, wenn von einer Youtube-Sperre in der Türkei die Rede ist. Rückständig sei das, und mit Demokratie habe das absolut gar nichts zu tun. Stimmt auch. Aber ist selbst auferlegte Zensur denn so viel besser? Studenten an der New Yorker Columbia University wollten zum Beispiel vor Ovids "Metamorphosen" gewarnt werden, da dort die sexuelle Nötigung thematisiert würde. Wenn man keine Lust hat, sich einen antiken Klassiker reinzuziehen, ist das absolut nachzuvollziehen. Aber da kann man sich auch eine originellere Ausrede einfallen lassen, oder?

Wer jetzt denkt, dabei handle es sich um einen Einzelfall, irrt sich: In Harvard haben Jurastudenten darum gebeten, nicht über Sexualstrafrecht sprechen zu müssen. Warum? Weil es bei ihnen negative Gefühle auslöst. Man möchte hier glatt die kühne Behauptung aufstellen, dass das Thema sexuelle Gewalt bei ungefähr jedem psychisch gesunden Menschen negative Gefühle auslöst. Alles andere wäre auch irgendwie beängstigend.

Und überhaupt: Arbeitet ein Jurastudent nicht daraufhin, Opfern von Gewalttaten irgendwann einmal unterstützend zur Seite zu stehen? Da kann man dann ja auch nicht sagen: "Ja, ich verteidige Sie, aber bitte keine Details. Bei Mord und Totschlag bekomme ich immer so negative Vibes." Wenn man über unangenehme Gräueltaten nicht sprechen will, ist das okay. Aber dann sollte man vielleicht zum Blumenhändler, Eisverkäufer oder Kleintierzüchter umschulen.

Political Correctness? Nicht mit uns!

Aber es gibt auch Hoffnung. Die University of Chicago hat nämlich in diesem Jahr ihren Erstsemestern gleich im Begrüßungsschreiben klar gemacht: Political Correctness? Trigger Warnings? Safe Spaces? Gibt´s bei uns nicht! Denn nach Meinung des Dekans John Ellison dienen all die Rückzugsmöglichkeiten einzig und allein dem Zweck, sich vor unangenehmen Auseinandersetzungen zu verstecken. In dem Brief hat die Uni sich auf ihre Verpflichtung berufen, die akademische Freiheit zu verteidigen – und dazu gehöre nun mal auch eine geregelte Debatten- und Streitkultur.

Vorurteile verschwinden nicht von selbst

Um Missverständnisse zu vermeiden: Es ist schon klar, dass nicht jeder Asiate gut in Mathe ist oder jeder farbige Basketball spielt – und ohne Frage sind solche Vorurteile hinterwäldlerisch und manchmal vielleicht sogar ein bisschen unverschämt. Aber dass wir derartige Stereotype nicht mehr aussprechen, heißt ja nicht, dass sie automatisch aus unseren Köpfen verschwinden.

Vielmehr entstehen Missverständnisse dadurch, dass wir uns nicht mehr trauen, offen miteinander zu reden. Und viele Probleme lassen sich durch ein respektvolles, aber ehrliches Gespräch einfach weglächeln. Denn: Vorurteile können – vor allem für die Betroffenen selbst – unfassbar lustig sein (eben weil sie häufig einen Funken Wahrheit in sich tragen). Aber das verstehen die Deutschen nicht, dieses spießige Volk. Und die Amis verstehen es auch nicht, weil da drüben alle total prüde sind. Nur den Engländern, mit ihrem schwarzen Humor, fällt vor Lachen glatt das Shortbread in ihren milchgetränkten Earl-Grey-Tee.

Welcome to the real Life

Ist es provokativ, ein eigentlich ernstes Thema derart lapidar zu behandeln? Definitiv. Muss man sich deshalb schuldig fühlen, die Probleme betroffener Personen nicht ernst genug zu nehmen? Absolut nicht. Schuldig fühlen sollten sich vielmehr all diejenigen, die aus Bequemlichkeit auf den Political Correctness-Zug aufspringen, um sich jeglicher Konfrontation zu entziehen. Dadurch werden banale Unannehmlichkeiten derart aufgebauscht, dass sie den wirklich wichtigen Problemen einzelner Personengruppen die Aufmerksamkeit rauben, die sie verdienen. Denn nicht jedes Zipperlein ist es wert, ausdiskutiert zu werden. Es gibt einfach ein paar Wahrheiten, die wir akzeptieren müssen – Das Leben ist nämlich nicht immer eitel Sonnenschein, Frauen-Püpse verströmen keinen Rosenduft und es gibt nicht nur Liebe, sondern auch Hass.

Das bedeutet nicht, dass wir uns mit Rassismus und Gewalt einfach abfinden müssen. Wir werden diese Probleme aber nicht aus der Welt schaffen, indem wir Augen, Ohren und Lippen verschließen und auf einem rosa Einhorn mit glitzernder Mähne in die ach so tolerante Safe Space reiten, wo alle Menschen sich lieb haben und sich einmal in der Stunde ganz doll knuddeln. Denn SO funktioniert die Welt einfach nicht. Um eine wirklich tolerante Gesellschaft zu werden, brauchen wir Kommunikation. Und die beinhaltet eben manchmal auch Konfrontation. Und Unbehaglichkeit. Und Wut. Aber das ist okay, solange wir dabei nicht vergessen, respektvoll miteinander umzugehen.

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3.58 von 5 Sternen bei 204 Bewertungen.

Deine Meinung:

Veröffentlicht am 27. Nov 2016 um 12:22 Uhr von Phillip Gudlin
Sehr ehrlicher und das Thema gut zusammenfassender Beitrag. In der Erwachsenenbildung sollte es das Ziel sein, den Studenten damit zu konfrontieren, Diskurse zu führen, Ideen zu kreieren, diese zu diskutieren und alte und neue Paradigmen anzuzweifeln. Ganz einfach: Eine andere Meinung als die eigene zu hören. Persönlichkeitsentwicklung, ein Melting-Pot an Ideen, der dazu führt, dass man erwachsen(er) wird und vor allem eine dicke Haut entwickelt, denn die Welt da draußen ist kein Safe Space mit Play-Doo und Kuscheldecke an jeder Ecke. Ich als Medizinstudent fände es lachhaft, dem Dozenten vor einer Embryo-Vorlesung zu sagen,er solle doch bitte keine Fehlbildungen zeigen. Ich will mit der dunklen Seite der Realität konfrontiert werden, denn als Arzt kann ich nicht einfach die Augen schließen, wenn jemand in eine Kettensäge gelaufen ist. Und das wichtigste ist: Humor. Wer nicht immer alles mit einem Funken Humor sieht, der wird von der Realität vernichtet. Wichtig ist aber: Nicht die Konsequenzen, oder gar die Gefühle einer Betroffenen Person werden/sollten dadurch in den Hintergrund rücken. Der Humor an sich geht viel weiter als das,er gibt Menschen eine Methode, Dinge zu verarbeiten. Ich hoffe die deutschen Unis werden von diesem PC Wahn verschont.
Veröffentlicht am 12. Jun 2017 um 20:28 Uhr von s. fürstenberg
Ich teile die Meinung der Autorin nicht. Aus meiner Sicht wäre es toll, wenn an dieser Stelle mehr über die Geschichte des Begriffes »political correctness« zu lesen wäre, welcher erst durch den gezielten Gebrauch durch rechte und konservative Gruppierungen in den USA populär und zur Durchsetzung ihrer Interessen sowie zur Festigung ihrer Dominanz genutzt wurde. Somit ist »political correctness« selbst schon ein streitbarer Begriff ist. Auch ich habe ein Bedürfnis nach Selbstbestimmung und ein Interesse daran, so zu sprechen, wie es mir beliebt. Doch für mich bedeutet das, in meinem Alltag einen wertschätzenden Austausch (auch bei Konflikten und Meinungsverschiedenheiten) zu gestalten und dabei eine diskriminierungskritische Sprache zu gebrauchen. D.h. ich versuche bspw. auf negative Fremdbezeichnungen (wie bspw. dem kolonialistischen, inkorrekten und verletzenden Begriff »Indianer«) zu verzichten und stattdessen stärkende Eigenbezeichnungen (wie »first nation people«) zu verwenden, die die betroffene Gemeinschaft für sich reklamiert. Und das mache ich nicht, weil mir das irgendjemand vorschreibt, sondern weil mir ein respektvolles Miteinander wichtig ist und das bei der Wahl meiner eigenen Worte anfängt.