Demokratieunterricht
Demokratieunterricht soll dazu beitragen, Politik zu verstehen und sich eine Meinung bilden zu können. | Foto: seb_ra/Getty Images
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05. Feb 2019

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Politische Bildung

Brauchen wir Demokratieunterricht an Schulen?

Politische Bildung: Mehr Demokratiebildung im Unterricht

Erinnerst du dich noch an deinen Politikunterricht in der Schule? Bei dir hieß er vielleicht Politik & Wirtschaft oder Sozialwissenschaft, je nachdem, in welchem Bundesland du zur Schule gegangen bist. Wahrscheinlich hast du gelernt, wie Wahlen funktionieren und wie unser politisches System aufgebaut ist. Aber hast du dich im Unterricht auch mit konkreten, aktuellen politischen Themen und Konflikten auseinandergesetzt, hast politische Urteils- und Analysefähigkeit gelernt? Genau das kommt immer wieder zu kurz, sagt Sabine Achour, Professorin an der FU Berlin für Politikdidaktik. Sie unterrichtet angehende Lehrkräfte für unterschiedliche Schulformen und plädiert für mehr Demokratiebildung an Schulen. Denn gerade durch die Pisa-Debatte vor einigen Jahren sei dieses Thema in den Hintergrund geraten.

Politik erfahren und erleben

Doch was bedeutet Demokratiebildung überhaupt? Es geht um das Erlernen von Urteilsfähigkeit, Analysefähigkeit und Handlungsfähigkeit, also um Grundkompetenzen, die wichtig sind, um Politik zu verstehen und sich zu politischen Themen eine Meinung bilden zu können. "Der Begriff ist noch eine vergleichsweise neue Wortschöpfung", erläutert die Expertin. Zuvor habe man entweder von politischer Bildung oder vom Konzept der Demokratiepädagogik gesprochen. "Das war eine recht konfliktreiche Diskussion, vor allem zwischen Erziehungswissenschaftler*innen und Politikdidaktiker*innen, " sagt Sabine Achour und fügt hinzu: "Demokratiebildung versucht, beide Ansätze miteinander zu verbinden: Das Erfahren und Erleben von Politik sowie das Wissen darüber. Denn das eine geht nicht ohne das andere. Es bringt nichts, dass Schüler*innen nur lernen, nett zueinander zu sein und darüber zu diskutieren, wo der nächste Wandertag hingeht." Um die Komplexität von Politik und ihren Entscheidungsprozessen verständlich zu machen und zu vermitteln, welche Formen der Partizipation sie bieten, seien Fachwissen und Kompetenzen erforderlich.


Poltische Bildung Schule


"Insbesondere seit dem Auftreten der AfD merken wir, dass wir ein gesellschaftliches Instrument vernachlässigt haben, das für die Demokratie wichtig ist", sagt Achour. "In Sachsen zum Beispiel wird politische Bildung bis Klasse 10 fast überhaupt nicht unterrichtet. Ähnlich in Bayern. Politik ist dann ein 'elitäres Oberstufenfach'. Und das spiegelt sich in den Wahlen wider, weil bestimmte Milieus deutlich weniger wählen gehen." Schule sei die einzige Institution, die fast alle Schichten erreichen könne. Wenn gerade Fächer wie politische Bildung aus dem Stundenplan fielen oder auf eine Unterrichtsstunde pro Woche reduziert würden, vertue man eine Chance, die man durch die Institution Schule habe. Denn bei politischer Bildung gehe es nicht so sehr um das theoretische Wissen, betont die Politikwissenschaftlerin: "Es geht vielmehr um die Wertschätzung von gesellschaftlichen Prozesse

Polity, Policy, Politics

Grundsätzlich lässt sich die Komplexität von Politik an ihren drei Dimensionen illustrieren: Polity (Form), Policy (Inhalt) und Politics (Prozess):

  • Polity beinhaltet die Form oder Struktur des Politischen und bezieht sich auf institutionelle Aspekte. Der Fokus liegt auf den verfassungsmäßigen politischen Strukturen und Ordnungen einer Gesellschaft, wie Regierungssysteme, politische Parteien oder Parlamente.
  • Policy umfasst die Inhalte politischer Auseinandersetzungen und zielt auf Problemlösung und Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse.
  • Politics fokussiert Prozesse wie politische Verfahren (z.B. Wahlen) und die Konfliktanalyse. Untersucht wird der Willens- und Entscheidungsbildungsprozess (z.B. politische Auseinandersetzungen, Debatten, Kriegshandlungen) der am politischen Geschehen Beteiligten.

"Politik begegnet uns im Alltag vor allem als Policy oder Politics, also als inhaltliche Frage oder als Entscheidungsprozess", erklärt Sabine Achour. "Wenn man nur auf der Polity-Ebene bleibt, ist Politik immer verkürzt und fördert eben nicht die notwendigen Kompetenzen für später."


Sabine Achour Professorin Politische Bildung


Über die Expertin:

Sabine Achour ist Professorin an der FU Berlin für Politikdidaktik und unterrichtet angehende Lehrkräfte für Grundschule, Sonderschule, Gymnasium, nicht-gymnasiale Schulformen und Berufsschulen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Vielfalt, Migration, Demokratie und Islam. Als Expertin für politische Bildung hat sie beim Massive Open Online Kurs "Citizenship Education – Demokratiebildung in Schulen" der Bertelsmann Stiftung mitgewirkt.

 


Demokratieunterricht: Politische Konflikte im Fokus

Genau auf dieser formellen Eben darf die politische Bildung an Schulen laut Expertin nicht feststecken. Dabei ist es keineswegs so, dass es Demokratiebildung im Unterricht bisher überhaupt nicht gibt. Doch Fächer wie Geschichte, Geographie und Ethik decken dieses Querschnittthema oft nur unzureichend ab, wie die Professorin für Politikdidaktik am Beispiel des Faches Geschichte veranschaulicht: "Hier wird häufig bis Klasse 10 chronologische Ereignisgeschichte vermittelt, andere Funktionslogiken stehen im Vordergrund." Wenn Politik fachfremd unterrichtet wird, hangle es sich eher an Institutionskunde entlang. "Idealerweise sollte Politikunterricht aber so sein, wie uns Politik außerhalb der Schule begegnet: Es gibt ein Problem, das gelöst werden muss, und zu dem ich mich positionieren und urteilen kann. Das macht gute politische Bildung aus."

"Politik ist eines der schwierigsten Fächer"

Um die Vermittlung von Demokratiebildung zu gewährleisten, braucht es Lehrkräfte, die ein Gespür für politische Konflikte haben und die entsprechenden Kompetenzen vermitteln können. "Politik ist ein Fach, das sich ändert", sagt Sabine Achour. Deswegen sei es wichtig, dass Lehrkräfte auch gute Fachwissenschaftler*innen sind und ihr Fach lieben. Ist das nicht der Fall, fühlten sie sich schnell überfordert. "Politik gilt immer als leicht, weil man weder Mathe noch Sprachen gut können muss. Tatsächlich ist es aber eines der schwierigsten Fächer, gerade wegen der ständigen Dialektik, der Konflikthaftigkeit. Das muss man mögen. Sonst ist dieses Fach nicht geeignet."

Darüber hinaus sieht Sabine Achour die Pflicht zur Demokratiebildung nicht allein bei den Fachlehrern. "Wenn ich merke, dass meine Schüler*innen etwas gesellschaftlich bewegt, ist es meine Aufgabe als Lehrer*in darauf einzugehen", sagt die Professorin. "Dann ist es egal, ob ich der Mathe-, der Religions- oder der Politiklehrer bin." Denn Schule habe neben der Lehr- vor allem auch eine Demokratisierungs- und Integrationsfunktion. "Schule ist nicht nur dazu da, Jugendliche auszubilden und sie dann auf dem Arbeitsmarkt zu verteilen. Wir brauchen Menschen, die Gesellschaft mitgestalten."


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Über den Sponsor:

Um die Demokratiebildung in Schulen zu unterstützen, hat die Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Institut für die Didaktik der Demokratie in Hannover den Kurs "Citizenship Education – Demokratiebildung in Schulen" konzipiert. Er soll angehende Lehrkräfte und alle Interessierten zum Thema "Engagement, Partizipation und Demokratiebildung" fortbilden. Als Massive Open Online Kurs konzipiert, ist er kostenlos und jedem zugänglich.

Hier geht's zum Online-Kurs!

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