Pulse of Europe
"Pulse of Europe", Wiesbaden, März 2017 | Foto: flickr.com/Martin Kraft, CC BY-SA 2.0, zugeschnitten
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12. Mai 2017

Alexander Lemonakis

Zündstoff

Pulse of Europe: Ist Europa gescheitert oder erst am Anfang?

Europa bietet für Studierende viele Vorteile

Im Urlaub einfach so über Grenzen fahren und im anderen Land kein Geld tauschen müssen. Oder einfach und bequem ein Auslandssemester in Prag oder Bologna machen. Europa bietet auf fast jeder Ebene für jeden Einzelnen und besonders für Studierende viele Vorteile. Europäische Zusammenarbeit, kultureller Austausch und friedliche Einigkeit sind für die meisten (jungen) Menschen selbstverständlich und positiv besetzt.

Viel hat sich in letzter Zeit gegen die europäische Idee gewandt: Der unerwartete Brexit, die Wahl von Donald Trump und der weiterhin schwelende Konflikt zwischen dem türkischen Präsidenten Erdogan und dem Rest von Europa. Auch viele EU-Bürger wenden sich von Europa ab und sind enttäuscht.

Aber anscheinend kann man auch mit "Pro-Europa-Wahlkämpfen" wieder Wahlen gewinnen. Das haben uns die Wahlen in unseren Nachbarländern Niederlande und Österreich in den letzten Monaten gezeigt und war jetzt auch in Frankreich zu beobachten: Emmanuel Macron hat mit einer klaren "Pro-Europa"-Kampagne gegen Marine Le Pen, Vorsitzende des Front National und entschiedene EU-Gegnerin, gewonnen.

"Pulse of Europe" bringt Europa-Befürworter zusammen

Der Zerfall der EU und von Europa scheint vorerst abgewendet. Und noch viel mehr: In vielen deutschen Städten gehen die Unterstützer des europäischen Gedankens seit Anfang März inzwischen regelmäßig auf die Straße. Auch in einigen anderen europäischen Ländern beginnt die überparteiliche und unabhängige Bewegung "Pulse of Europe" zu wachsen.

Die Vision der Initiative: Menschenmassen in allen großen europäischen Metropolen, die für die Werte Europas einstehen. Alle, die auf die Straße gehen, vereint ein großes Ziel: Die Anhänger wollen für den kulturellen und solidarischen Zusammenhalt von Europa kämpfen. Durch den Brexit und den allgemeinen Auftrieb rechtspopulistischer und nationalistischer Parteien und Strömungen in vielen Ländern, ist es das Anliegen der Initiative, dieser Entwicklung mit einer pro-europäischen Bewegung entgegenzutreten, um für das Fortbestehen der Europäischen Union und für Pressefreiheit einzustehen sowie die schweigende Mehrheit der Europa-Befürworter zu erreichen. Europa ist für die meisten Demonstranten mehr als nur ein abstrakter Wirtschaftsraum mit einer gemeinsamen Währung.

Wie stehen Studierende zur europäischen Identität?

Ulla PetereitUlla Petereit (25) studiert den Master "Politics, Economics and Philosophy" an der Uni Hamburg und ist gerade für ein Praktikum in Argentinien:

"Ein gemeinsames Europa mit geteilten Werten wie Demokratie, Frieden und Freiheit ist für mich selbstverständlich. Doch neben all den Vorteilen, die die EU mit sich bringt – wie den Euro, Interrail oder Erasmus – sehe ich auch Nachteile. Dazu das schlechte Image: Verordnungen über Bananen und Staubsauger geistern durch die Medien, Bürger fühlen sich losgelöst von der Politik und befeuert wird all dies durch "Brüssel-Blaming". Es wurden Fehler gemacht und die anfängliche Euphorie ist verschwunden.

Kurzum: Wir stecken in einer Beziehungskrise. Doch sollte man deswegen gleich Schluss machen? Nationalismus und Rechtspopulismus sind keine Alternativen für mich. Es ist an der Zeit, die Ärmel hochzukrempeln und die Versäumnisse der letzten Jahre anzupacken. Reformen im Wahlrecht, Förderung der europäischen Kultur oder mit Demonstrationen ein Zeichen für die EU setzen – es gibt viele Wege. Ein Leben ohne die EU – für mich unvorstellbar."


Erik OhltmannsErik Ohltmanns (27) studiert Medizin in Budapest:

"Europa bedeutet für mich Sorglosigkeit. Sorglosigkeit, was meine Zukunft und meine Ansichten betrifft. Diese zu äußern musste ich nie fürchten. Anders als mein Vater, der ein politische Flüchtling war, reise ich nicht ins Ungewisse, wenn ich meine Landesgrenze überquere. Ich kann mich entscheiden, wo ich studiere. Ich kann mit meinem erlernten Beruf ohne Einschränkungen in der EU arbeiten.

Momentan lebe ich in einem Land, das sich von den Grundwerten der EU zu entfernen scheint. Ich merke, welche starke Rolle Europa in meinem alltäglichen Leben spielt. Wie sorgenvoll ich werde. Wie vorsichtig man sich ausdrückt. Es wird einem vor Augen geführt das diese Sorglosigkeit, das Vertrauen auf die Vernunft und der Glaube, dass es sich hierbei um eine Selbstverständlichkeit handelt, von einigen missbraucht wird. Aber auch das macht etwas mit mir: Es lässt mich radikaler werden in der Verteidigung dieser Werte."


Hans Schmidt-RhenHans Schmidt-Rhen (27) studiert den Master Management & Business Development an der Uni Lüneburg:

"Wir brauchen Europa! Bei so mancher bürokratischer Regelungswut – von der Gurkenkrümmungs- bis zur Schnullerkettenverordnung – gerät zu oft in Vergessenheit, was Europa wirklich ist. Und dabei geht es um mehr als um ein diffuses Gefühl! Als junger Mensch kann ich es mir zum Beispiel gar nicht mehr vorstellen, nicht einfach losfahren zu können, um den Sommer an der französischen Atlantikküste zu genießen, Freunde in Italien zu besuchen oder in den Niederlanden zu arbeiten.

Dass das Vereinigte Königreich die Gemeinschaft wirklich verlassen wird, ist immer noch ein echter Schock. Ich hoffe, dass wir daraus lernen, was wir verlieren, wenn Europa scheitert!"


Timo RobrechtTimo Robrecht (28) studiert Germanistik u. Sport (Bachelor) an der Ruhr-Universität Bochum:

"Die größten Werte eines vereinten Europas sind für mich Frieden und Demokratie. Genau diese Werte treten Tyrannen wie Trump und Erdogan mit Füßen.

Dass viele Menschen, darunter auch viele junge Menschen, auf die Straße gehen und gegen solche Diktatoren und für ein gemeinsames Europa demonstrieren, ist ein wichtiges Zeichen. Dadurch werden unsere Werte, aber auch andere europäische Werte wie Freiheit, Gleichheit und Zusammenhalt wieder gestärkt."


 

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