Sexismus in Werbung
Frauen in Werbung als Dekoration: Uncool – aber leider immer noch verbreitet. | Foto: Pinkstinks
Autorenbild

08. Jan 2018

Nathan Niedermeier

Zündstoff

"Brüste und Gerüste": Hinter dieser Werbung steckt sexualisierte Gewalt

Sexistische Werbung: Frauen als Deko

UNICUM: Wie groß ist das Problem mit sexistischer Werbung in Deutschland?
Stevie Schmiedel: Wenn wir in die Mainstream-Werbung gucken, zum Beispiel im Fernsehen, dann ist dort Sexismus in der Werbung kein so großes Problem mehr, sondern eher stereotypische Werbung. Gucken wir aber in die Faltblätter, die Flyer, die Handouts, die Webseiten, die täglich überall herumgereicht werden – in Werbung von mittelständischen Betrieben – dann ist dort ist Sexismus in der Werbung noch ein sehr großes Problem.

Woran erkenne ich sexistische Werbung?
Das einfachste Kriterium ist, wenn eine sexualisierte nackte Frau neben einem Produkt zu sehen ist, mit dem sie offensichtlich überhaupt nichts zu tun hat – neben Maden zum Angeln, Hundefutter, Baugerüsten. Sie ist reine Dekoration oder Blickfangobjekt neben einem meistens handwerklichen Gegenstand.

Auch die rosa Einkaufstüte kann Sexismus sein

Aber es muss nicht unbedingt ein nackter Körper sein, damit es sexistisch ist, oder?
Absolut richtig! Es kann auch die rosa REWE Tüte sein, auf der "Einkaufen ist Frauensache" steht. Oder ein Bild im Aldi-Katalog, mit einem rosa und einem blauen Spielzeugcomputer und der rosa Computer hat 25 Funktionen und der blaue 50. Auch das ist diskriminierend und damit sexistisch.

Wie kam es zur Gründung der Plattform Werbemelder.in?
Wir haben eine Gesetzesnorm gegen Sexismus im der Werbung gefordert. Dieser Gesetzesentwurf ist sehr gut angekommen, aber als Justizminister Heiko Maas kurz davor war, ihn zu implementieren, gab es starken Gegenwind von CDU und FDP. Man hat uns gebeten, über zwei Jahre Daten zu sammeln und das machen wir jetzt mit der Werbemelder.in.


Mehr Infos zur Plattform Werbemelder.inÜber Werbemelder.in

Stevie Schmiedel

 

Die Plattform Werbemelder.in ist seit dem 11. Oktober online und wird von der Bundesregierung finanziert. Betrieben wird sie von Pinkstinks, einer Gruppe von feministischen Aktivisten. Neben dieser Plattform macht Pinkstinks Online-Kampagnen, verschickt Sticker oder Bierdeckel, die mit eigenen Motiven versehen sind und führt Theaterprojekte an Schulen durch. 2018 werden sie zum ersten Mal einem Unternehmen den Preis "pinker Pudel" für progressive Werbung verleihen.

 


Sexistisch, stereotyp oder nicht sexistisch?

Wie kann ich bei Werbemelder.in mitmachen?
Einfach die App kostenlos aufs Handy herunterladen oder das Webformular auf dem Rechner ausfüllen. Anschließend ein Foto oder einen Link einreichen. Wir stellen das Motiv dann auf einer Karte dar und ordnen es in sexistisch, stereotyp und nicht sexistisch ein.

Wer prüft die Einreichungen und ordnet sie den Kategorien zu?
Das machen Nils Pickert (Chefredakteur von Pinkstinks.de, Anm. d. Red.) und ich. Wir sind von Berit Völzmann (Juristin, Anm. d. Red.) ausgebildet worden, diese Kriterien zu erkennen und schauen sehr genau, wer diskriminiert wird und ob überhaupt jemand diskriminiert wird. Manchmal müssen wir den Menschen auch sagen, dass die Werbung, die sie uns geschickt haben, geschmacklos ist, aber nicht sexistisch.

Werbemelder.in ist seit rund zwei Monaten online. Was ist Ihre Bilanz?
Wir haben schon um die 900 Einreichungen bekommen. Davon ist der Großteil absolut sexistisch, dann haben wir noch viele stereotypische und wenige, die nicht sexistisch sind. 

"Das schockiert selbst Pinkstinks"

Einzelne Einreichungen sind nicht nur sexistisch, sondern wurden von Ihnen sogar als Darstellung oder Andeutung von sexualisierter Gewalt eingestuft.
Das ist eben das, was uns so unglaublich umwirft. Wir machen diese Arbeit seit fünf Jahren und wir haben schon so einiges gesehen. Aber jetzt bekommen wir Sachen zu sehen, wie Zaunpfähle, die beworben werden mit "Wie rammst du ihn rein?" mit einer nackten Frau darauf. Es ist wirklich schockierend, zu welcher Sprache gegriffen wird und dass der Widerstand nicht viel größer ist. Wir sind so an diese Bilder und Darstellungsweisen gewöhnt, dass es nicht hinterfragt, sondern hingenommen wird. Es wird fast schon als normal abgetan. Dabei gibt es klare Studien, die solche Darstellungen mit männlich aggressivem Verhalten Frauen gegenüber zusammenbringt.

Überrascht Sie das?
Uns hat das schon überrascht. Wir kennen die platten Sprüche und dieses typische Objektifizieren von Frauen. "Brüste und Gerüste" sagen wir immer, also die Brüste, die Baugerüste bewerben. Das mit solchen Sprüchen wie "Wie rammst du ihn rein?" gearbeitet wird, dass es so übergriffig ist, das hätten wir nicht gedacht. Das schockiert selbst Pinkstinks.

Artikel-Bewertung:

4.26 von 5 Sternen bei 35 Bewertungen.

Deine Meinung: