Social Freezing
Kind vs. Karriere: Ist Social Freezing die richtige Lösung? | Foto: Thinkstock/Lightfield Studios

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27. Jun 2017

Nina Weidlich

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Social Freezing: Baby Back-up mit Mitte 20

3, 2, 1 – unfruchtbar

"Jedes Mädchen trägt von Geburt an etwa sieben Millionen Eizellen in sich, bis zur Pubertät überleben davon circa 400.000. Pro Zyklus entwickelt sich dann eine Eizelle – allerdings aus vielen Vorstadien. Die anderen gehen zugrunde. Frauen verlieren viel mehr Eizellen durch dieses zu-Grunde-gehen als durch den eigentlichen, monatlichen Eisprung", erklärt Dr. med. Jörg Puchta, Reproduktionsmediziner in einem Münchener Kinderwunschzentrum. Mit 20 Jahren stehen ihr davon noch rund 100.000, mit 30 nur noch circa 35.000 Zellen zur Verfügung, mit 41 ist bereits jede zweite Frau unfruchtbar. Das Problem: neue Eizellen bilden sich nicht. Mit steigendem Alter werden die Eizellen jedoch nicht nur weniger, sondern auch qualitativ schlechter. Die beste Zeit, um schwanger zu werden, ist deshalb zwischen 20 und 25 Jahren – zumindest aus medizinischer Sicht.

Es gibt ja vieles, wofür wir mit Mitte 20 bereit sind, ein Kind gehört aber sicher nicht dazu: Im Schnitt bringen Frauen in Deutschland ihr erstes Kind erst mit knapp 30 zur Welt, mehr als ein Viertel der Akademikerinnen wird sogar erst mit 35 zum ersten Mal Mutter. Weil viele Frauen erst so spät mit der Familienplanung beginnen und sich keine Gedanken um mögliche Komplikationen machen, bleibt der Wunsch nach einem Kind häufig unerfüllt.

Mit dem verspäteten Kinderwunsch nimmt das Interesse an Methoden zu, die der Frau mehr Freiheit in Sachen Familienplanung bieten. Social Freezing ist so ein Verfahren:  Die weiblichen Eizellen werden hierbei auf -196° Celsius schockgefrostet. Dadurch ist es möglich, gesunde Zellen zu konservieren und sie sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder einsetzen zu lassen – eine Art Baby Back-up sozusagen. Das ging lange Zeit nur aus medizinischen Gründen (Medical Freezing), z.B. um der Unfruchtbarkeit als mögliche Folge einer Chemotherapie vorzubeugen.

"Ethisch betrachtet ist Social Freezing unbedenklich" – oder?

Aber auch viele gesunde Frauen wollen sich nicht länger von ihrem Körper vorschreiben lassen, wann das beste Alter für ein Baby ist. Deshalb lassen sie ihre Eizellen aus sozialen – also beruflichen oder privaten – Gründen einfrieren: 64 Prozent der 18- bis 30-Jährigen mit Kinderwunsch stehen dem Social Freezing positiv gegenüber, wie eine repräsentative Forsa-Studie im Jahr 2015 ergab. 31 Prozent der Befragten könnten sich das Einfrieren ihrer Eizellen auch für sich selbst vorstellen.

Dennoch werden immer wieder Stimmen laut, die Social Freezing als Eingriff in die Natur ansehen, der moralisch nicht vertretbar ist. Der Reproduktionsmediziner Dr. Puchta begegnet Kritikern mit einer klaren Haltung: "Es gibt ethisch betrachtet nichts Unbedenklicheres als Social Freezing – eine Frau nimmt ein paar Eizellen, die sie im natürlichen Zyklus sowieso alle verlieren würde, wenn sie nicht schwanger wird."

Auch der Leiter des Instituts für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin an der Ruhr-Uni Bochum, Prof. Dr. med. Dr. phil. Jochen Vollmann, findet: "Die Natur an sich gibt uns keine Antwort darauf, was wir moralisch dürfen und was nicht. Wenn Sie so argumentieren, müssten Sie auch die Empfängnisverhütung verbieten – die sieht die Natur nämlich auch nicht vor. In unserer modernen Gesellschaft ist es aber ein anerkanntes und gutes Mittel, um das persönliche Leben zu planen."

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Familienplanung ohne Partner

Viel wichtiger sind seiner Meinung nach die Gründe der Frauen, die Methode in Anspruch zu nehmen. Und die sind häufig vielfältig: "Private Situation, fehlender Partner, berufliche Entwicklung", das alles ist Dr. Puchta in seiner Klinik schon untergekommen. "Ein geringer Prozentsatz entscheidet sich trotz Partner für das Social Freezing. Überwiegend kommen aber alleinstehende Frauen in die Praxis, um sich für die Zukunft abzusichern", berichtet er.

So war es auch bei Stephanie Bock. Die heute 30-Jährige hat Medizinische Biotechnologie studiert und ließ vor 1,5 Jahren ihre Eizellen einfrieren, weil sie damals den richtigen Partner noch nicht gefunden hatte: "Ich konnte noch nicht abschätzen, wann sich meine Situation bezüglich eines Partners verändern und wie genau meine berufliche Situation nach dem Studium sein wird. Deshalb wollte ich sichergehen, dass ich rechtzeitig vorsorge, bevor es eventuell zu spät ist."

Noch während der Behandlung ist Steffi mit ihrem jetzigen Freund zusammengekommen, der sie in dieser Zeit unterstützt hat. Trotz dieser ungewöhnlichen Art der Kinderplanung bleibt ihre Idealvorstellung einer Familie klassisch – ohne Partner würde sie sie sich nicht für ein Baby entscheiden: "Ich möchte dem Kind eine richtige Familie bieten können", sagt sie. Wann das so weit sein soll, weiß sie auch jetzt noch nicht. "Ich könnte mir auch jetzt schon vorstellen, ein Baby zu bekommen." Steffi ist es aber wichtig, dass sie dem Kind finanzielle Sicherheit bieten kann und beide Partner fest hinter der Entscheidung stehen.

Apple & Co. unterstützen den Eingriff

Die bedeutendsten Vorteile der Methode? Der Freiheits- und der Emanzipationsgewinn für die Frau, meint der Ethik-Experte Prof. Vollmann: "Heute möchten sich beide Geschlechter gleichberechtigt in unserer Gesellschaft entwickeln, privat und beruflich." Auch Stephanie findet, dass man sich heute als Frau "nicht mehr zwischen Kind und Karriere entscheiden muss und sich nicht vorschreiben lassen sollte, wann man bereit ist, diese Verantwortung zu übernehmen". Darüber hinaus sieht sie noch einen weiteren Aspekt der Gleichberechtigung: "Männer können Spermien spenden und somit Frauen und andere Männer in ihrem Kinderwunsch unterstützen. Das gleiche Recht sollten auch Frauen haben, indem sie ihre eingefrorenen Eizellen spenden."

In diesem Freiheitsgewinn sieht der Medizinethiker Prof. Vollmann allerdings auch die Gefahr, dass Frauen sich mit ihren Karrierewünschen zu sehr unter Druck setzen: "Frauen nutzen die Methode doch offenbar auch deshalb, weil sie Angst haben, bei einer zu frühen Schwangerschaft wichtige Lebenschancen zu verpassen." Problematisch kann das vor allem werden, wenn Unternehmen den Eingriff finanziell unterstützen und somit das Privatleben ihrer Angestellten einseitig und eigennützig beeinflussen. So wie in Amerika: Hier wird das Social Freezing von großen Unternehmen wie Google, Apple oder Facebook bezahlt. Das ist gerade in Deutschland kritisch diskutiert worden – hier gibt bisher es kein einziges Unternehmen, das die Kosten für den Eingriff übernimmt.

Prof. Vollmann sieht vor allem eine Gefahr in dem Interessenskonflikt zwischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitgeber: "Es ist nicht die Aufgabe eines Unternehmens, zu entscheiden, welche Gesundheitsleistungen von Angestellten es zahlt und welche nicht. Denn das Interesse der Konzerne liegt ja auf der Hand: Frauen länger im Job zu halten. So könnte ein Unternehmen diese Anreizsetzung missbrauchen, damit ihre Mitarbeiterinnen nicht primär ihrer Familienplanung, sondern den Interessen der Firma folgen." Dadurch wird der Wettbewerbsdruck laut des Experten trotz aller Bemühungen zur Gleichberechtigung der Frau sogar noch weiter verschärft.

Die USA sind viel pragmatischer als Deutschland

Steffi sieht in der Gratwanderung zwischen Job und Familie ebenfalls eine Herausforderung. Zwar entschied sie sich hauptsächlich wegen des fehlenden Partners für das Einfrieren ihrer Eizellen. Dennoch sei es "generell schon ein Problem, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen." Dafür wünscht sie sich mehr Unterstützung, etwa durch bessere Kinderbetreuung und mehr verfügbare Kita- und Kindergartenplätze.

Auch Prof. Vollmann sieht die Verantwortung zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in einem breiteren Kontext: "Viele Frauen möchten sich beruflich so entwickeln wie ihre männlichen Altersgenossen. Trotzdem übernehmen auf der anderen Seite immer noch viel zu wenige Männer gleichberechtigt und gleichverpflichtet Aufgaben, die früher traditionell Frauensache waren – irgendwer muss es aber machen. Da sollte sich eine Gesellschaft fragen: Kann man das nicht besser organisieren?" Trotz politischer Bemühungen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Kind und Karriere sieht der Experte hier weiteren Handlungsbedarf.

Der Reproduktionsmediziner Dr. Puchta hält die USA in dieser Hinsicht für sehr viel fortschrittlicher als Deutschland: "Wir tun uns mit Neuerungen immer schwer, da wir so eine Tendenz zur Bedenkenträgerei haben, hyperkritisch sind. Die Amerikaner hingegen sind ein zutiefst pragmatisches Volk, das an die Machbarkeit glaubt und sie oft auch gar nicht in Frage stellt." Auch andere Befürworter des unternehmensfinanzierten Social Freezings sagen: Apple & Co. gehen mit ihrer Geldspritze einfach mit der Zeit. "Da ist insofern etwas dran, dass unabhängig vom Social Freezing das Alter der Mütter immer weiter gestiegen ist", erklärt Ethik-Professor Vollmann.


InfoSocial Freezing: Die Hard Facts

  • Das beste Alter für die Methode ist zwischen 20 und 30 Jahren
  • Social Freezing ist kostspielig: Etwa 3.500 €  fallen für den Eingriff an – inklusive Medikamenten, Einfrieren und Entnahme
  • Die Lagerung der Eizellen kostet zusätzlich 20 € pro Monat – also noch einmal 2.400 €, wenn du dich erst nach zehn Jahren für ein Kind entscheidest
  • In den seltensten Fällen werden die eingefrorenen Eizellen tatsächlich zur Befruchtung genutzt. Die Ärzte setzen erst einmal alles daran, eine natürliche Schwangerschaft zu unterstützen
  • Social Freezing ist keine Baby-Garantie: Zwar bietet es den Vorteil der jungen Eizellen, die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, nimmt mit zunehmendem Alter aber trotzdem ab.

Sind Omas die schlechteren Mütter?

Und hier lauert auch schon eine weitere gesellschaftliche Herausforderung, den der Trend zur späten Schwangerschaft mit sich bringt: Ältere Eltern. Die heute 67-jährige Vierlingsmutter Annegret Raunigk war zuletzt im Mai 2017 in den Schlagzeilen, als ihre Sprösslinge zwei Jahre alt wurden. Die Reaktionen auf die Mutter im Rentenalter sind überwiegend negativ – von Verantwortungslosigkeit ist oft die Rede oder davon, dass das Jugendamt ihr die Kinder abnehmen sollte. Raunigk selbst gab ihm Interview zu, dass sie körperlich manchmal so überfordert ist, das sie das Haus mit ihren vier Babys fast gar nicht mehr verlassen kann.

Stephanie Bock möchte nicht, dass man sie später auf dem Spielplatz mit der Oma ihres Kindes verwechselt: Spätestens mit 40 Jahren möchte sie deshalb Mama werden. "Wenn möglich gerne früher", sagt sie.

Trotzdem sieht Prof. Vollmann in der späteren Schwangerschaft auch Vorteile: "Ältere Mütter sind oft souveräner, erfahrener und selbstsicherer. Außerdem stehen sie sozioökonomisch häufig abgesichert da. Sie sind nicht mehr in der Lebensphase, wo sie alles auf einmal regeln müssen: Partnerschaft, Kinder, berufliche Karriere, finanzielle Absicherung und am besten noch ein Häuschen bauen. Wissenschaftlich ist es jedenfalls nicht belegt, dass ältere Eltern dem Kindeswohl schaden."

Die Moral von der Geschicht

Ist Social Freezing jetzt moralisch verwerflich? Diese Frage muss natürlich jeder für sich selbst beantworten. Fest steht, dass unsere Gesellschaft in Sachen Familienplanung im Wandel ist – Eltern werden immer älter. Deshalb müssen Frauen sich bewusst machen, dass sie mit 35 vielleicht nicht mehr so einfach schwanger werden wie mit 25. Das sieht die Natur nun einmal so vor. Social Freezing ist ein mögliches Mittel, diese natürliche Grenze zu überschreiten, also: "Why not?" 

Trotzdem ist das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch eine spätere Geburt nur aufgeschoben. Die Fragen bleiben: Wer kümmert sich um das Kind? Wie müssen die Aufgaben zwischen Vater und Mutter verteilt werden? Wie können der Arbeitgeber Eltern unterstützen? Darauf müssen wir als Gesellschaft Antworten finden.

In Sachen Familienplanung sollten wir uns jedenfalls nicht von unserem Selbstoptimierungswahn leiten lassen, findet Ethik-Professor Vollmann. Auch die "ausgeprägte Konsumerwartung vieler Menschen, alles auf der Welt kaufen zu können", hält er für verfehlt. Bei moralischen Fragen sollte man seiner Meinung nach "keine statische Grenze mit Bezug auf die Natur ziehen, sondern sich immer fragen: Was hat das für Vor- und Nachteile für die Betroffenen, also primär für Kind und Eltern?"


Die Experten


Dr. Jörg Puchta

Dr. med. Jörg Puchta

Der Mediziner ist ist Experte für Reproduktionsmedizin, Endokinologie und Endokrinologische Präventionsmedizin. Er praktiziert zurzeit im Kinderwunsch Zentrum an der Oper in München.

 

 

Professor Jochen Vollmann

 

Prof. Dr. med. Dr. phil. Jochen Vollmann

Professor Vollmann ist der Leiter des Instituts für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin an der Ruhr-Universität Bochum. Außerdem ist er ausgebildeter Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

 

 

Social Freezing Stephanie Bock

Stephanie Bock

Steffi hat Medizinische Biotechnologie in Rostock studiert – im Rahmen des Studiums hat sie von der Möglichkeit des Social Freezings erfahren. Bei der Finanzierung des Eingriffs hatte sie Unterstützung.

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