Auslandssemester Kasachstan
Jonas Pfäffinger vor dem Präsidentenpalast Nursultan Nasarbajews | Foto: Christopher Braemer

Freizeit

03.05.2017

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06. Jul 2017

Christopher Braemer

Auslandssemester

Alles Borat – oder was? Ein Semester in Kasachstan

Kasachstan ist gastfreundlich, aber auch sehr traditionell

UNICUM: Jonas, hast du denn bereits Borat getroffen?
Jonas: (lacht) Ganz abgesehen davon, dass der Film nicht in Kasachstan, sondern in einem rumänischen Dorf gedreht wurde, hat der Film ja eher wenig mit dem zu tun, was ich hier erlebt habe. Borat hat Kasachstan zwar zu weltweiter Bekanntheit verholfen – aber mit falschen Image.

Wie steht man dem hierzulande entgegen?
Na ja, viele meiner Kommilitonen haben den Film tatsächlich noch nie gesehen, aber treten ihm trotzdem mit großer Ablehnung entgegen. Diejenigen, die ihn doch gesehen haben, finden ihn lustig, aber sagen, dass er rein gar nichts mit Kasachstan zu tun hat. Borat war gestern.

Was ist Kasachstan denn dann?
In erster Linie gastfreundlich – vor allem gegenüber Westeuropäern, was wohl vor allem auch an der Exotik liegt, die man als Europäer nach Kasachstan mitbringt. Beim Ausgehen mit meinen kasachischen Freunden war es fast schon ein Kampf, wer am Ende die Rechnung zahlen durfte. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen, ich bekomme ja ein DAAD-Stipendium. Aber ich hatte keine Wahl – so nach dem Motto: "Du bist Gast in unserem Land und wir machen das schon!" Und auch sonst: Wenn es ein Problem gab, oder ich etwas nicht verstanden habe, wusste ich, dass mir geholfen wird. Kasachstan ist aber auch eine sehr traditionelle Gesellschaft.

Inwiefern?
Heiraten ist obligatorisch. Alle heiraten! Es steht nicht zur Frage, ob du heiraten möchtest, sondern nur wann. Am besten noch jung, denn wenn du 25 oder älter bist, hast du verloren – gerade als Frau. Da ist der soziale Druck wirklich enorm. Viele Frauen sind mit Anfang 20 bereits verheiratet, die Männer haben ein bisschen mehr Zeit. Dementsprechend hoch ist aber auch die Scheidungsrate.

"Kasachstan ist bei vielen Deutschen noch nicht auf der mentalen Landkarte verordnet"

Bist du selbst denn verheiratet?
(schmunzelt) Das wurde ich wirklich sehr häufig und offen gefragt  – quasi von fast jedem Taxifahrer völlig unvermittelt zum Gesprächseinstieg. Es führte immer zu großer Verwunderung, als ich – mit meinen 27 Jahren – stets den Kopf schüttelte. Wenn man als Kasache in diesem Alter nicht verheiratet ist und keine Kinder hat, ist anscheinend irgendwas schief gelaufen. Die Rollenbilder sind hier immer noch sehr traditionell, was man auch in der Uni merkt.

Wie hat sich das geäußert?
Zum Beispiel als im Seminar das Thema Gleichberechtigung aufkam. Ein kasachischer Kommilitone mit Macho-Attitüde meinte dann dazu: "Aber natürlich, Frauen können doch auch Auto fahren!" Und viele Frauen sind tatsächlich sehr auf ihr Äußeres bedacht, schminken sich zwischen den Vorlesungen und gehen schick aus. Deutsche Frauen stehen hierzulande übrigens stark im Ruf, nicht allzu sehr auf ihr Äußeres zu achten.

Deutsche Studenten reisen bevorzugt per Erasmus nach Spanien, Italien oder Großbritannien, verbringen ein Jahr in den USA oder in China. Was hat dich also dazu bewogen, ausgerechnet in Kasachstan zu studieren?
Die Frage wurde mir häufig von meinen Kommilitonen gestellt, für die schließlich genau umgekehrt das Studium in Europa oder den USA attraktiv ist. Kasachstan ist für mich gerade interessant, da es sich nicht auf dem Schirm des durchschnittlichen westeuropäischen Studenten befindet. Als angehender Friedens- und Konfliktforscher ist es für mich faszinierend, dass es hier trotz über 120 ansässigen Ethnien so lange ohne Krieg und friedlich zuging. Der letztendliche Auslöser für meine Entscheidung, nach Kasachstan zu gehen, war eine Kooperation meiner Heimatuni in Magdeburg mit der Eurasischen Universität Astana. Im letzten Jahr kamen die ersten beiden Studenten aus Magdeburg.

Wie hat dein Freundeskreis reagiert, als rauskam, dass du nach Kasachstan gehst?
Zunächst ein wenig geschockt, da Kasachstan bei vielen Deutschen noch nicht auf der mentalen Landkarte verordnet ist. Gleichzeitig aber gefasst – ich war ja schon mehrmals unterwegs, habe eine Zeit lang in Australien, Indien und Kamerun gelebt. 

Was haben dich deine deutschen Freunde über Kasachstan gefragt?
Nach Borat hat mich – zum Glück – noch keiner gefragt (grinst). Viele meiner Freunde verbinden Kasachstan eher mit Steppe... und Pferden. So wurde ich am Anfang oft gefragt, ob ich schon Pferdefleisch probiert hätte. Da kommt man nicht drum rum. Die Küche in Kasachstan ist wirklich sehr fleischlastig – als Vegetarier und Veganer hat man es hier nicht leicht.

Studieren in Astana

Als deutscher Austauschstudent ist Jonas in Astana ein Paradiesvogel

Wie wird man hierzulande als deutscher Student aufgenommen?
Dass jemand aus Europa nach Kasachstan kommt, war für meine Kommilitonen im ersten Moment einfach unverständlich. Denn viele wollen zum Studium umgekehrt in den Westen – nach Europa oder Amerika. Dann haben sie sich merkbar gefreut, dass jemand aus Deutschland hier ist. Und das nicht nur zum Urlaub, sondern für mehre Monate. Als ich am ersten Tag in die Uni kam, hat man mich mit meinen 27 Jahren glatt für den neuen Professor gehalten. Das liegt daran, dass viele meiner Kommilitonen Anfang 20 sind – sie beenden die Schule ein bis zwei Jahre eher.

Mittlerweile bist du "Der Deutsche" …
(schmunzelt) Da die ersten beiden Magdeburger erst im letzten Jahr ankamen, bin ich als deutscher Austauschstudent hier wohl so was wie ein Paradiesvogel. Gerade als blonder, bärtiger Typ scheine ich sehr aufzufallen. So wurde ich eines späten Abends in einer meiner Lieblingsbars einmal wie aus dem Nichts angesprochen und gefragt: "Bist du nicht der Deutsche?" Das war im ersten Moment unheimlich, da ich die Person nicht kannte – dann haben wir uns aber gut unterhalten.

Außer dem Heiratsthema: Was wird man als Deutscher denn so gefragt?
Anfangs musste ich meinen Kommilitonen häufig erklären, dass es in Deutschland nicht gefährlich ist, abends auf die Straße zu gehen. Doch genau das dachten sie, nachdem Deutschland über eine Million Flüchtlinge aufnahm. Eine der häufigsten Fragen war "Welches Auto fährst du in Deutschland – Mercedes oder BMW?" Viele waren dann überrascht, dass ich lieber Fahrrad statt Auto fahre.

An der Uni gilt: Was der Professor sagt, ist Gesetz

Wie sieht der Uni-Alltag aus? Was unterscheidet ihn von deiner Heimat-Uni in Magdeburg?
Das System ist viel verschulter und beschränkt sich leider zu oft sehr stark auf das reine Reproduzieren von Fakten statt kritischer Reflexion. Was der Professor sagt, ist Gesetz. Sein Wort wird nicht kritisiert. Man wird ständig benotet. Beim Abfragen haben meine Kommilitonen oft einfach Wikipedia-Artikel von ihrem Smartphone vorgelesen. Deswegen ist ihre Sicht auf viele Dinge nicht naiv, aber zumindest unbedacht.

Was hast du dann getan?
Ich habe natürlich anfangs versucht, mich anzupassen und nicht als europäischer Besserwisser rüberzukommen, aber irgendwann habe ich mich dem Vorlesen von Wikipedia-Artikeln verweigert. Als ich dann mal meine eigene Meinung eingebracht habe, kam das gut bei den Professoren an – und es kamen sogar Diskussionen zustande.

Wieso bist du eigentlich aus dem Wohnheim ausgezogen?
Anfangs war ich natürlich dankbar, dass mir ein Wohnheimplatz vermittelt wurde. Hier gelten allerdings strenge Regeln. Nach 23 Uhr nach Hause zu kommen ist tabu – mit Alkoholfahne erst recht! Spätestens als dann eine Babuschka (zu Deutsch: Großmutter, Anm. d. Red.) in das Vierbettzimmer kam um mich aufzufordern, meine auf dem Tisch liegenden Sachen gefälligst in den Schrank zu packen, stand für mich fest: Ich muss hier raus! Daraufhin habe ich mit meinen zwei Kommillitonen aus Magdeburg eine grünstige Wohnung am rechten Flussufer, der Altstadt, gemietet.

Wie bist du mit der Sprache zurechtgekommen?
Ich spreche nur rudimentär Russisch, habe das hier ein bisschen gelernt. Aber dass meine Mitbewohnerin fließend Russisch sprach und meine Kommilitonnen sehr hilfsbereit waren, hat wirklich vieles erleichtert.

Jonas, was hast du gefühlt, als du das erste Mal Kumys (Die vergorene Stutenmilch ist kasachisches Nationalgetränk, Anm. d. Red.) getrunken hast?
Ganz ehrlich: Mir ist die Spucke weggeblieben! Das war zu Nawrus, dem zentralasiatischen Volksfest am 21. März, ich wurde von kasachischen Freunden nach Hause eingeladen. Also einmal und nie wieder!

Expo 2017 Astana

Ein Bierchen am Flussufer? In Astana herrscht öffentliches Trinkverbot!

Wie gefällt dir eigentlich Astana?
Meine Vorstellung von der Stadt war sehr beschränkt, bevor ich ankam. Als ich dann das erste Mal im Taxi durch das Stadtzentrum von Astana fuhr, war ich total geflasht von der Skyline und der monumentalen Baukulisse der Hauptstadt. Wahnsinn, was hier den letzten 20 Jahren wie aus dem Boden gestampft wurde – es ist vergleichbar mit Dubai, nur in der Steppe. Allerdings wurden wohl einige Bautempel von anderen Metropolen kopiert: Die Glaspyramide im Stadtzentrum ähnelt einer schlechten Kopie des Louvre, der Präsidentenpalast dem Weißen Haus. Kurz vor der Expo hat sich hier nochmal viel getan. Doch obwohl das Zentrum und die Straßen mittlerweile gut ausgebaut sind, versinkt die Stadt im Morgen- und im Feierabendverkehr schlichtweg im Chaos. Blinken ist den Fahrern hier ein Fremdwort!

Und wie ist das Nachtleben so?
In Astana kann man auf jeden Fall gut ausgehen, es ist schließlich die Hauptstadt.Es gibt eine Vielzahl von Klubs wie das "Hoxton", mein Lieblingsladen. Drinks sind bezahlbar. Jedoch ist die Musik leider oft viel zu laut und die Playlist besteht ausschließlich aus aktuellen Popsongs. Zu empfehlen sind Karaoke- und Shishabars, in denen es deutlich ruhiger zugeht. Es gibt jedoch kaum Szenen. So herrscht auch bei Indieklubs oder Independent-Läden Fehlanzeige, bis auf ein, zwei Schuppen sind alles Mainstream-Klubs. Für mich persönlich enttäuschend: Ein Bierchen am Flussufer zu genießen – wie an der Elbe in Magdeburg – ist hier leider nicht möglich.

Warum nicht?
Es herrscht ein öffentliches Trinkverbot.

Für Jonas war Kasachstan "auf jeden Fall eine coole Zeit"

Du bist ja schon viel in Kasachstan rumgereist. Was gefällt dir besser – Astana oder Almaty?
Astana als politisches Zentrum ist zwar beeindruckend – es fehlt jedoch die Tradition, die Stadt wirkt sehr künstlich. In der vor über 1.000 Jahren gegründeten Kulturhauptstadt Almaty ist alles ein bisschen entspannter. Während einer Reise in den Süden wurde ich oft gefragt, wieso ich denn in Astana lebe – in Almaty sei es doch viel schöner. Das ist fast schon vergleichbar mit der ewigen Rivalität zwischen Halle und Magdeburg.

Hast du denn schon die Expo besucht?
Ich war kurz vor meinem Abflug Ende Juni da. Und war positiv überrascht – vor allem vom deutschen Pavillion. Allerdings wurde das Thema "Future Energy" von einigen Ländern missverstanden. Dann habe ich mich gefragt, wieso einige große Öl- und Gasunternehmen wie Shell da groß auftreten.

Die Sprachkenntnisse verbessern, den Horizont erweitern und internationale Freundschaften schließen: Für viele Studenten ist ihr Auslandssemester die schönste Zeit ihres Studiums. Kannst du das von deinem Semester in Kasachstan behaupten?
Ich habe meine Entscheidung, herzukommen, nicht bereut. Während meines Auslandssemesters in Kasachstan habe ich schließlich viele neue und interessante Freundschaften gewonnen und viel über die Mentalität und Weltanschauung im postsowjetischen Raum gelernt. Und jetzt kann ich sogar ein bisschen Russisch sprechen, was nicht allzu schlecht auf dem Lebenslauf ankommen sollte. Es war auf jeden Fall eine coole Zeit!

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Deine Meinung:

Veröffentlicht am 16. Jul 2017 um 18:16 Uhr von twodee
hallo, der Autor ist ein Dilettant, hat keine Ahnung über das Land, ist zu faul zu recherchieren, hat seinerseits nichts informatives geschrieben. Seine Weltanschauung ist verzehrt durch amerikanische Massenkultur, und er ist arrogant genug, die Rede von einem Lachkick wie borat anzufangen. Stimme zu, dass in der Hauptstadt der Kasachstan keine Indie-Szene gibt, sie ist in Almaty. In Deutschland ist die Situation ncht besser, die Musikszene ist meistens eine Copy-Past von us-amerikanischen Rock-Szene. Kraftwerk? Sie waren vor vierzig Jahren. Fritz Lang und die eigenständige deutsche Film-Industrie? Existiert seit langem nicht mehr. Also bitte, wenn sie was über ein Land schreiben, machen sie es bitte nicht so barbarisch und eurozentrisch, sondern mit Respekt zur fremden Kulturen!