Uniradio
Mitarbeit beim Campusradio: Erste Schritte in den Medien | Foto: Thinkstock/Wavebreakmedia Ltd
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11. Dez 2013

Dominik Lenze

Engagement an der Uni

Auf Sendung: Campus-Radios an deutschen Hochschulen

Uniradios bieten Platz für Kreativität

Erste Erfahrungen und freie Entfaltung

"Beim Campus-Radio bietest du einfach viel mehr Nähe als bei den großen Sendern", sagt Lennard Winschel. Der Kölner Student der Musikvermittlung ist nicht nur ein großer Fan vom Hochschulfunk, sondern hat selber auch schon mitgemacht. Inzwischen ist er freier Mitarbeiter beim WDR und weiß: "Meine Kollegen dort waren fast alle vorher beim Uniradio Köln-Campus. Es bringt dir einfach was, wenn du sendefertige Beiträge in Bewerbungen mitschicken kannst."

Deutschlandweit gibt es rund 70 verschiedene Campus-Radios: Manche strahlen auf einer eigenen Frequenz aus, manche leihen sich einen Sendeplatz bei den örtlichen Radios oder lassen sich nur online finden; einige decken nahezu alle Ressorts von Politik bis Kultur ab, wiederum andere senden wöchentlich ein kompaktes Magazin.

Was allen gemeinsam ist: Sie bieten jungen Nachwuchs-Radiomachern eine Plattform für erste Erfahrungen und gleichzeitig genügend Raum zur freien Entfaltung; Raum, der bei Praktika oder freien Mitarbeiten bei den offiziellen Sendern in der Regel nicht gegeben ist.

Experimente erwünscht!

Daniel García González, Musikredakteur bei Köln-Campus, kann ein Lied davon singen: Eine Radiosendung wie das von ihm betreute "Partikel" hätte es schwer, im öffentlich-rechtlichen oder gar im auf Quote schielenden Privatsektor seinen Platz zu finden. Bei "Partikel" geht es nämlich um experimentelle Musik – und zwar ohne Kompromisse. "Wir möchten den Leuten diese Art der Musik näher bringen und unkonventionellen Klangkonzepten eine Plattform bieten", erklärt Gonzales seine Motivation.

Campusradio Köln-CampusDazu gehört neben ausgefallener Minimal-Musik auch sogenannte Field-Recordings: Das sind Aufnahmen verschiedenster Geräuschkulissen, die dann entweder als Rohmaterial präsentiert werden oder als Grundlage für musikalische Experimente dienen. Das können idyllische Naturklänge oder der hektisch stampfende Krach der Großstadt sein.

Es geht aber auch anders: So sendete "Partikel" auch mal die Aufnahmen von Magengeräuschen während einer OP. Das mag zwar alles etwas freaky klingen, ist aber, sofern man sich darauf einlässt, sehr interessant und obendrein etwas selten Gehörtes. "Ich kenne kein vergleichbares Format bei den gängigen Sendern", sagt Gonzales und fügt zufrieden hinzu: "Da wir ein nicht-kommerzielles Radio sind, haben wir viel mehr Freiheiten bei kulturellen Gütern."

Ein Indikator dafür sind die Campus-Charts: Seit 1999 bietet das gemeinsame Projekt der deutschen Hochschulfunksender ein Gegengewicht zu den gängigen Hitlisten, welche sich allein am kommerziellen Erfolg der Tonträger orientieren. Erarbeitet wurde das Konzept von den Campusradios CT aus Bochum und dem Dortmunder el-doradio.

Ein Blick auf die aktuelle Liste, gespickt mit Namen wie Queens of the Stone Age oder Tocotronic verrät: Gängiger Jetzt-Zeit-Pop hat hier keinen Platz, Retro ist angesagt. Ermittelt wird das Ranking online, jeder kann hier für einen Song seine Stimme abgeben. Und inzwischen werden die Campus-Charts auch regelmäßig im Spiegel veröffentlicht.

Das Campusradio im digitalen Zeitalter

Campusradio bit-expressDas Hand-in-Hand mit den neuen Medien ist ein Muss für junge Radiomacher. Gerade heutzutage, wo der Rundfunk nicht selten als aussterbendes Medium gehandelt wird. Thomas Bauernschmitt vom Erlanger Campusradio bit-express knüpft daran an: "Dank der digitalen Technik stehen uns vielfältige Möglichkeiten offen", sagt der Projektleiter.

Vor zehn Jahren startete der Campussender als rein digitales Radio, inzwischen beziehen die rund 30 aktiven Mitarbeiter gezielt soziale Medien und deren Möglichkeiten mit ein, um ein interaktives Radio zu schaffen. So können Hörer selber O-Töne zu bestimmten Themen einreichen, nach Wunsch auch anonym.

Neben einem breit gefächerten Programm bietet der Sender der Friedrich-Alexander-Universität auch etwas für begeisterte Technik-Nerds: Die Mitarbeiter haben nämlich nicht nur die Möglichkeit, klassischer radiojournalistischer Beschäftigung nachzugehen, darüber hinaus können sie an der technischen Umsetzung vom Abmischen bis hin zum Basteln eigener Sender und Empfänger teilhaben. "Ursprünglich war das auch ein reines Technikprojekt", erklärt Bauernschmitt. "Erst durch das Interesse der Studierenden wurde bit-express dann zu einem richtigen Campusradio."

Engagement ist gefragt

Überhaupt: Der Hochschulfunk in Deutschland als solcher hat klein angefangen. Sehr klein, und zwar als Pausenradio der Technischen Universität Ilmenau, im Jahre 1950. "Gesendet wurde das von der damaligen Ingenieursschule", erzählt Carlo Reiter. Er ist Vorstandsvorsitzender des Vereins, der das "hsf-radio", das älteste Campusradio Deutschlands, trägt. "Gesendet wurde in den Mittagspausen, zum Beispiel in der Mensa, über Lautsprecher die in der Uni verteilt waren", berichtet er. 45 Jahre lang hatte das hsf-radio keine eigene UKW-Frequenz, war also im wahrsten Sinne des Wortes ein reines Campusradio.

Auch hier war es das Interesse und Engagement der Studierenden selbst, das das Wachstum des kleinen Senders erst ermöglicht hat. Und die Sender wiederum ermöglichen der nächsten Generation junger Radiomacher, ihren journalistischen und kreativen Neigungen freien Lauf zu lassen: Unabhängig von kommerziellen Interessen und fernab vom durchstandardisierten Musikprogramm der großen Sender.

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