Studentenverbindungen
Etwa ein Prozent aller Studierenden sind Mitglied in einer Verbindung | Foto: Thinkstock/anyaberkut
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01. Apr 2015

Dominik Lenze

Engagement an der Uni

Studentenverbindungen: Was steckt dahinter?

Überblick: Das hat es mit Verbindungen auf sich

Was heißt eigentlich "Studentenverbindung"?

"Es ist der Oberbegriff für alle Arten von studentischen Korporationen", erklärt Alexandra Kurth vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Gießen, die sich seit einigen Jahren mit Studentenverbindungen in Deutschland beschäftigt. Hierzulande gibt es rund 1.000 aktive Verbindungen, etwa ein Prozent aller Studierenden sind dort Mitglieder. Die Bandbreite ist groß: Es gibt schlagende Burschenschaften (führen Mensuren, also Fechtkämpfe, aus), eher unpolitische Corps, Sängerschaften und Turnerbünde sowie reine Damenverbindungen.

Als die einflussreichsten Korporationen gelten die katholischen Verbindungen. Sie sind in ganz Europa vernetzt und haben enge Kontakte nach Rom.

Welche Rollen spielen Verbindungen heute?

"Sie sind in der heftigsten Krise seit ihrer Entstehung", erklärt Kurth. Die meisten Studierenden schrecken die einnehmenden, teils sehr konservativen Strukturen ab. In manchen Verbindungen ist selbst Herren- oder Damenbesuch auf den Zimmern verboten. Ein weiterer Grund sind die 2011 aufgetauchten, internen Dokumente, die einen sehr erschreckenden Einblick in die Strukturen geben.

So forderten einzelne Burschenschaften Arier-Nachweise für ihre Mitglieder. Gerade der Dachverband "Deutsche Burschenschaften" gilt als Ansammlung von Ewiggestrigen und Rechtsextremen. Diese abstoßende Geisteshaltung ist natürlich nicht überall präsent. Gleiches gilt für das Thema Alkohol. Aber in manchen Verbindungen ist Trinken bis zum Exzess oftmals ein Test der Charakterstärke.

Warum treten Studierende ihnen trotzdem bei?

Zunächst gibt es einen ganz banalen Vorteil: Die Zimmer sind unglaublich günstig. Für 150 Euro gibt es teilweise ein Zimmer mit Vollverpflegung, Putzfrau und Hausmeister. Manche suchen zudem eine Art "Ersatzfamilie", die ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Gemeinschaft vermittelt. Auch der Glaube oder die politische Überzeugung können beim Eintritt eine Rolle spielen.

Wie wird man Mitglied?

Trotz großer Nachwuchssorgen sind die Aufnahmehürden oft hoch. Die wichtigste Voraussetzung: Überzeugung für die Sache. Passende Anwärter werden zuerst in den Fuchsen-Status übernommen. Im Zweifelsfall bedeutet das, sich über Monate von den Älteren herumkommandieren zu lassen und Prüfungen zu überstehen.

Auch die Teilnahme am Gesellschaftsleben wird erwartet, sonst drohen Strafen. Nur eins ist selten geworden: der Schmiss, eine Narbe im Gesicht, lange ein Erkennungszeichen schlagender Verbindungen. Es gibt aber auch sehr liberale Verbindungen, ganz ohne übermäßige Aufnahmeriten.

Was ist mit den Frauen?

"Das weibliche Verbindungswesen ist deutlich schwächer ausgeprägt", erklärt die Sozialwissenschaftlerin. Ein Grund dafür: Sie besitzen meistens keine eigenen Verbindungshäuser und können damit einen entscheidenden Anreiz nicht bieten.

Außerdem haben Frauen eine deutlich kritischere Haltung gegenüber einnehmenden Gemeinschaften. Eine Ausnahme sind die katholischen Damenverbindungen im Unitas-Verband. Sie gelten als einflussreich und teilen sich ihre Häuser mit den männlichen Kollegen.

Hilft eine Mitgliedschaft später bei der Karriere?

Ja und nein. Bei den einflussreichen katholischen Verbindungen ist der Karrierevorteil durchaus vorhanden. Die Absolventen schreiben ihre Mitgliedschaft sogar in den Lebenslauf. Anders ist es bei den nationalistisch geprägten Burschenschaften. "Sie haben selbst Umfragen dazu gemacht, wie viele Absolventen dazu stehen, ein 'Alter Herr' zu sein. Das Ergebnis war eindeutig. Die meisten verschweigen dieses Kapitel ihres Lebens lieber", sagt Kurth.

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