MOOC online lernen
MOOCs: Finden die Vorlesungen der Zukunft online statt? | Foto: Thinkstock/Wavebreakmedia Ltd
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03. Feb 2014

Denise Haberger

Studium Digital

MOOC: Online-Kurse für die Uni von Zuhause

Die Zukunft der digitalen Hochschulbildung?

Was sind MOOCs?

MOOC steht für 'Massive Open Online Course'. Das sind Onlinekurse für eine theoretisch unbegrenzte Teilnehmerzahl. Diese Kurse sind im Idealfall eine Kombination aus Videos und interaktiven Elementen, wie etwa einem Quiz. Ergänzt werden die MOOCs oft durch Foren, in denen sich Lehrende und Teilnehmer austauschen können. Es sind keine Zugangsvoraussetzungen notwendig, außerdem sind sie kostenlos.

Die ersten MOOCs entstanden in den USA als Alternative zum teuren Studium. 2011 gab es die ersten Kurse in Deutschland. "Hierzulande steckt die Entwicklung noch in den Kinderschuhen", sagt Julius-David Friedrich vom CHE, dem Centrum für Hochschulentwicklung. "Im Moment sind MOOCs noch überwiegend ein Marketinginstrument. Digitale Bildungsformate insgesamt haben aber viele Potenziale, wie etwa die Personalisierung von Wissensvermittlung, die aktuell noch nicht genutzt werden."

Wie kann ich daran teilnehmen?

Die Onlinekurse werden auf Plattformen bereitgestellt. International bekannt sind Coursera, edX und Udacity. Ein deutscher Anbieter von MOOCs ist das Berliner Unternehmen iversity. Um an MOOCs teilzunehmen, müsst ihr euch bei der entsprechenden Plattform anmelden und für einen Kurs eurer Wahl einschreiben. Die finden regelmäßig und über eine Zeitspanne von mehreren Wochen statt. Bei manchen bekommt ihr Hausaufgaben auf, einige schließen mit einer Prüfung und einem Zertifikat ab.

An wen richten sich MOOCs?

Im Grunde gehört jeder Interessierte zur Zielgruppe der MOOCs. Denn da es keine Zugangsvoraussetzungen gibt, kann jeder Mensch auf der Welt mit Internetzugang daran teilnehmen. Erste Auswertungen haben ergeben, dass sich weniger Studierende dafür einschreiben, sondern vielmehr Menschen, die bereits einen Hochschulabschluss haben und die MOOCs zur Weiterbildung nutzen.

Worin unterscheiden sich XMOOCs und CMOOCs?

  • xMOOCs haben eher den Charakter einer Vorlesung. Sind sie gut gemacht, handelt es sich um eine Abfolge von kurzen Videosequenzen, die von kleinen Tests unterbrochen werden. Die Diskussion findet in Foren statt.
  • cMOOCs kann man mit Workshops vergleichen. Hier wird ein Thema vor gegeben, das die Teilnehmer gemeinsam bearbeiten. Die Inhalte werden nicht allein von den Lehrenden bereitgestellt, sondern auch von den Teilnehmern. Im Gegensatz zu den xMOOCS ist keine Plattform notwendig, eine Webseite als gemeinsamer Anlaufpunkt reicht aus.
  • In Deutschland werden überwiegend xMOOCs angeboten.

Welche Unis bieten Kurse an?

Immer mehr Hochschulen in Deutschland beschäftigen sich mit dem Thema und setzten auf MOOCs. Manche sind auf iversity aktiv, wie etwa die Unis Mainz und Kiel sowie die RWTH Aachen. Auch die beiden Münchener Unis, LMU und TU, sind dabei. "MOOCs sind eine spannende neue Entwicklung, die frischen Wind und Dynamik in die Lehre bringt und diese bereichern kann", erklärt Stefanie Rohrer, Projektkoordinatorin für MOOCs an der TU München. Dort startete im Januar der erste Kurs, weitere sind in Produktion und Planung. Die MOOCs der TUM werden auf Coursera und edX angeboten.

Andere Hochschulen betreiben sogar eigene Plattformen, wie die Uni Potsdam, genauer ihr Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik, mit openHPI und die Lüneburger Leuphana Universität mit ihrer Digital School. Weitere stehen in den Startlöchern: Die TU9, ein Zusammenschluss von neun Technischen Universitäten in Deutschland, sollen mit der Telekom über eine Kooperation verhandeln.

Bekomme ich Credit Points für einen MOOC?

Bei vielen MOOCs kann man ein Zertifikat erwerben. Allerdings können sich Studierende das derzeit nur selten anrechnen lassen. Zwei Ausnahmen sind die FH Lübeck und die Uni Osnabrück. Dort bekommen Studierende Credit Points für Online-Vorlesungen, wenn sie eine Präsenzprüfung bestehen. Der Clou: Sie müssen nicht einmal an den beiden Hochschulen eingeschrieben sein. Wie viele Studierende das überhaupt nutzen und ob auch andere Hochschulen nachziehen, ist noch unklar.

Wenn das kostenlos ist: Wer bezahlt das Ganze?

In erster Linie sicher die Hochschulen. Sie finanzieren die Produktion der MOOCs ihrer Professoren und bezahlen Lizenzgebühren an die Plattformen. Denn diese wollen natürlich Geld verdienen. Das geschieht zum Beispiel auch durch Examensgebühren. Komplett umsonst sind manche MOOCs also nicht. Finanzielle Anschubhilfe leistete der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft zusammen mit iversity. In einem Wettbewerb wurden von einer Jury im Frühjahr 2013 die zehn besten Online-Kurskonzepte ausgewählt und die Professoren-Teams mit jeweils 25.000 Euro in der Umsetzung unterstützt. "MOOCs sind ein interessantes Format und wir wollten den Hochschulen die finanziellen Möglichkeiten geben, sich auszuprobieren", erklärt Oliver Janoschka vom Stifterverband.

Einer der zehn Auserwählten ist der fachübergreifende MOOC "The Future of Storytelling" der Fachhochschule Potsdam. Rund 80.000 Teilnehmer aus der ganzen Welt schrieben sich für den achtwöchigen Kurs ein. "Wir waren über die hohe Teilnehmerzahl sehr überrascht", sagt Julian van Dieken, Regisseur und Produzent des Kurses. "Und es hat uns besonders gefreut, wie breit das gestreut hat. Wir hatten zum Beispiel viele Teilnehmer aus Indien und Brasilien."

Können MOOCs irgendwann ein ganzes Studium ersetzen?

Erste Bestrebungen gibt es bereits: Der ehemalige Stanford-Professor Sebastian Thrun, dessen MOOC "Artificial Intelligence" Zehntausende aus aller Welt belegten, entwickelt derzeit einen kompletten Online-Informatikstudiengang. Dennoch dürfte das eine der wenigen Ausnahmen bleiben. Denn nicht alle Studiengänge sind überhaupt dafür geeignet, komplett online unterrichtet zu werden. Viele naturwissenschaftliche Fächer kommen zum Beispiel nicht ohne Laborzeiten aus.

Außerdem ist auch der Kontakt von Angesicht zu Angesicht nicht zu unterschätzen. "Lernen ist ein sozialer Prozess", weiß Julius-David Friedrich vom CHE, "daher ist die persönliche Interaktion sehr wichtig. Digitalisierung kann hier Freiräume für Kommunikationsanlässe schaffen und bietet neue Formen der Kollaboration."

Revolutionieren MOOCs die Lehre?

Einer der größten Kritiker von MOOCs ist Professor Rolf Schulmeister. Der E-Learning-Forscher an der Uni Hamburg hält die Online-Kurse für völlig überbewertet. "MOOCs sind weder didaktisch noch wirtschaftlich, noch politisch ein sinnvolles Modell", sagt Schulmeister. Er kritisiert vor allem die mangelnde Qualität vieler Kurse und dass Leistungen bisher nur äußerst selten anerkannt werden.

Fragwürdig sei auch die kaum vorhandene Betreuung und die hohe Abbrecherquote: "Natürlich wollen nicht alle registrierten Teilnehmer auch an den Tests teilnehmen und ein Zertifikat erhalten. Aber selbst bei denen, die es versuchen, aber bei den ersten Tests scheitern, ist die Abbrecherquote hoch. Darunter sind viele neugierige und motivierte Lernende, die aber mehr Unterstützung benötigen."

Dass MOOCs die Präsenzlehre abschaffen werden, halten viele Experten für unwahrscheinlich. Sie werden sich höchstens als Ergänzung zur Lehre etablieren. Für Rolf Schulmeister sind MOOCs im Bereich der Nachhilfe und der Weiterbildung sinnvoll. Und Stefanie Rohrer von der TU München sieht in ihnen darüber hinaus großes Potenzial für Brückenkurse: "So können vor allem weit entfernt lebende Studienanfänger vorab online ihre Wissenslücken füllen, ohne schon vor ihrem eigentlichen Studium an die Uni kommen zu müssen."

Auch wenn MOOCs vielleicht nicht die Lösung sind, so wird laut Oliver Janoschka vom Stifterverband die Digitalisierung der Hochschullehre ein Schlüsselthema bleiben: "Die Präsenz wird zwar nicht unwichtiger werden, aber es wird doch selbstverständlicher werden, sich online aus- und weiterzubilden."


Nachgefragt bei ...

Hannes Klöpper, Geschäftsführer vom MOOC-Anbieter iversity. Der 27-Jährige hat bei der Recherche für sein Buch "Die Universität im 21. Jahrhundert" Jonas Liepmann kennengelernt, der iversity 2008 als Student im Rahmen des EXIST-Stipendiums gründete. Seit dem Frühjar 2011 arbeiten beide nun gemeinsam an dem Projekt.

UNICUM: Wie erklärst du dir, dass die Bildungsrevolution relativ spät eingesetzt hat?
iversity-Geschäftsführer Hannes Klöpper | Foto: Mareike MüllerHannes Klöpper: Hochschulen sind nicht so sehr einem Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Außerdem fristet Lehre generell ein Schattendasein aufgrund des Forschungsfokus der Mittelvergabe. Als ich internationalen Hochschulvertretern von unserer ursprünglichen Idee erzählte, ein soziales Netzwerk als Arbeitsplattform zu entwickeln, bekam ich teilweise zu hören: "Sie versuchen, ein Problem zu lösen, das keines ist." Jemand an einer deutschen Uni sagte mir: "Wir haben bereits ein System, es besteht kein Verbesserungsbedarf." Das fand ich als Geistes-Haltung besonders toll. Das beginnt sich jetzt aber zu ändern.

Woran arbeitest du als Geschäftsführer konkret?
Für die strategische Weiterentwicklung überlege ich, wie wir das in den Studienalltag integrieren und das gesamte Potenzial nutzen können. Man kann auch jetzt schon alles Mögliche online lernen, mit YouTube-Videos oder so. Aber, dass man Leistungen für sein Studium angerechnet bekommt, das ist nochmal ein anders Thema. Wir bieten auf unserer Plattform bereits drei Kurse an, in denen Studierende ECTS-Credits erwerben können. Wir sind mit weiteren Universitäten im Gespräch, die Interesse bekundet haben, anrechenbare Kurse anzubieten. Die Gespräche sind sehr erfreulich, da muss ich auch mal eine positive Lanze für die Hochschulen brechen. Die zeigen sich da jetzt sehr offen. Was wir vorhaben, fügt sich im Grunde nahtlos in die Bologna-Reform und die Idee dahinter ein. Beispielsweise, dass Mobilität im Studium gefördert werden soll und die Vergleichbarkeit der Abschlüsse gewährleistet ist.

Nach welchen Kriterien werden Kurse oder Professoren ausgewählt?
Es wird ja immer von einem hohen Maß an Qualität gesprochen. Bei unserem größten Kurs "The Future of Storytelling" mit 80.000 Teilnehmern hat sich gezeigt, dass gute Inhalte nicht von einer Elite-Uni kommen müssen. Die FH Potsdam hat eben mit sehr viel Energie und Aufwand daran gearbeitet. Und jeder, der an einer vermeintlichen Elite-Uni war, wird wissen, dass die renommiertesten Professoren nicht notwendigerweise die besten Lehrenden sind. Und dann kommt hinzu, dass die besten Lehrenden nicht unbedingt auch die besten Online-Lehrenden sind.

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