Deutsche Hochschulen und die Digitalisierung
"Smartphones raus!" statt "Smartphones weg!" könnte in Zukunft die Devise in deutschen Uni-Hörsälen lauten. Foto: Fotolia/Gorodenkoff
Autor

09. Jan 2018

Autor

Studium Digital

Studium goes mobile

Studieren mit Smartphone

Das Smartphone im (Studien-)Alltag

Es soll ja Studenten geben, die tatsächlich noch ohne Smartphone auskommen. Wenigstens vorübergehend und mit durchaus unterschiedlichen Erfahrungen, wie ein Versuch mit Studierenden an der Uni Bochum gezeigt hat. Was sich aus den Befragungen aber genauso gezeigt hat: Für die meisten ist das Handy zum ständigen Alltagsbegleiter geworden. Schon deshalb, weil es so viele Aufgaben übernehmen kann.

Echte All-in-One-Geräte sind Smartphones heutzutage. Sie sind Wecker, Musik-Player, Navi, Unterhaltungsmedium und Gedächtnisstütze für Telefonnummern und Termine. Sie sind aber nicht nur praktisch, sondern verfügen meist auch über Apps diverser sozialer Netzwerke. Eine klare Grenze zwischen privater und praktischer Nutzung kann somit in den seltensten Fällen gezogen werden. Dadurch werden die jeweiligen Ansprüche und Prioritäten so individuell und vielfältig wie die Vielzahl an aktuellen Smartphone-Modelle. Eine Pro- und Contra-Aufstellung kann helfen, Prioritäten zu setzen und die richtige Entscheidung bei einem Kauf zu treffen.

Wofür nutzen Studenten ihr Smartphone in Studienangelegenheiten?

Zugegeben, mit einem durchschnittlich eher knappen Studentenbudget ist dieser Aspekt womöglich weniger relevant. Trotzdem könnte sich ein leistungsfähiges Smartphone über die private Freizeitgestaltung hinaus lohnen. Denn auch im universitären Kontext werden mobile Geräte immer wichtiger.

Termine und Sprechstunden abrufen, Öffnungszeiten von Sekretariaten checken, die Anmeldung für neue Kurse über die Uni-Portale – das alles machen Studenten bereits per Smartphone. Dazu kommt, dass der Bereich des E-Learnings längst nicht mehr nur für Weiterbildungsangebote in Unternehmen interessant ist.

Im Gegenteil: Lernmaterialien zum Download bereitzustellen oder Übungsaufgaben online zu bearbeiten sind im Prinzip nur die Spitze des Eisbergs, wenn es um die Nutzung von Smartphones oder anderer mobiler Endgeräte in der Lehre an den Universitäten geht. Ein wichtiger Grund hierfür – E-Learning ist beliebt, zumindest bei den Studierenden.

Studieren mit Smartphone: Das digitale Studium

Das E-Learning-Angebot trägt dem allerdings nicht immer und überall Rechnung. Was wiederum nicht bedeutet, dass die digitale Lehre kein Thema ist. Sie ist nur unterschiedlich verbreitet. Damit das nicht so bleibt und möglichst viele Studenten von interaktiven Lehrangeboten profitieren können, werden diese gefördert.

Die digitale Hochschule braucht Förderung

An der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster zum Beispiel. Das nordrhein-westfälische Ministerium für Kultur und Wissenschaft sowie der Stifterverband stellen dort rund 80.000 Euro für drei Projekte in verschiedenen Fachbereichen bereit:

  • "Mikro2go – Mikroökonomie zum Mitnehmen" ist als Ergänzung zur Grundlagenveranstaltung Mikroökonomie an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät gedacht. Zur Vertiefung des Lehrstoffs gibt es in jeder Woche Tests, die für Smartphone optimiert sind, inklusive Auswertung der Ergebnisse und Erklärungen.
  • "Inverted-Classroom-basierter Übungsbetrieb in mathematischen Anfängervorlesungen" ist, wenig überraschend, in Projekt für die angehenden Mathematiker. Digitale Hilfsmittel – zum Beispiel Musterlösungen zu Übungsaufgaben – sollen dabei helfen, dass die Unterschiede zwischen Schule und Uni (sowohl beim Umgang mit der Mathematik als bei den Lehrformen) kein Hindernis darstellen.
  • Die Geowissenschaftler setzen gleich auf ein vollständig durch E-Learning gestütztes Veranstaltungsformat, das für den Geografie-Lehramtsstudiengang „Master of Education“ entwickelt wird. Dabei geht es auch darum, Fachwissenschaft und Fachdidaktik besser miteinander zu verbinden.

Zukünftig werden Bund und Länder sogar noch mehr in die Förderung der Digitalisierung an den Hochschulen eingebunden. So zumindest der Plan der Kultusministerkonferenz (KMK), die erst kürzlich ihre Empfehlungen für dieses Ziel veröffentlicht hat. Ländern und Bund kommt dabei die Aufgabe zu, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Hochschulleitungen die gewünschte – und notwendige – Digitalisierung auch tatsächlich vorantreiben können.

Smarte und digitale Uni – so kann das aussehen

Ungeachtet der Fragen, wie die Unterstützung dann in der Praxis aussieht oder wie schlecht es tatsächlich um das digitale Lehrangebot an den deutschen Unis bestellt ist: Es gibt auch zahlreiche Beispiele dafür, dass Digitalisierung bereits sinnvoll in Lehrveranstaltungen eingebunden wird.

Fachdidaktik ganz smart

Die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn vergibt seit einigen Jahren einen Preis, mit dem "Impulse für die digitalgestützte Lehre" ausgezeichnet werden. Vor zwei Jahren kamen die Preisträger aus dem Fach Physik. Dr. Ulrich Blum und seine Kolleg*innen wurden damit für ihr Konzept geehrt, mit dem Smartphones als Lehrmittel im Physik-Unterricht genutzt werden können.

Die zweite Ausgabe des Initiativpreises ging im vergangenen Jahr übrigens an Dr. Julia Steinhoff-Wagner, die mit ihrem Projekt "Digital Enriched Items" überzeugen konnte. Dabei geht es um Möglichkeiten, digitale Materialien in Zukunft besser (oder überhaupt) in elektronische Klausuren zu integrieren. Aus verschiedenen Aufgabentypen und digitalen Formaten sollen Aufgaben entwickelt werden, die tatsächlich in eKlausuren verwendet werden können – und das über die Landwirtschaftliche Fakultät, in der das Konzept erprobt wurde, hinaus.

Die digitale Uni Marburg

In der Philipps-Universität Marburg ist man möglicherweise sogar schon ein paar Schritte weiter. Einen nicht unbeträchtlichen Anteil daran hat Prof. Jürgen Handke, denn der Anglist treibt auch seit Jahren die Digitalisierung von Lehr-, Lern- und Prüfungsmethoden an den Hochschulen voran.

Beim Inverted-Classroom-Konzept, dass jetzt in Münster gefördert wird, hatte in Handke schon lange einen Fürsprecher. Seine Lehrveranstaltungen sind oft virtuell, finden also nicht im Hörsaal oder Seminarraum statt. Dort geht es vielmehr um das Üben und Vertiefen der Inhalte, die in der Video-Vorlesung bereits vermittelt wurden.

Sein neues Projekt richtet sich aber über den universitären Rahmen hinaus an Schulen: "RoboPrax" wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt, satte 600.000 Euro werden aus dem Förderprogramm "Digitalisierung im Bildungsbereich" ausgeschüttet. Im Zentrum des Projekts stehen, wie der Name schon vermuten lässt, Roboter und künstliche Intelligenz als Lernmittel. Schüler*innen und Lehrer*innen erhalten so die Möglichkeit, aktiv bei der Entwicklung neuer Inhalte und Lehrangebote mitzuwirken.

Smartphone als Lehr- und Lernmittel

Obwohl der Anspruch von "RoboPrax" realitäts- und praxisnahe Lösungen vorsieht, scheint die Vision von Robotern in Hörsälen und Klassenräumen noch ziemlich weit weg. Naheliegender ist da vorläufig noch der Einsatz von "neuen" Technologien, mit denen Lehrkräfte wie Studenten schon besser vertraut sind.

An der Otto-von-Guericke-Universität Madgeburg geht es deshalb im Online-Studienprogramm "Smart Sport" darum, Hochleistungssportler*innen und Trainer*innen Studien- und Bildungsangebote zu bieten, die sie einfach über ihr Smartphone abrufen können. Im Zweifelsfall sogar in den kurzen Pausen zwischen Training und Wettkampf.

Derzeit erarbeiten die Mitarbeiter*innen des Magdeburger Lehrstuhls für Sport und Technik/Bewegungswissenschaft mit Kolleg*innen der Universität Wien an den Lehrinhalten, die dann im Herbst online gehen sollen.

Die Rolle der Digitalisierung in der Medizin wächst.

Die ETH Zürich bemüht sich in ihrem Bachelorstudiengang Medizin darum, die Studenten frühzeitig darauf vorzubereiten, dass sie spätestens nach ihrem Studium vermehrt smarte Technologie statt eines Stethoskops einsetzen könnten. Unter dem Motto "Digital Health" zeigt die Schweizer Hochschule Chancen und Risiken auf, die sich aus der Digitalisierung für die Medizin in Lehre und Praxis ergeben.

Blutuntersuchungen oder Ultraschallaufnahmen, die in Echtzeit auch auf weit entfernten Geräten mit entsprechender App angesehen werden können – alles schon möglich. Und am Ende auch nur weitere Beispiele dafür, wie weit der Einsatz von mobiler, digitaler Technologie gehen kann.

Keine Selbstverständlichkeit: IT-Kurse für das Studium

Was bei all diesen Beispielen und Zukunftsvisionen allerdings gerne und leider allzu schnell übersehen wird: Nicht alle Studierenden bringen die notwendigen Voraussetzungen mit, um mit dem technischen Fortschritt der Hochschullehre mithalten zu können.

In Zeiten von "Digital Natives" dürfte das eigentlich nicht mehr möglich sein, die Lebenserfahrung von vielen Menschen ist aber nun einmal eine andere. Weshalb sich unter anderem die Otto-Benecke-Stiftung an junge Flüchtlinge und Spätaussiedler wendet, die in IT-Fragen und smarter Technologie womöglich noch Nachholbedarf haben – umso mehr, wenn sie ein Hochschulstudium anstreben, in dem digitale Lehrformen in Zukunft einen immer größeren Platz einnehmen dürften.

Artikel-Bewertung:

3.25 von 5 Sternen bei 60 Bewertungen.