Rezension Am Strand
Ganz nah, aber gleichzeitig unendlich weit voneinander entfernt: Florence und Edward | Foto: Prokino
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14. Jun 2018

Kevin Kallenbach

Filme

Am Strand

Ab dem 21. Juni im Kino

Große Krise in der Hochzeitsnacht

Wir lernen Florence (Saoirse Ronan) und Edward (Billy Howle) beim  in ihrem Hotelzimmer vor der gemeinsamen Hochzeitsnacht kennen. Schnell wird deutlich, dass sie unsterblich ineinander verliebt sind. Dennoch herrschen auch Unsicherheit und eine gewisse Distanz zwischen beiden. Beide sind nervös wegen der bevorstehenden Hochzeitsnacht, stellt sie doch auch den ersten Sex für sie dar. Erschwert wird die Sache zudem davon, dass Florence jeden von Edwards Annäherungsversuchen aus dem Weg geht. Die Situation wird für beide immer unangenehmer und die angespannte Erwartungshaltung spitzt sich immer mehr zu, bis Florence schließlich einwilligt.

Doch während sie versucht, sich auf Edward einzulassen, beginnt eine bislang verdrängte Erinnerung die junge Ehefrau zu quälen. Aufgelöst stürmt Florence schließlich aus dem gemeinsamen Hotelzimmer und lässt Edward, der die Welt nicht mehr versteht zurück. Als er seiner Frau an den Strand folgt, kommt es dort zur Konfrontation zwischen dem jungen Paar.

"Am Strand": Eine Studie über Fehlkommunikation

Da uns beide Hauptfiguren gleichermaßen ans Herz wachsen, ist es schwer in ihrer Auseinandersetzung eine eindeutige Position zu beziehen. Die Motivation beider Ehepartner wird trotz des schwierigen Themas nachvollziehbar dargestellt, ein Kunstgriff, der bei diesem heiklen Thema vor allem durch viele Flashbacks aus der Sicht von Edward oder Florence gelingt.

Im Verlauf des Abends erinnern sich beide nämlich immer wieder an den Verlauf ihrer gemeinsamen Beziehung und reflektieren über ihre jeweils ganz eigenen Probleme. So finden wir etwa heraus, dass sowohl Florence als auch Edward sich von ihrer Umgebung nicht beachtet fühlen und der jeweils andere die erste Person ist, der sie wahrnimmt und wertschätzt.

Darüber miteinander zu sprechen, gelingt ihnen trotzdem nicht. So haben wir als Zuschauer vor der Leinwand irgendwann das Gefühl, einen tieferen Einblick in das Seelenleben der Figuren zu bekommen, als der eigentliche Partner. Gerade durch diese Nähe gelingt es dem Film, den Zuschauer gefühlstechnisch abzuholen und einzufangen.

Am Strand Liebesgeschichte

Ein Fest für jeden Klassik-Freund

Auf einer Novelle des englischen Erfolgsautors Ian McEwan basierend, merkt man dem Film sehr schnell an, dass er auch den künstlerischen Anspruch seiner literarischen Vorlage teilt. So bedient sich auch der Film zahlreicher klassischer Stilmittel seines Mediums, wie etwa dem immer wiederkehrenden Symbol von Berührungen als Zeichen der Intimität und Liebe oder der Verwendung von Leitmotiven für einzelne Figuren.

So wird Edward deutlich durch Rock’n Roll-Musik charakterisiert, während die reservierte Florence mit klassischer Musik assoziiert wird. Durch Florence' Traum als Violinistin mit ihrem Quartett erfolgreich zu werden, kommen wir zudem in den Genuss von wirklich toll arrangierter klassischer Musik.

Tolle Darsteller machen den Film sehenswert

Die Tatsache, dass wir uns nur das Beste für Florence und Edward wünschen, liegt vor allem aber auch an der fabelhaften Leistung der beiden Darsteller. "Lady Bird"-Star Saoirse Ronan und Billy Howle ("Dunkirk") spielen ihre Figuren genau mit dem Mix aus Zerbrechlichkeit, Unsicherheit und einer gewissen Spröde, der sie erst so liebenswert machen. Gerade Saoirse Ronan gelingt es immer wieder, die innere Zerrissenheit von Florence allein durch ihre Mimik darzustellen. Ohne jegliche Worte begreift man schnell, wie sehr Florence mit sich und ihren Problemen zu kämpfen hat.

Auch die Besetzung der Nebenfiguren kann durchweg überzeugen. Vor allem die Mütter der beiden Hauptfiguren sind mit Anne-Marie Duff ("Suffragette") und Emily Watson ("Gefährten", "Die Bücherdiebin") glänzend besetzt. Anne-Marie Duff weiß, Edwards nach einem Unfall geistig verwirrte Mutter exzellent vor der Kamera darzustellen und Emily Watson gelingt als ewig nörgelnde und stichelnde Mutter von Florence eine Rolle zu kreieren, die wir lieben zu hassen.

Ein besonderes Highlight ist Bebe Cave als Florence' Schwester Ruth. Mit ihrer naseweißen und neugierigen Art sorgt sie nicht nur für die nötige Prise augenzwinkerndem Humor, ihre Unbeschwertheit bildet auch einen Ausgleich zu der Ernsthaftigkeit, die Florence und Henry ausstrahlen.

Fazit zu "Am Strand"

Ein junges Ehepaar mit scheinbar unüberwindlichen Kommunikationsproblemen: Zugegebenermaßen gibt die Handlung von "Am Strand" nicht viel her. Selbst der große Plottwist des Films ist eine halbe Meile im Voraus zu erkennen. Dennoch ist "Am Strand" sehenswert, vor allem weil die Schauspieler exzellent spielen und man in jeder Szene merkt, wie sehr vor allem die Hauptdarsteller mit ihren Figuren mitfühlen. Zudem behandelt der Film Fragen bezüglich Sexualität, die aktueller nicht sein könnten, wie weit eine Frau für ihren Partner bereit ist zu gehen und das die Verweigerung von Sex nichts mit mangelnder Liebe zu tun hat.

"Am Strand" ist eindeutig etwas für Liebhaber von anspruchsvolleren und ernsten Filmen. Wer sich gerne mal auf schwierige Themen einlassen möchte, den erwartet mit "Am Strand" ein knapp zweistündiges Auf-und-Ab der Gefühle. Tipp: Haltet schon mal die Taschentücher bereit!


UNICUM Filmtipp:

Kinoplakat Am StrandAm Strand

Drama/Liebesfilm

Regie: Dominic Cooke

Darsteller: Saoirse Ronan, Billy Howle, Emily Watson, Anne-Marie Duff, Samuel West

Verleih: Prokino

Artikel-Bewertung:

3.08 von 5 Sternen bei 88 Bewertungen.

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