Percy Fawcett Die versunkene Stadt Z
Szene aus "Die versunkene Stadt Z": Fawcett wehrt einen Angriff durch Indios ab | Foto: Studiocanal
Autorenbild

03. Sep 2017

Sandra Ruppel

Filme

Die versunkene Stadt Z

Von Abenteurern und Sehnsuchtsorten

Die Familie Fawcett

Percy Fawcett (Charlie Hunnam) ist ein begabter Mann. Er ist bedächtig, ruhig, bestimmt, ein fähiger und treffsicherer Jäger. Als Major genießt er das Ansehen seiner Kameraden und Vorgesetzten beim Militär, die Beziehung zu seiner Ehefrau Nina (Sienna Miller) ist von ehrlicher Zuneigung und Liebe geprägt, die beiden begegnen sich auf Augenhöhe. Etwas, dass im Jahre 1905 nicht unbedingt selbstverständlich ist. Er nennt sie liebevoll "Cheeky" – Frechdachs. Auch einen kleinen Sohn haben die beiden: Jack (als Jugendlicher gespielt von Tom Holland).

Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann

Obwohl Fawcett mit seinem Leben also eigentlich ganz zufrieden sein könnte, ist er in Bezug auf seine weiteren Aufstiegschancen beim Militär frustriert. Ohne eine besondere Auszeichnung geht es hier für ihn nicht weiter, er tritt auf der Stelle. Eine neue Perspektive eröffnet sich jedoch für ihn, als er ein Angebot der Königlichen Geografischen Gesellschaft bekommt, das er nicht ablehnen kann: Der Major, der auch in Kartografie ausgebildet ist, soll im Namen Großbritanniens als Unparteiischer nach Südamerika reisen, den Grenzverlauf zwischen Bolivien und Brasilien genau vermessen und so helfen, den Streit zwischen den beiden Ländern um wertvolles Kautschukvorkommen in der Grenzregion beizulegen.  

Die versunkene Stadt Z: Eine Mission, die Leben verändert

Die Mission ist hochgefährlich, das Gebiet ist komplett unerforscht und die Wahrscheinlichkeit, dass Fawcett scheitert oder stirbt, ist groß. Falls es ihm jedoch gelingen sollte, die Grenzen zu vermessen und nach England zurückzukehren, winken ihm Auszeichnungen, Anerkennung und der gesellschaftliche Aufstieg. Da Fawcett in der Mission die einzige Chance sieht, seine Situation langfristig zu verbessern, willigt er ein, wohl wissend, dass er seine Familie vielleicht nie wiedersieht.

Zur Seite stehen Fawcett  bei seiner Expedition sein stoischer Assistent Henry Costin (Robert Pattinson) und der Indio Tadjui (Pedro Coello), der die Männer durch den Dschungel Amazoniens führt. Nach unendlichen Monaten des Vermessens und nach vielen Entbehrungen, Verletzungen und Verlusten kommen der Kartograf und sein Team schließlich an ihr Ziel. Und dann geschieht völlig unerwartet etwas, das den weiteren Verlauf von Fawcetts Leben von nun an bestimmen und sein ganzes Denken bis zum Ende völlig ausfüllen soll: An der Quelle des Flusses, den das Team über viele Wochen bis zum Ursprung zurückverfolgt hat, entdeckt Fawcett uralte Tonscherben. Für ihn sind es die Spuren einer längst ausgelöschten Zivilisation, einer vergessenen Stadt aus Mais und Gold.

Dem Entdecker bleibt jedoch keine Zeit, um weitere Untersuchungen durchzuführen. Wenn das Team überleben will, muss es sofort den Rückweg antreten. Doch Fawcett schwört sich eines: Er wird wiederkommen, sie finden und freilegen: Die versunkene Stadt Z.



Die versunkene Stadt Z: Der wahre Percy Fawcett

Das Abenteuer-Epos, bei dem James Gray Regie geführt hat, basiert auf der Geschichte des Geographen und Entdeckers Percy Harrison Fawcett. Dieser hat tatsächlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche Expeditionen in das Amazonas-Gebiet unternommen und war von der Existenz einer versunkenen Hochkultur in den Tiefen des Dschungels überzeugt. 1925 brach er, zusammen mit seinem ältesten Sohn Jack, zu einer letzten Expedition auf, von der beide nicht zurückgekehrt sind. Bis heute ist ungeklärt, was mit den beiden Männern geschehen ist.

2009 beschäftigte sich der Autor David Grann intensiv mit dem Leben und dem Schicksal Fawcetts und veröffentlichte seine Ergebnisse in dem Sachbuch "Die versunkene Stadt Z". Dieses Buch wiederum diente den Filmemachern um Regisseur Gray auch als Basis für die Umsetzung Fawcetts Geschichte für die große Leinwand.

Fawcett: Der unfreiwillige Abenteurer

Charlie Hunnam zeichnet seinen Fawcett als einen bedächtigen Mann mit nicht zu erschütternden moralischen Grundfesten. Er stolpert mehr in die Rolle als Abenteurer hinein, als dass er aktiv danach sucht, nimmt die Aufgabe, die zunächst eine Art Auftragsarbeit für die Regierung ist, dann aber gefasst an. Obwohl ihm klar ist, dass er dabei vielleicht sein Leben lässt. Hunnam lässt Fawcett das Gefasstsein auch die ganze Zeit beibehalten: Obwohl er später von dem allumfassenden Wunsch und der unbedingten Überzeugung getrieben ist, dass die Stadt Z existiert und er sie wiederfinden wird, wird er doch nie zum typischen Abenteurer, der den Kopf völlig über die Erfüllung seines großen Lebensziels verliert.


Nina Fawcett Die versunkene Stadt Z


Die geheime Heldin: Nina Fawcett

Die wahre Heldin des Films ist jedoch zweifelsfrei Fawcetts Ehefrau Nina. Sienna Miller liefert hier ihre bisher vielleicht beste Performance ab und zeigt, dass hinter Männern mit einer großen Aufgabe häufig auch eine mindestens ebenso starke Frau steht, die das erfolgreiche Ausüben einer Mission überhaupt erst möglich macht. Miller portraitiert Nina Fawcett als vorwärtsgewandt und unabhängig. Als Kämpferin, deren Lebensgrundsatz lautet: "We have never let fear determine our future" – "Die Angst hat noch niemals unsere Zukunft bestimmt".

Die verheiratete Single-Mom

Denn dass ihr Ehemann in den Dschungel geht, um im Auftrag der Regierung Grenzen dort zu vermessen, wo noch kein Europäer bisher je gewesen ist, bedeutet auch, dass sie als alleinerziehende Mutter die gemeinsamen drei Kinder versorgen muss. Und das in einer Zeit, in der es eben nicht möglich ist, wenigstens einmal am Tag mit dem Partner am anderen Ende der Welt zu skypen und zu hören, wie es denn so geht und ob er überhaupt noch lebt.

Wie fortschrittlich und emanzipiert sie geprägt ist, zeigt besonders eine Schlüsselszene, in der sie Fawcett die Frage stellt, was denn mit ihrer eigenen Selbstverwirklichung sei? Denn auch sie hat Träume und Ziele – die freilich, Vorwärtsgewandheit hin oder her – hinter den Plänen ihres Mannes immer zurückstehen müssen. Sie selbst kann nicht in die Welt hinaus, so gerne sie es möchte. Dennoch behält sie ihren Kampfgeist immer bei und so kommt man nicht umhin, ihre Stärke ehrlich zu bewundern. Ihr Respekt zu zollen, mit welcher Größe sie den Verlauf ihres und Fawcetts Leben annimmt und an ihrem Motto "Die Angst wird unsere Zukunft nicht bestimmen" immer festhält.

Fazit zu "Die versunkene Stadt Z"

Mit "Die versunkene Stadt Z" schenkt uns Regisseur James Gray einen Abenteuer-Film, der uns mit Fawcett zusammen in die Tiefen des brasilianischen Dschungels eintauchen lässt. Auch wenn die Handlung an einigen Stellen etwas gerafft hätte werden können, lassen wir uns anstecken von Fawcetts Glauben an die versunkene Stadt Z: Zu groß ist die Faszination, die das Verborgene ausmacht. Zu stark ist die Anziehungskraft, die Mythen um verlorene Zivilisationen wie Atlantis, El Dorado oder eben Z ausüben. Dadurch wird klar, warum es Fawcett immer wieder nach Amazonien zurückzieht.

Trotzdem erlaubt Gray es uns nicht, dass wir uns der Abenteuerlust völlig hingeben, denn da ist ja immer noch Nina. Da sind immer noch die beiden Söhne und die kleine Tochter Fawcetts, die im Grunde ohne Vater aufwachsen. Nina wird aber nie zur nölenden, unzufriedenen Ehefrau, sondern merkt ihrem Ehemann gegenüber einfach ganz berechtigt an, dass auch sie sich die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung wünscht. Und so können wir uns in beide hineinversetzen, wir fühlen den Wünschen beider nach – und letztlich bleibt uns nur, stetig hin- und hergerissen zu sein.

Mit "Die versunkene Stadt Z" schafft Gray einen Abenteuer-Film, der etwas mehr Mehrwert hat, als einfach nur zu unterhalten. Er zeigt uns das Leben eines Mannes, der für seinen großen Traum auch große Opfer bringt. Und er lässt die mutige Frau aufblitzen, die hinter diesem Mann steht. Gray schafft es, dass sein Film auch nach dem Abspann noch in uns nachwirkt und wir plötzlich neugierig werden, auf den Entdecker, dessen letztes Schicksal bis heute unentdeckt geblieben ist.


UNICUM Filmtipp:

Die versunkene Stadt Z DVDDie versunkene Stadt Z

Abenteuer / Drama, USA 2017

Regie: James Gray

Darsteller u.a.: Charlie Hunnam, Sienna Miller, Robert Pattinson, Tom Holland

Verleih: Studiocanal

Laufzeit: 11 Minuten

VÖ: 17. August 2017

Artikel-Bewertung:

3.74 von 5 Sternen bei 80 Bewertungen.

Deine Meinung: