1000 Arten Regen zu beschreiben Bjarne Mädel
Warten vor der Tür: Mikes Rückzug ist für seine Familie kaum zu ertragen | Foto: FilmKinoText
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29. Mär 2018

Sandra Ruppel

Filme

Einfühlsames Drama: "1000 Arten Regen zu beschreiben"

Wenn die Welt ruft, du aber nicht kommst

Mike ist gerade 18 geworden. Er hat Eltern, die ihn unterstützen und eigentlich steht die Welt ihm offen: Er könnte tun und lassen, was er will. Statt aber den Millionen von Möglichkeiten nachzugehen, die er jetzt hätte, schließt er sich in seinem Zimmer ein. Wochenlang. Raus kommt er nur zum Pinkeln. Und seine Familie? Seine Eltern Thomas (Bjarne Mädel) und Susanne (Bibiana Beglau) und seine kleine Schwester Miri (Emma Bading) verzweifeln vor der verschlossenen Zimmertür. Sie flüstern, flehen, singen, schreien: Von Mike kommt keine Antwort.

Dabei haben die drei wirklich alles versucht, sie haben die Zimmertür aus den Angeln gehoben, Betttücher mit Botschaften der Zuneigung vor Mikes Fenster aufgehängt und sämtliche Ärzte um Rat gefragt. Aber da Mike volljährig ist und er sich bewusst entschieden hat, sein Zimmer nicht mehr zu verlassen, kann niemand etwas tun. Thomas, Susanne und Miri bleibt es nun nur, irgendwie mit der Situation umzugehen.  Jeder der drei versucht das auf seine ganz eigene Weise – und dabei wird deutlich, dass der abgeschottete Mike hinter der Tür bei weitem nicht das einzige Thema ist, das jedes einzelne Familienmitglied bewältigen muss.

Trauer, Wut, Verzweiflung

Während Mutter Susanne sich weiterhin im Versorgungs-Modus befindet und ständig Brote für Mike schmiert, zeigt Vater Thomas Wut und Unverständnis. Er bringt ein Schloss am Kühlschrank an und befindet: Wenn der Junge etwas essen will, soll er gefälligst rauskommen und sich an den Tisch setzten! Und Miri? Die vermisst einfach ihren Bruder. Seinen Rat, seine Anwesenheit, vielleicht auch seine männliche Perspektive auf die Dinge, die sie selbst gerade beschäftigen.

Während Susanne und Thomas überhaupt nicht wissen, wie sie mit Mikes selbstgewählter Isolation umgehen sollen oder wie so ein Verhalten überhaupt zustande kommen kann, hat Miri trotz des Vermissens zumindest ein Stück weit Verständnis für ihn. Sie ist es auch, bei der die einzige Form von Kommunikation landet, zu der Mike bereit ist: Auf kleinen Zetteln notiert er, wo auf der Welt es gerade auf welche Weise geregnet hat. Diese Regen-Notizen schiebt er für Miri unter seiner Tür durch. Antworten bringen jedoch auch die Zettel nicht, Trost spenden sie nur bedingt.



1000 Arten der Überforderung

"1000 Arten Regen zu beschreiben" ist das Langfilm-Debüt von Regisseurin Isa Prahl. Die Story – ein Jugendlicher zieht sich komplett zurück und weigert sich, am Alltag weiterhin teilzunehmen – basiert lose auf einem Phänomen, das vor allem in Japan zu finden ist und als "Hikikomori" bezeichnet wird. Hierbei kapseln sich junge Menschen teilweise über viele Monate völlig ab. Gründe für den Rückzug können das Gefühl von Überforderung sein, Leistungsdruck oder die Angst davor, den Pflichten des Erwachsenseins nicht gerecht werden zu können.

Das Fabelhafte an Prahls Drama ist allerdings, dass selbst dieses Hintergrundwissen keine echten Antworten für das liefert, was Mike tut. Ebenso wie Susanne, Thomas und Miri müssen wir als Zuschauer vor der Leinwand die große quälende Frage nach dem "Warum" aushalten lernen.

Wie schwierig das ist, wird an dem Verhalten von Thomas, Susanne und Miri deutlich. Jeder der drei sucht sich einen Rettungsanker, etwas, um die Leere zu füllen, die Mike hinterlässt. Susanne nähert sich einem Schulfreund ihres Sohnes an, Thomas stürzt sich in seine Arbeit als Krankenpfleger und Miri flüchtet sich in Partys und jagt der Aufmerksamkeit irgendwelcher Typen nach, für die sie sich eigentlich nicht interessiert. An der Verzweiflung, die die drei spüren, ändert das jedoch trotzdem nichts.

Fazit zu "1000 Arten Regen zu beschreiben"

Isa Prahls Drama mit Bjarne Mädel, Bibiana Beglau und Emma Bading ist sensibel, einfühlsam und sehr besonders. Prahl liefert wenig Antworten, dafür aber viele Fragen. Diese wiederum sind es wert, dass wir sie auch an unser eigenes Leben stellen: Wie ist das mit den Pflichten, die wir alle glauben, erfüllen zu müssen? Welche davon sind wirklich real, welche lassen wir uns von der Gesellschaft auferlegen? Und wie ist es, in einer Welt zu leben, die zwar unzählige Chancen bietet, damit aber auch zum Gefängnis der eigenen Verantwortung werden kann? Gibt es einen Ausweg? Und wenn ja, wie finden wir ihn?

Jeder, der es liebt, wenn Filme abgeschlossen sind, wird sich mit "1000 Arten Regen zu beschreiben" eher schwer tun. Alle, die aber Lust auf offene und noch dazu kluge Fragen haben, die von Mädel, Beglau und Bading gekonnt und vielschichtig gezeichnet werden, finden mit Prahls Drama was für Hirn und Herz. Ein Film, der auch nach dem Kino noch lange nachwirkt.


UNICUM Film-Tipp

1000 Arten Regen Film1000 Arten Regen zu beschreiben

Drama, Deutschland 2018

Regie: Isa Prahl

Darsteller u.a.: Bjarne Mädel, Emma Bading, Bibiana Beglau, Janina Fautz, Louis Hoffmann

Verleih: FilmKino Text

Laufzeit: 92 Minuten

Ab dem 29. März 2018 im Kino

Mehr Infos unter: www.filmkinotext.de/1000-arten-regen-zu-beschreiben.html

 

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