The Favourite Kinofilm
"The Favourite – Intrigen und Irrsinn" startet am 17. Januar im Kino. | Foto: 20th Century Fox
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17. Jan 2019

Hella Wittenberg

Filme

The Favourite: Darum ist der neue Emma-Stone-Film so wichtig

FILMICUM KW 03/04

Neu im Kino: "Ben Is Back" und "Glass"

"Ben Is Back" (Start: 10. Januar 2019) – Als Ben (Lucas Hedges) an Heiligabend plötzlich vor der Tür steht, sind alle völlig verblüfft. Auf der einen Seite freut sich die Familie um Mutter Holly (Julia Roberts) über den Besuch ihres Sohnes, auf der anderen Seite wissen sie auch, dass Ben aufgrund seiner Drogensucht eigentlich besser in professioneller Betreuung aufgehoben ist. Da seine Besuche zuletzt immer im Chaos endeten, gestehen sie ihm nur 24 Stunden zu – eben weil Weihnachten ist. Doch mitten im Geschenkebummel wird Ben im Kaufhaus von alten Bekannten gesehen und angesprochen, was erneut eine Kette von Ereignissen entfacht – nicht zuletzt die Entführung des Familienhundes.

Hier wird eine kleine, aber außerordentliche Geschichte von familiärem Zusammenhalt erzählt. Es will Ben einfach nicht gelingen, sich allein um seine Probleme zu kümmern und so ist er immer wieder auf die Hilfe seiner Mutter angewiesen, die für ihn durch das Feuer gehen würde. Das weiß er und kann entsprechend schlecht damit umgehen, überhaupt irgendeine Art von Unterstützung von ihr anzunehmen. Aber aus manchen Krisen schafft man es letztlich nur gemeinsam heraus. Und so wird die Nacht vom 24. Dezember immer länger, während Holly und Ben mal zusammen und mal getrennt voneinander für diesen so besonderen Familienzusammenhalt kämpfen. Lucas Hedges in Höchstform, Julia Roberts sowieso!

"Glass" (Start: 17. Januar 2019) – Erst vor zwei Jahren haben wir den Entführer Kevin Wendell Crumb (James McAvoy), alias Dennis, alias Patricia kennengelernt. Eigentlich wohnen in ihm ganze 23 Persönlichkeiten, die alle abwechselnd ins Licht treten und gemeinsam der Ankunft eines abscheulichen Monsters entgegensehnen – ebenfalls in Form von Kevin. Nun haben wir am Ende des Psycho-Actioners "Split" gelernt, dass diese Geschichte von Regisseur M. Night Shyamalan eigentlich im Kontext einer größeren Story angesiedelt ist. Und so werden hier die Geschehnisse aus dem 19 Jahre alten Sci-Fi-Drama "Unbreakable" mit "Split" zusammengeführt.

Auftritt Bruce Willis und Samuel L. Jackson: Als selbsternannter Bösewicht glaubt Mister Glass (Jackson) nicht nur an die Existenz von Superhelden, sondern auch daran, dass er diese erschaffen kann. Der unverletzliche David Dunn (Willis) ging aus einem seiner Experimente hervor. In "Glass" befinden sich nun alle drei Protagonisten ziemlich schnell in einer therapeutischen Einrichtung wieder, die ihnen den Glauben an Superkräfte in der realen Welt ein für alle Mal austreiben möchte. Während sich für alle Kräfte ziemlich schnell plausible Gründe finden lassen, bleibt nur ein Funken "Was wäre wenn"-Zweifel beim Zuschauen übrig. Und eben genau in diesen Momenten zeigt der Film wirklich seine ganze Stärke.



Thema der Woche: Darum ist "The Favourite" gerade so wichtig

Bei den Golden Globes gewann Olivia Colman erst kürzlich den Preis als Beste Schauspielerin in einer Comedy für ihre Darstellung in "The Favourite – Intrigen und Irrsinn". Das war doch schon mal was! Sie dankte sogleich "ma bitches", also ihren Schauspielkolleginnen Emma Stone und Rachel Weisz. Es wurde darüber viel gekichert, dass die Britin wirklich auf der Bühne einfach mal so was raushaute. Aber von den ganzen Lachern einmal abgesehen: Der Film von dem griechischen Regisseur Yorgos Lanthimos ("The Lobster", "Dogtooth") setzt tatsächlich ein Zeichen für den Umbruch und die Lust auf Veränderung in der Filmbranche. Hier kommen gleich drei Gründe, warum der Historienstreifen so wichtig ist.

1. Frauen tragen den Film – ganz ohne starken Mann an ihrer Seite

Mehr Frauen, die an Filmen beteiligt sind und in ihnen mitspielen? In dieser Dramödie ist das, was man sich seit 2018 fett in Hollywood fett auf die Fahne geschrieben hat, an der Tagesordnung. Hier kann hinter jede Frage des Bechdel-Tests ein Haken gesetzt werden. Denn es spielen mehr als zwei Frauen eine wichtige Rolle, sie sprechen sogar unentwegt miteinander, unterhalten sich mühelos über andere Dinge als einen Mann und man kennt sie alle mit vollen Namen. 

Schließlich steht die gebrechliche Königin Anne (Olivia Colman) im Mittelpunkt, die im England des frühen 18. Jahrhunderts regiert und dabei von ihrer engen Freundin Lady Sarah (Rachel Weisz) stets unterstützt wird – aber nicht nur in politischen, sondern auch in persönlichen Belangen. Als mit Abigail (Emma Stone) ein neues Dienstmädchen am Hof anfängt, ändert sich die Lage jedoch schnell ziemlich drastisch. Lady Sarah sowie Abigail buhlen bald um die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Vorgesetzten und versuchen alles Menschenmögliche, um diese auch zu bekommen. Die Geschichte ist unterhaltsam, dramatisch und amüsant – ganz ohne den großen Auftritt eines Mannes.

2. Mehr Witz für mehr gefühlte Wahrheit

Es gibt da diesen Moment, indem die Königin eine Rede halten möchte und von einem ihrer Untergebenen (Nicholas Hoult) unterbrochen wird. Anschließend legt er ihr Worte in den Mund, die so eigentlich nicht stimmen, alle Anwesenden aber zum Jubeln bringt. Ganz klares Mansplaining. Die Reaktion der Königin darauf? Sie tut so, als würde sie urplötzlich ohnmächtig werden, nur um nicht vor allen reagieren zu müssen. Diese Szene bringt aufgrund ihrer Skurrilität natürlich zum Lachen, zeigt bei genauerem Hinschauen aber auch folgende Wahrheit auf: Es mag schon damals eine Frau an der Macht gewesen und geduldet worden sein, jedoch waren um sie herum hauptsächlich Männer, die glaubten, auch ihren Teil zu sagen zu haben. Und wenn ihnen nun mal nicht passte, was das Regierungshaupt machte, fanden sie andere Wege, um sich durchzusetzen. Wie mit einer Unwahrheit in ihre Bahnen zu lenken. Die Frau, Königin hin oder her, weiß um ihre Position. Ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft – und gar nicht mal so entfernt von der heutigen Zeit.

Augenblicke dieser Art gibt es jede Menge in "The Favourite – Intrigen und Irrsinn" und je mehr man nach dem Auflachen über sie nachdenkt, bringen sie durch ihren satirischen Ansatz Wahrheiten und gleichzeitig Probleme an die Oberfläche, bei denen es sich lohnt zu schauen, inwiefern sie auch auf unsere jetzige Situation in der Gesellschaft anzuwenden sind.

3. Geschichte aufgreifen, Perspektivwechsel erlauben, um Absurdität zu verdeutlichen

Wo die humoristischen Momente oft mit einer tieferen Wahrheit einhergehen, ist auch die historische Grundlage eine reale. Diese Queen Anne gab es tatsächlich, ihre zwei Untergebenen entsprechen auch den Fakten. Nur wie viel Liebe und Sex im echten Leben im Spiel war, ist etwas schwammiger. Aber das Bettgeflüster erlaubt eine ganz neue Sicht auf Lust und Leidenschaft: Ein Körper kann nämlich noch so viel mehr sein. Zum Beispiel ein Machtinstrument. Und Beispiele gibt es in den knapp zwei Stunden verschiedenste. Mal krass, brutal, mal fast unschuldig, manipulierend, gedankenlos und mal einfach nur irre lustig. Dadurch werden Perspektivwechsel möglich gemacht, die man so nur selten in aktuellen Kinofilmen hat. Genau das macht "The Favourite – Intrigen und Irrsinn" so wichtig. Diese vielen Nuancen, die ihn mehr als nur zum kurzweiligen Entertainment machen.  

  • "The Favourite – Intrigen und Irrsinn" startet am 17. Januar im Kino.

Streaming-Perle: "Sex Education"

"Sex Education" (Staffel 1, Dauerhaft verfügbar bei Netflix) – Der unbeholfene Schüler Otis Milburn (Asa Butterfield) lebt bei seiner Mutter Jean (Gillian Anderson), einer Sexualtherapeutin. Umgeben von Büchern, Videos und unangenehm offenen Gesprächen über Sex ist er längst zu einem unfreiwilligen Experten auf diesem Gebiet geworden. Als Details über sein Privatleben an der Schule bekannt werden, leuchtet Otis plötzlich ein, dass er sich mit diesem "Fachwissen" etwas mehr Achtung verschaffen könnte. Zusammen mit der scharfsinnigen Maeve (Emma Mackey) gründet er also unter der Hand eine Schulpraxis für Sexualtherapie, um sich so der Probleme seiner Mitschülerinnen und Mitschüler anzunehmen.



Darauf freuen wir uns: "Greta"

"Greta" (Start: 06. Juni 2019) – Was macht man, wenn man in der Bahn eine Tasche ohne Besitzer findet? Im Bestfall gibt es an der Tasche einen Hinweis, der auf die Herkunft des Accessoires schließen lässt und man kann das gute Stück direkt zurückbringen und alle sind happy. Genau so pflichtbewusst handelt auch Frances (Chloë Grace Moretz). Als die so eine richtig teures Designertäschchen und gleich dazu noch einen Perso darin entdeckt, macht sie sich auf dem Weg zu der rechtmäßigen Inhaberin Greta (Isabelle Hubert). Die freut sich natürlich sehr, die verloren geglaubte Tasche zurückzubekommen. Aus einem kurzen Plausch zwischen den beiden entwickelt sich bald so etwas wie eine Freundschaft – bis zu dem Moment, in dem Frances realisiert, dass Greta nicht einfach ihr Hab und Gut irgendwo verbummelt, sondern damit Fremde in ihr Haus locken will. Ein nicht enden wollender Horrortrip scheint so zu beginnen – wie der wohl ausgeht? 


Die nächste Ausgabe der FILMICUM erscheint am 31. Januar 2019

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