Julia Engelmann Interview
Auch mal offline gehen: Julia wäre da gern ein bisschen mehr wie Ed Sheeran | Foto: Marta Urbanelis
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11. Sep 2017

Sandra Ruppel

Promis & Interviews

Julia Engelmann: "Im Leben entscheidet sich richtig viel im Kopf"

"Wichtig ist, sich zu fragen was man eigentlich möchte"

Julia, du bist im Mai 25 geworden. Inwiefern beschäftigt dich das Thema Quarter-Life-Crisis?
Bis jetzt kenne ich nur das Gefühl, dass ich jung bin. Und dass auch alle sagen: "Du bist noch so jung!", aber irgendwann hört das einfach auf. Plötzlich sind überall Leute, die im Jahr 2000 geboren sind, und obwohl die gefühlt null sein müssten, machen die gerade Abitur. Das fühlt sich total komisch an und ist auch Auslöser für Feststellungen wie: "Krass, die Zeit geht wirklich so schnell rum, wie alle immer sagen." Und dann überlegt man sich: Was will ich wirklich machen, mit meiner Zeit? Ich hänge zu viel am Laptop, ist das richtig? Wichtig ist, sich zu fragen, was man eigentlich möchte. Ich versuche, mir einzelne schöne Momente am Tag zu nehmen, mal offline zu sein und stattdessen zu schreiben oder zu lesen.

Kannst du gut offline sein? Könntest du einen Monat ohne Internet und Handy auskommen?
Ich wünschte, ich könnte das so wie Ed Sheeran, der seit zwei Jahren kein Smartphone mehr hat. Zumindest in Phasen kann ich das. Ich versuche, eine Stunde vor dem Schlafengehen offline zu sein und auch morgens erst nach einer Stunde wieder online zu gehen und möglichst analoge Aktivitäten zu planen. Das halte ich für sehr wichtig und ich merke, dass es mir sehr gut tut, das Handy im Flugmodus zu haben und es nicht die ganze Zeit anzuschauen.

"Am Ende ist Zufriedenheit immer Einstellungssache"

Julia Engelmann TermineDenkst du, dass immer erreichbar zu sein und ständig auf sozialen Medien wie Instagram zu verfolgen, was alle anderen scheinbar für ein schönes Leben haben, einen Einfluss auf unsere psychische Gesundheit hat?
Ich denke eher, dass Handy, Internet und Instagram nur Symptome einer Ursache sind, die es schon immer gegeben hat und wahrscheinlich auch immer geben wird. Früher hat man eben in der Nachbarschaft geguckt: Wie haben die anderen den Garten? Und warum fahren die schon wieder in den Urlaub? Dabei geht es ja immer um die Frage "Mache ich alles richtig? Oder habe ich was übersehen, was mich glücklicher machen könnte?" Social Media wirkt da als großer Verstärker. Am Ende ist Zufriedenheit immer Einstellungssache.

Ob man Instagram benutzt oder nicht, ist nicht das Ding: Ich werde nicht zufriedener, nur weil ich die App lösche. Umgekehrt muss mich die App nicht kaputt machen, nur weil ich sie habe. Es geht eher darum, alles im richtigen Maß zu benutzen. Und darum, zu wissen, warum man es macht: Eine Freundin von mir schaut total gern auf Instagram, weil sie es schön findet, dass Menschen so schöne Momente haben.

Kritik? "Ich konzentriere mich auf mich und die, die mir was bedeuten"

Viele Leute finden deine Texte toll – aber es gibt auch Stimmen, die sagen, in deinen Texten finden sich Allgemeinplätze. Wie gehst du mit dieser Kritik um?
Ich finde, Allgemeinplätze sind erstmal nichts Schlechtes – Menschen haben einfach große Schnittmengen, was Gefühle und heruntergebrochene Ansichten oder bestimmte philosophische Fragen angeht. Das ist nichts Verwerfliches.

Also ist das nichts, von dem du dich angreifen lässt?'
Richtig treffen würde mich nur, wenn jemand, der mich schon richtig lange und gut kennt, sagt: "Was ist aus dir denn für ein Mensch geworden?" Oder wenn ich selbst das Gefühl hätte, es gefällt mir überhaupt nicht, was ich mache. Natürlich entwickelt man sich aber auch weiter. Ich kann mir jetzt ein besseres Frühstück machen, als ich das mit sieben konnte. Deswegen schreibe ich jetzt auch anders, als noch vor ein paar Jahren und nächstes Jahr wird es schon wieder anders sein. Ich finde es schön, solche Entwicklungsprozesse zu sehen. Ich konzentriere mich da auf mich und die Menschen, die mir was bedeuten.


"Viele Menschen sind traurig und das müsste nicht so sein"

In deinem Grapefruit-Lied rätst du einer traurigen Person, das Radio laut zu drehen und wieder fröhlich zu sein. Gab es auch Kritik am Text? Zum Beispiel, dass man es sich mit solchen Ratschlägen zu leicht macht?
Klar. Natürlich fordert ein trauriger Tag oder eine traurige Phase andere Konsequenzen als eine depressive Verstimmung oder eine klinische Depression. Was ich da eigentlich meine, ist: Im Leben entscheidet sich schon richtig viel im Kopf. Und es hängt vieles davon ab, worauf man seinen Blick lenkt. Das wollte ich auch oft nicht hören, wenn mir das jemand gesagt hat. Ich sage im Text ja auch: "Vielleicht irre ich mich, aber ich erkenne dich in mir wieder." Ich denke, viele Menschen sind traurig, ohne eine Depression zu haben und dass sie traurig sind, müsste nicht so sein.

Du sagst, auch du hattest schon Phasen, in denen du im Bett gelegen und dich gefragt hast, was dein Sinn und Ziel ist. Wie bist du aus dieser Phase wieder rausgekommen?
Zum einen gibt es für mich sowas wie innere Jahreszeiten: eine Abfolge von Gefühlen, die man durchläuft und die immer wiederkehren, die kommen und gehen, wie Wolken, die durch einen hindurchziehen. Zum anderen hilft es mir, über meine eigene Freiheit nachzudenken und zu erkennen, wie sehr mein Leben von meiner Gestaltung und meinen Gedanken abhängt. Gedanken sind ein unterschätztes Tool, sie sind wie eine innere Programmiersprache. Um was ganz Praktisches zu nennen: Ich schreibe seit Anfang des Jahres jeden Morgen zehn Dinge auf, für die ich dankbar bin. Was auch gut tut, ist, wenn man im Alltag das macht, was zu einem passt. Was ich gerade mache, ist zu 100 Prozent mein Element.

Von der Hörsaal-Slammerin zur Vollzeit-Poetin

Kannst du vom Poetry-Slam leben?
Ich bin keine Poetry Slammerin mehr, darunter verstehe ich, aktiv an Poetry-Slam-Wettbewerben teilzunehmen. Ich würde sagen, ich bin mittlerweile so eine Art Dichterin oder Vollzeit-Poetin geworden – und ich lebe davon.

Und zum Schluss: Was hat es mit dem wiederkehrenden "Baby" in deinen Titeln auf sich? Wirst du es irgendwann weglassen?
Ich habe es lieb gewonnen. Eigentlich ist das aus dem Asaf Avidan-Moment heraus entstanden und es fühlt sich tatsächlich an wie ein Baby. Von daher würde ich das weder bestätigen, noch dementieren.

Wir warten also ab, was mit dem Baby noch passiert…
…genau, wie es sich entwickelt, ob es gut in die Pubertät kommt, ob es irgendwann allein in eine andere Stadt zieht. Aber ich darf auch nicht zu sehr daran hängen, es muss sich auch weiterentwickeln dürfen. Wenn es schon 18 ist und mich mit dem Auto irgendwo abholt, dann kann ich es nicht mehr Baby nennen (lacht).


Julia Engelmann: Kurz & Kompakt

  • Bekannt wurde Julia Engelmann durch ihren Text "Eines Tages, Baby", der sich auf Asaf Avids "One Day Reckoning" bezieht. Als sie den Text 2013 beim Bielefelder Hörsaalslam performt, wird der Auftritt aufgezeichnet und geht später über YouTube viral.
  • Julia hat in Bremen Psychologie studiert. Allerdings hat sie den Bachelor nicht abgeschlossen, sondern sich vorzeitig exmatrikuliert, um sich aufs Schreiben zu konzentrieren.
  • Mittlerweile hat die Poetin schon drei Bücher mit ihren Texten veröffentlicht, ab dem 7. Oktober startet ihre neue Tour "Jetzt, Baby – Poesie & Musik"

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