Waldbaden entspannen
Ab in den Wald: Waldbaden als Anti-Stress-Methode. | Foto: Cristina Gottardi/Unsplash
Autor

25. Sep 2019

Janna Degener-Storr

Freizeit

Waldbaden: Wie dir Bäume bei der Prüfung helfen

Waldbaden zum Stressabbau

"Ich bin so gestresst" – diesen Satz hat wohl fast jeder Studierende schon mal gesagt. Esther Winter ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und hört ihn von ihren Klienten und Klientinnen tagtäglich. Oft hat sie mit jungen Menschen zu tun, die Probleme mit dem Lernen haben, sich nicht konzentrieren können oder unter Prüfungsängsten leiden. Wenn sie sie dann fragt, ob sie Entspannungstechniken machen, lautet die Antwort oft: "Ja, ich gehe eigentlich dienstagabends um 19 Uhr zum Yoga, aber häufig schaffe ich das gar nicht." Aber was bringt eine Entspannung, die ein weiterer Termin im eh schon vollen Kalender ist und den Stresspegel noch erhöht?

Esther Winter geht mit ihren Klienten und Klientinnen stattdessen in den Wald: "Der Wald hat keine Öffnungszeiten und kostet auch keinen Eintritt. Wenn wir in der Natur Atem- und Entspannungsübungen machen, verändert sich etwas. Wir werden sofort ruhiger. Der Blutdruck geht runter. Das Stresshormonlevel sinkt. Wir fühlen uns erfrischt. Oft reicht es, zwanzig Minuten im Wald zu verbringen, um sich komplett anders zu fühlen." Wie du den Wald für deinen Stressabbau nutzen kannst, erfährst du hier.

Ein Bad in der Atmosphäre des Waldes

Was Esther Winter beschreibt, wird heute von Therapeuten und Therapeutinnen als "Waldbaden" bezeichnet. Der Begriff ist aus der Übersetzung des japanischen Begriffs Shinrin Yoku entstanden, der sich wörtlich übersetzen lässt mit "Ein Bad in der Atmosphäre des Waldes nehmen". In Japan hat sich das Waldbaden bereits seit 1982 etabliert. "Die Menschen dort haben eine andere Arbeitskultur als bei uns. Sie sollen möglichst durcharbeiten, nicht krank werden und ihren Urlaub nicht nehmen. Mittlerweile ist Shinrin Yoku dort so beliebt, dass schon kurze Spaziergänge so genannt werden. Nach Deutschland ist der Trend in den letzten Jahren übergeschwappt", erklärt Esther Winter.

Dabei bedeutet Waldbaden nicht, dass du dir einfach einen Teich im Wald suchst und ein bisschen darin planschst. Vielmehr hat der Begriff eine übertragene Bedeutung: Du tauchst in die angenehme Atmosphäre des Waldes ein und versuchst, ihn mit deinen Sinnen zu erleben: den Geruch der Bäume, das Licht, das durch die Blätter fällt oder den weichen Waldboden unter deinen Füßen. Es ist also auch nicht nötig, dass du dich sportlich betätigst oder stundenlang wanderst. Vielmehr geht es um einen bewussten Aufenthalt in der Natur.

Waldbaden – ein neuer Trend?

Inzwischen hat sich um das Waldbaden ein regelrechter Hype entwickelt. Auch Esther Winter hat ein Buch darüber geschrieben – und das ist nur einer von unzähligen Ratgebern zum Thema Waldbaden, die in den vergangenen Jahren auf den deutschsprachigen Markt gekommen sind. Dabei ist die Idee dahinter so alt. "Schon unsere Großeltern und Urgroßeltern wussten, dass ein Waldspaziergang guttut", erklärt Esther Winter.

Populär geworden sei das Waldbaden in den letzten Jahren dadurch, dass Forscher festgestellt haben: Nicht nur der Aufenthalt in der Natur an sich ist entspannend, sondern der Wald hat Heilkräfte. "Die Waldpflanzen verströmen heilsame Düfte und auf den Bäumen liegen Mikroorganismen, die das Immunsystem anregen", sagt die Expertin. Zum Hype rund um das Waldbaden habe der Förster Peter Wohlleben mit seinen Bestsellern über den Wald beigetragen, aber auch die Medien, die den Wald plötzlich anders präsentierten als früher.


Waldbaden mit allen Sinnen


Worauf kommt es bei Shinrin Yoku an?

Aber was unterscheidet das Waldbaden nun von einem ganz normalen Waldspaziergang? "Wenn du im Wald eine Stunde spazieren gehst oder drei Kilometer zu einem bestimmten Ausflugslokal zurücklegen möchtest, machst du einen Waldspaziergang", sagt die Heilpraktikerin. Beim Waldbaden dagegen gibt es kein definiertes Ziel, kein Ankommen. Das Geh-Tempo spielt keine Rolle. Du absolvierst auch keinen Waldlehrpfad, bei dem du die Namen der Pflanzen und Bäume kennenlernst. "Waldbaden bedeutet, achtsam und entspannt durch den Wald zu gehen. Du übst, mit allen Sinnen im Hier und Jetzt zu sein, um alles um dich herum aufzunehmen", sagt Esther Winter.

Was so einfach klingt, sei mit das Schwierigste, was man praktizieren könne, weiß die Heilpraktikerin aus Erfahrung: "Vielen meiner Klienten und Klientinnen fällt es schwer, kein Ziel vor Augen zu haben, nicht aufs Tempo zu achten und nicht aufs Handy zu schauen." Waldbaden müsse man genauso trainieren wie das Spielen eines neuen Instruments, um es dann anwenden zu können, wenn man es brauche. Wenn du zum Beispiel Techniken erlernt hast, wie du dich im Wald entspannen, kannst du diese auch in schwierigen Situationen wie Werkzeuge nutzen. "Waldbaden ist aber auch ein Mittel zur Prävention", ergänzt die Expertin.

Esther Winter hat die Erfahrung gemacht, dass ihre Klienten  und Klientinnen im Wald leichter entspannen können als etwa in der Praxis. Denn dort herrscht eine andere Atmosphäre. "Ich merke richtig, wie sich die Körperhaltung ändert, wenn ich mit einer gestressten Person in den Wald gehe. Das liegt sicher auch daran, dass wir dort eine völlig andere Umgebung vorfinden als etwa in einem Studio, in dem ein Entspannungskurs stattfindet", sagt sie.

Waldbaden: So funktioniert’s

Je schöner, dichter und vielfältiger der Wald, desto wirksamer sind seine Heilkräfte. Aber du kannst durchaus auch im Park um die Ecke die Natur erleben. Esther Winter hat die Erfahrung gemacht, dass gerade Studierende sich sehr dafür interessieren: "Ich schicke sehr viele Studierende in den Wald und bekomme begeisterte Rückmeldungen. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass ich die jüngeren Klienten und Klientinnen leichter dazu bringen kann. Denn für sie ist der Wald häufig noch neu, während Ältere sagen: 'Na, dann gehe ich da halt spazieren‘."

Wer lieber zu Hause bleiben will, kann stattdessen ätherische Öle mit Walddüften nutzen. "Die Zypresse zum Beispiel ist ein unglaublich tolles Lern-Öl. Das Öl wirkt konzentrationsfördernd, wenn man müde ist oder unter Stimmungsschwankungen leidet. Und wenn man Prüfungsangst hat, kann man Zedernöl verwenden. Die Zeder ist majestätisch und kraftvoll. Der Duft ihres Öls baut auf und stärkt das Selbstvertrauen", sagt Esther Winter.

Konzentriere dich auf deine Sinne

Wenn du ein Waldbad einfach mal ausprobieren möchtest, solltest du Folgendes beachten:

  • Versuche erst einmal, dich bewusst auf deine Atmung zu konzentrieren. "Das klingt zwar einfach, aber manchen Menschen fällt das richtig schwer", betont die Heilpraktikerin. 
  • Anschließend kannst du dich nach und nach auf deine fünf Sinne konzentrieren: "Einen Tag achte ich darauf, was ich im Wald rieche. Dann konzentriere ich mich auf das Hören. Und beim Umarmen des Baums, über das man sich häufig lustig macht, geht es um das Fühlen. Wenn ich Angst habe oder mich allein fühle, kann ich mir auch einfach mal mit dem Rücken an einen Baum setzen und die Augen schließen. Dann spüre ich vielleicht, wir mir der Rücken gestärkt wird."

Solche Werkzeuge, sagt die Expertin, kann jeder für sich einfach mal ausprobieren. Denn man kann ja nichts falsch machen. Feste Regeln für das Waldbaden gibt es nicht.


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