Julieta DVD
"Julieta": Seit dem 05. Dezember auf DVD und Blu-ray | Foto: Tobis Film
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16. Dez 2016

Nina Weidlich

Filme

Julieta

Spanisches Melodram ohne Kitsch und Gefühlsduselei

Liebe ist eine Sucht

Als wir Julieta kennenlernen, ist sie eine Frau Anfang Fünfzig, fest entschlossen, ihre Heimat Madrid mit dem Mann zu verlassen, den sie liebt – und die mit aller Nachdrücklichkeit betont, dass sie niemals wieder zurückkehren will. Was in den Kisten ist, die sie langsam und sorgfältig packt, können wir nur erahnen, aber Erinnerungsstücke sind es sicherlich nicht.

Denn schnell wird klar, dass es Julieta nicht darum geht, sich neu zu entdecken, eine neue Sprache zu lernen oder ein Abenteuer zu erleben; sie möchte vor irgendetwas fliehen. Julieta ist keine fröhliche Frau, sie ist umgeben von einer tiefen Traurigkeit, einer inneren Zerrissenheit, einem Geheimnis, das sie nicht einmal ihrem Lebensgefährten anvertraut.

Mühsam hatte Julieta versucht, die Erinnerung an ihre Tochter Antía auszuradieren, aber ein Abdruck ist geblieben. Als sie auf der Straße eine Freundin aus Antías Kindertagen trifft, reißt eine alte Wunde in ihr wieder auf, langsam und schmerzlich. Julieta revidiert ihre Auswanderungspläne und ändert ihr gesamtes Leben. Später wird sie die Situation mit der eines trockenen Alkoholikers vergleichen, der schon beim kleinsten Tropfen Alkohol erneut der Sucht verfällt.

Julieta scheint erneut fest entschlossen: Sie kramt ein altes Foto von ihr und Antía heraus, das zerrissen in ihrem Papierkorb lag. Sie packt die Umzugskartons wieder aus und sagt ihrem Freund, dass sie ihn nicht begleiten wird – ohne Erklärung, ohne Verabschiedung. Sie verlässt ihr Zuhause ohne einen einzigen persönlichen Gegenstand und mietet eine Wohnung in dem Haus, in dem sie einmal mit ihrer Tochter gelebt hat. Nur ein Schreibtisch, ein Stuhl und eine Kladde – mehr braucht sie nicht mehr. Und dann beginnt sie zu schreiben.


Julieta Brief an Antía


Ein Brief über das Leben

Julieta hofft auf Vergebung. In einem Brief möchte sie ihrer Tochter die ganze Wahrheit erzählen und hofft, sie dadurch zurückgewinnen zu können. Mit ihren Worten nimmt sie uns mit in ihre Vergangenheit, und wir begegnen einer anderen Version von Julieta: Jung, schön und ein bisschen rebellisch. Rebellisch deshalb, weil sie sich mit Xoan, den sie auf einer Zugfahrt kennenlernt, noch am gleichen Abend auf eine heiße Liebesnacht im Schlafwagen einlässt – obwohl sie weiß, dass Zuhause eine sterbenskranke Ehefrau auf ihn wartet.

Als sie ihm beichtet, dass sie ein Kind erwartet, ist Xoan bereits Witwer. Was folgt, ist ein Mix aus Sex, Ausgelassenheit und Glück – wenn auch mit einem faden Beigeschmack. Denn Xoans Haushälterin Marian ahnt von Anfang an, dass Julieta Unheil über das Leben des jungen Fischers bringen wird.

Das Unheil kommt, als die gemeinsame Tochter Antía neun Jahre alt ist. Nach einem kühlen Streit zwischen Julieta und Xoan fährt der Fischer mit seinem Boot aufs Meer und wird von einem heftigen Unwetter überrascht. Als Julieta klar wird, dass ihr Mann in den meterhohen Wellen umgekommen ist und nie mehr zurückkehren wird, bricht sie unter der schweren Last der Schuld zusammen.

Zerstörung, Schuld, Depression

Antía bleibt keine Gelegenheit, um ihren verstorbenen Vater zu trauern – zu groß ist ihre Verantwortung ihrer Mutter gegenüber, die seit dem Unglück nicht mehr als ein Schatten ihrer selbst ist. Julieta ist nicht nur traurig, sie ist nicht mehr existent: Ihre Tochter wäscht sie, zieht sie an, hält sie am Leben, so gut sie kann.

Mit ihrer Volljährigkeit verabschiedet sich Antía für eine Auszeit, eine spirituelle Klausur in den Pyrenäen. Der Abschied ist kühl und hastig – und es ist das letzte Mal, dass Julieta ihre Tochter sieht. Schon wieder hat sie einen Menschen verloren, und schon wieder gibt sie sich die Schuld dafür.

Drei Jahre lang kauft sie Antía zum Geburtstag eine Torte – drei Jahre lang landet sie unberührt im Abfalleimer. In ihrem Brief an Antía schreibt sie später: "Deine Abwesenheit füllt mein Leben aus und zerstört mich." Und das ist auch das zentrale Thema in "Julieta": Zerstörung – innerlich wie äußerlich. Daneben geht es vor allem um Schuld, um Depression und darum, ob es so etwas wie Vergebung überhaupt gibt.



Fazit zu "Julieta"

In "Julieta" müssen wir uns auf eine beklemmende Atmosphäre einstellen, die selbst in den vermeintlich fröhlichen Szenen immer allgegenwärtig ist. Das liegt nicht zuletzt an der dramatischen Musik – die zwar ihren Zweck erfüllt, aber an manchen Stellen einfach ein bisschen "too much" ist und dafür sorgt, dass der Film insgesamt ein wenig altmodisch daherkommt.

Mehr überzeugt dagegen die Hauptfigur, die mit Adriana Ugarte als junge und Emma Suárez als gealterte Julieta gleich von zwei Schauspielerinnen überzeugend vertreten wird, ohne dass der Darstellerinnen-Wechsel erzwungen wirkt. Ihr körperlicher und seelischer Verfall machen den Film letztlich zu einem authentischen Melodram, das weder schnulzig noch kitschig, sondern einfach nur traurig ist.


Julieta PlakatUNICUM Film-Tipp:

Julieta

Drama, Spanien 2016

Regie: Pedro Almodóvar

Darsteller u.a.: Emma Suárez, Adriana Ugarte, Daniel Grao

Verleih: Tobis Film

Heimkinostart: 05. Dezember 2016

Mehr Infos unter www.julieta-derfilm.de

Artikel-Bewertung:

3.3 von 5 Sternen bei 37 Bewertungen.

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