Kostenlos reisen
Bei einer Reise ohne Geld muss man auf sich selbst vertrauen | Foto: Thinkstock/Remains

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Freizeit

Ohne Geld um die Welt reisen

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Kostenlos reisen: "Dir werden immer wieder offene Türen gezeigt"

UNICUM: Was genau bedeutet es, ohne Geld zu reisen?
Christoffer Schäle: Geld ist immer eine Sicherheit, ein Puffer, das man alles zu jeder Zeit kriegen und kaufen kann. Wenn du ohne Geld reist, dann hast du diesen Puffer nicht. Das heißt, du bist immer im Jetzt und Hier. Wenn du jemandem begegnest, schaust du ihm in die Augen, lächelst – und vielleicht passiert etwas, vielleicht auch nicht. Wenn du irgendetwas siehst, was dir auffällt, gehst du darauf zu. Du folgst einfach deinen Impulsen und Gefühlen. Dann wirst du so geleitet, dass du quasi auf dieser Welle surfst, kein Geld zu brauchen. Du kommst dann auf einmal zu einem Essen oder einer Übernachtungsmöglichkeit, ohne dass du danach betteln musstest. Es entsteht etwas, das normalerweise schwer vorzustellen ist in den Arbeitsrhythmen und Routinen, in denen wir drinstecken und bei denen alles über Geld abgewickelt wird.  

Wie läuft das konkret ab: Wie funktioniert eine solche Reise?
Die ersten Fragen lauten: Was möchte ich? Wo will ich hin? Ein Wunsch oder Traum sollten zuerst da sein. Und keine Sorge – viele Dinge, die vorher vielleicht undenkbar sind, passieren einfach. Du solltest dich gut fühlen und das Gefühl haben, dass du das Nötigste hast, um los zu sausen. Du kannst wandern, per Anhalter unterwegs sein oder dir erst ein Zug oder Flugticket kaufen und dann vor Ort ohne Geld unterwegs sein. Am einfachsten ist es aber, von zuhause aus einfach los zu reisen. Währen der Reise bist du bei dir, genießt es dort zu sein, wo du gerade bist. Auf einmal kommen Begegnungen, Leute kommen auf dich zu, Dinge entstehen. Dir werden immer wieder offene Türen gezeigt.

Wo schlafen? "Man klingelt einfach und bietet die eigene Hilfe an"

Christoffer SchäleAngenommen, ich wandere jetzt los, habe nichts zum Essen, nichts zum Schlafen. Wie bekomme ich das?
Für Essen kann man containern gehen. Bei Supermärkten nach Lebensmitteln fragen, die sonst weggeworfen werden, oder Tablehopping machen. Das bedeutet, in Imbissen zu schauen, ob noch etwas auf Tellern ist, das nicht gegessen wurde und dies dann zu essen. Man kann aber auch bei privaten Haushalten fragen. Man klingelt einfach und bietet die eigene Hilfe an und bekommt im Idealfall etwas zu Essen und einen Platz zum Schlafen. Eigentlich freuen sich die Menschen immer und bietetn ihre Gastfreundschaft an. Zum Schlafen gibt es neben Privatpersonen auch Bauerhöfe, auf denen man fragen kann, oder die Möglichkeit des "wwoofing", bei dem man auf Bauerhöfen Kost und Logis für Mithilfe bekommt.

Erzähl uns etwas von deiner eigenen Reise!
Ich bin aus dem Bergischen Land, östlich von Köln losgewandert. Meine Route hat sich durch Gespräche und Kontakte ergeben. Ich hatte keinen Schlafsack oder Zelt dabei und habe immer bei anderen übernachten können: Sei es im Wohnzimmer auf einer Couch, in einem Gästezimmer oder in einem Zirkuswagen im Garten.

Hast du tatsächlich nie Geld in die Hand genommen?
Ich bin ohne Geld losgelaufen und ohne jegliche Ambition, Geld zu verdienen. Auf der Reise wurde mir allerdings manchmal Geld in die Hand gedrückt und ich habe es für den Fall der Fälle behalten. Ich habe es allerdings nie gebraucht, um an Essen oder einen Schlafplatz zu kommen. Manches davon habe ich dann weiterverschenkt.

Gab es Erlebnisse, bei denen du gesagt hast: Jetzt ist Schluss, jetzt höre ich auf?
Solche Erlebnisse gab es immer wieder. Wenn es dunkler wird, die Rolläden runtergehen und das Licht ausgeht, du immer noch keinen Schlafplatz hast und dein Rücken weh tut. Dann kommt schon der Wunsch, irgendwie auszusteigen, jemanden zu bitten, dich abzuholen. Am Ende wird man dann oft doppelt entschädigt, weil man mit etwas ganz Großartigem aufgefangen wird. Im Laufe der Zeit bin ich über mich hinausgewachsen. Ich fand es immer wieder sehr spannend, wie mich diese Reise an meine Grenzen gebracht hat und mir geholfen hat, diese zu überwinden und weiterzugehen.

Du würdest also sagen, dass diese Reise dein Leben beeinflusst hat?
Definitiv. Auf dieser Reise habe ich gelernt auf meine innere Stimme zu hören und meinem Herzen zu folgen. Meinen Impulsen und meiner Begeisterung nachzukommen. Nicht zu fragen: "Wo kommt denn diese komische Idee her?", sondern es einfach zu tun. Das hat immer gut geklappt. Ich kann jetzt wirklich auf mich vertrauen – und muss nicht auf andere hören, dir mir sagen wollen, was ein gutes Leben ist.


Im Video: Eine weitere Reise ohne Geld bei der Christoffer mit einer Freundin gemeinsam unterwegs war


Wie bereitet man sich auf eine Reise ohne Geld vor?

Würdest du noch einmal so eine Reise machen?
Auf jeden Fall. Aber ich glaube, dass ich die Reise noch gar nicht beendet habe. Ich wandere vielleicht nicht mehr, aber ich bin dennoch unterwegs. Ich folge meiner inneren Stimme und tue das, was ich für richtig halte. Alles möglichst geldfrei.

Aber im Moment benutzt du schon Geld?              
Richtig. Ich versuche mir aber daraus nicht eine Lebenssicherheit aufzubauen. Ich schaue nach anderen Dingen. Die Reise war ein guter Start, um auf einen solchen Weg zu kommen und auf die eigene Stimme zu hören.

Wie verdienst du dein Geld?
Ich gebe beispielsweise Workshops und Vorträgen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzten. Dafür wurde ich angefragt, aber ich hätte es auch gemacht, wenn mir kein Geld dafür angeboten worden wäre. Wenn du deiner Begeisterung folgst, werden Angebote auf dich zu kommen, darauf kannst du vertrauen.

Angenommen man möchte selbst so reisen. Wie bereite man sich am besten vor?
Auf der einen Seite bedarf es keiner besonderen Vorbereitung, man kann einfach so loslaufen. Auf der anderen Seite stimmt das jedoch nicht ganz: Denn wenn ich ohne Rucksack losziehe, nach ein paar Tagen keinen gefunden habe und wieder aufgebe, ist das ja auch nicht Sinn der Sache. Es bedarf einer inneren Vorbereitung. Ich muss mir klar machen, dass ich diese Sache auch wirklich durchziehen möchte.

Und, wenn ich Angst habe vor dem Scheitern?
Du kannst nur daraus lernen: Entweder du gibst auf und lernst daraus – oder du machst weiter und lernst daraus. Es ist wichtig, ein Vertrauen darin zu haben, das es gut gehen wird. Es ist okay, wenn man sich unsicher fühlt, aber man sollte dennoch wissen, was man wirklich möchte. Vertrauen ist dann das Einzige, was man braucht.


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