Prof. Deborah E. Lipstadt
Prof. Lipstadt fühlt sich durch Rachel Weisz bestens repräsentiert | Foto: (c) SquareOne/Universum
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06. Apr 2017

Ann-Christin Kieter

Zündstoff

Verleugnung: Holocaust-Forscherin Deborah E. Lipstadt im Interview

"Gesetze gegen Holocaust-Verleugnung sind falsch"

Harter Kampf mit gutem Ende

UNICUM: Wie fühlt es sich an, wieder in London zu sein?
Deborah E. Lipstadt: Ich liebe London. Es war natürlich ein harter Kampf für mich hier, aber es ist auch der Ort, an dem ich gewonnen habe. Ich habe hier über die Jahre viele Freunde gefunden. Nun bin ich vor allem froh, mit "Verleugnung" hier zu sein, dem Film, in den ich so viel Vertrauen setze.

Sie werden darin von Rachel Weisz gespielt. Bei der Premiere haben Sie erzählt, dass sie einen Test mit einem vierjährigen Mädchen aus Ihrem Bekanntenkreis bestanden hat …
Jedes Mal, wenn ich in Atlanta bin, lese ich dem Mädchen eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Nun, sie denkt, der Trailer wäre der Film. Als sie dann also den "Film" gesehen hatte, fragte sie: Warum klingt die Frau genau wie Tante Deba? Als sie das sagte, wusste ich, dass es funktioniert. Rachel Weisz hat meine Stimme und meine Aussprache also gut getroffen.


Darum geht's in "Verleugnung"

Die amerikanische Universitätsprofessorin Deborah E. Lipstadt (Rachel Weisz) wird Ende der 1990er plötzlich zur Verteidigerin der historischen Wahrheit, als der Brite David Irving (Timothy Spall) sie und ihren Verlag wegen Verleumdung verklagt. In einem ihrer Bücher hatte sie ihm die Leugnung des Holocaust vorgeworfen. Der Film zeigt Lipstadts Kampf gegen ihren unerbittlichen Gegner vor dem Londoner Gericht – und ist dabei unerwartet lustig. Lipstadt dazu: "Es kamen so viele clevere Leute zusammen, die mit Wörtern umgehen können. Humor ist unsere Waffe, unser Werkzeug."


Warum das britische Zivilrecht so gewöhnungsbedürftig ist

Wie zuversichtlich waren Sie damals während des Prozesses, um den es im Film geht?
Anfangs war ich schrecklich nervös. Das britische Rechtssystem ist das komplette Gegenteil von dem, was ich kannte. David Irving hat mich eine Lügnerin genannt und ich musste beweisen, dass das falsch ist. Eigentlich hätte er als Ankläger doch beweisen müssen, dass seine Anschuldigungen stimmen. Als die Gutachten nach und nach hereinkamen, wurde ich immer sicherer, weil sie ihn als Lügner entlarvten. Was ich natürlich nicht wusste, war, ob der Richter das auch so sehen wird. Als er schließlich mit strenger Stimme verkündete, dass Irving gelogen, manipuliert und gefälscht hat – und zwar vorsätzlich – war das ein überwältigendes Gefühl! Auf meiner Webseite www.hdot.org kann man alle Details nachlesen.

Was haben Sie in den 32 Tagen zwischen den Verhandlungen gemacht?
Ich hatte eine ziemlich strikte Tagesordnung: Nach dem Aufstehen bin ich direkt ins Fitnessstudio gegangen, war 45 Minuten auf dem Stepper, habe ein bisschen trainiert. Dann bin wieder zurück ins Hotelzimmer, habe geduscht, mich fertig gemacht, gefrühstückt und hab mich dann auf dem Weg zum Gericht gemacht. Mal mit dem Taxi, mal mit dem Bus, mal mit der U-Bahn. Meine Anwälte wollten nicht, dass ich jeden Tag den gleichen Weg nehme, damit ich nicht so berechenbar bin. Irgendwann war Mittagspause und danach zwei bis drei weitere Stunden Gerichtsverhandlung. Die Leute wollten mich abends immer ausführen, aber ich war nur einige Male im Theater. Meistens war ich einfach viel zu müde.


Verleugnung Filmszene


"Mehr gute Rede, um schlechte zu bekämpfen"

Wie war der Umgang mit der Öffentlichkeit in der Zeit?
Die Leute wussten, wer ich bin. Die haben mich auf den Bildschirmen gesehen und meine Schals wiedererkannt. Manchmal haben sie gesagt: Komm, krieg ihn! Je mehr über Irving und sein jämmerliches Auftreten bekannt wurde, desto mehr haben die Leute mir zugesprochen. Einen Tag nach unserem Sieg hat ein Taxifahrer am völlig überfüllten Piccadilly Circus plötzlich angehalten, sich aus dem Fenster gebeugt und gesagt: Das hat sich sehr gut angefühlt!

Wie hat sich das alles auf Ihr Berufsleben ausgewirkt?
Es hat mich sechs Jahre davon abgehalten, meine Arbeit zu machen. Ich habe in der Zeit kein weiteres Buch geschrieben. Aber im Grunde hat es mir natürlich auch ein größeres Megaphon verliehen, ich habe deutlich mehr Aufmerksamkeit genossen.

Sie sind nicht wirklich glücklich darüber, dass Irving später von einem österreichischen Gericht zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Warum nicht?
Nein, denn ich bin gegen Gesetze in Bezug auf Holocaust-Verleugnung. Ich weiß, dass ihr sie in Deutschland habt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie funktionieren. Erstens bin ich für Redefreiheit. Zweitens bin ich der Meinung, dass man etwas in eine verbotene Frucht verwandelt, wenn man es per Gesetz verbieten lässt: Iss diesen Apfel nicht! Drittens, und das ist am wichtigsten: Ich will nicht den Politikern die Entscheidung überlassen, was gesagt werden darf und was nicht. Egal, ob im Bundestag oder im US-Senat, ich will nicht, dass sie sagen können: Das ist Holocaust-Verleugnung, das nicht. Das ist Rassismus und das nicht. Das ist Homophobie und das nicht. Wir brauchen mehr gute Rede, um schlechte zu bekämpfen.


Rachel Weisz Verleugnung


Wie weit darf Satire gehen?

In Deutschland ging vor einiger Zeit ein Online-Projekt mit Namen "Yolocaust" durch die Medien. Der jüdische Satiriker Shahak Shapira kritisiert mittels Fotomontagen, dass das Holocaust-Mahnmal in Berlin zu einem beliebten Selfie-Motiv geworden ist und wenig respektvoll behandelt wird.
Oh ja, das kenne ich. Ich habe auch schon Leute gesehen, die Yoga darauf machen oder Skateboard fahren.

Es wurde starke Kritik daran laut. Zum einen gegen das Wort "Yolocaust", weil es das Thema verniedlicht. Zum anderen gegen den satirischen Umgang im Allgemeinen. Können Sie das nachvollziehen?
Ich möchte darüber nicht urteilen, weil ich nicht so vertraut damit bin, was er genau macht. Aber ich denke, dass Satire sehr wichtig ist. Schau: Charlie Chaplin, der große Diktator. Es macht Hitler einfach lächerlich und das kann sehr nützlich sein. Aber manchmal verlieren Künstler ihren guten Geschmack und gehen zu weit. Es gab doch diese russischen Eisläufer, die sich gekleidet haben wie in einem Konzentrationslager. Das war dumm. Nicht böse, aber unbedacht.

In Bezug auf Lehrpläne: Was ist da für Sie der richtige Umgang mit dem Thema?
Meine Überzeugung ist, Fakten zu unterrichten. Ich sage meine Studenten nicht, dass sie, weil es einen Holocaust gab, nach draußen gehen und kämpfen sollen. Aber ich hoffe, dass sie für sich selbst herausfinden, was richtig ist. Hitler saß nicht im Januar 1933 da und hat sich gesagt: Ich mache jetzt einen Holocaust, ich werde Juden töten und Zigeuner. Ich denke, es sind viele kleine Dinge zusammengekommen. Die Zeit, es zu stoppen, wäre in den 30ern gewesen. Vorher und nicht nachher.


Verleugnung FilmposterUNICUM Film-Tipp

Verleugnung (Original: Denial)

Drama/Biographie, USA/Großbritannien, 2016

Basierend auf dem Buch "History On Trial: My Day in Court With David Irving" der Historikerin Deborah E. Lipstadt

Regie: Mick Jackson

Darsteller u. a.: Rachel Weisz, Tom Wilkinson, Timothy Spall

Verleih: SquareOne Entertainment / Universum Film

Kinostart: 13. April 2017

Mehr unter www.facebook.com/Verleugnung.DerFilm/

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