Studieren mit Kind
Die Uhr tickt – doch: Gibt es den richtigen Zeitpunkt überhaupt? | Foto: Thinkstock/Halfpoint

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Eleonora Pauli

Zündstoff

Kinder kriegen: Ja, wann denn?

Drei mögliche Zeitpunkte im Vergleich

Variante 1: Studieren mit Kind

Die meisten Studierenden in Deutschland halten die Zeit an der Hochschule für den falschen Moment, um Kinder zu bekommen: Nur zwei Prozent von ihnen denken konkret darüber nach, fünf Prozent studieren tatsächlich mit Kind. Philippa ist eine der wenigen. Die 37-Jährige hat, während sie Kunstgeschichte studierte, innerhalb von zehn Jahren vier Kinder bekommen. Momentan promoviert sie in Hamburg, hat eine Stelle an der Uni in München und lebt mit ihrer Familie in Berlin. Mit ihrer neu geborenen Tochter Zolajah im Arm sitzt die Doktorandin in der Sonne vor der TU in Berlin und erzählt:

"Als ich 2006 mit meiner ersten Tochter schwanger wurde, war ich im Auslandssemester in Paris. Danach war ich einige Jahre alleinerziehend und musste mein Studium unterbrechen: Mit Kind, Seminaren, ohne BAföG und ohne Unterhalt hätte es trotz eines kleinen Zuschusses vom Familienbüro meiner Uni nicht funktioniert.

Kinder kriegen im StudiumHartz IV bekommt man ja nur im Urlaubssemester, und da ich weiterstudieren wollte, war das ein großes Hin und Her. Beim zweiten Kind hatte ich dann zum Glück meinen jetzigen Partner, der voll berufstätig ist. Wir könnten aber nicht vier Kinder haben, wenn ich nicht so ­flexibel wäre und nachts, beim Mittagsschlaf oder sonst wann arbeiten könnte. Die Kinder sind alle hier an der Uni aufgewachsen: Sobald sie zwei Wochen alt waren, bin ich mit ihnen in die Vorlesungen gegangen, sie haben alle die wirklich tolle Kita vom Studentenwerk besucht. Es gibt überall Wickeltische und die Dozenten waren meistens superkulant mit den Zeiten und den Prüfungen.

Eine Karriere in der Wissenschaft ist hingegen nicht besonders familienfreundlich – aber die Variante, dass ich warte, bis ich irgendwo ganz oben bin, kam für mich nie in Frage."

Klare Vorteile beim Elternwerden im Studium sind vor allem die große Flexibilität und die Unterstützungsangebote von Studentenwerk, Staat und Hochschule. Insbesondere, wenn man wie Philippa an einer Uni mit dem Audit-Siegel "familiengerechte Hochschule" studiert. Die Finanzierung kann aber schwierig werden – vor allem wenn man alleinerziehend ist.


InfoTipps für Studis

Vor der Geburt

  •  Studierende können ab dem sechsten Schwangerschaftsmonat beim zuständigen Jobcenter eine Erstausstattung beantragen, auch die Bundesstiftung "Mutter und Kind – Schutz des ungeborenen Lebens" kann hier helfen.
  • Die Studentenwerke bieten psychologische Beratungsgespräche an, an vielen Hochschulen sind außerdem die Familienbüros als Ansprechpartner erreichbar.

Finanzielles

  • Elternzeit gibt es für Studierende nicht, sie können sich aber beurlauben lassen und dann, statt BAföG, ALG II (Hartz IV) beantragen.
  • Achtung: Sobald das Studium länger als drei Monate weger Schwangerschaft oder der Geburt unterbrochen wird, erlischt der Anspruch auf BAföG!
  • Wird das Studium fortgesetzt, können BAföG-Empfänger einen "Betreuungszuschlag" beantragen. Außerdem ist eine Verlängerung der Förderungshöchstdauer möglich.
  • Anspruch auf Elterngeld vom Jugendamt haben alle Mütter und Väter, die keiner oder keiner vollen Erwerbstätigkeit (bis zu 30 Stunden die Woche) nachgehen – also auch Studierende.
  • Ein Kindergeld können auch die Kinder von Kindergeld-Empfängern bekommen.
  • Das Mutterschutz-Gesetz gilt seit diesem Jahr auch für Studentinnen. Wer erwerbstätig ist – auch in geringfügig entlohnten Beschäftigungen – , hat daher sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt Anspruch auf Mutterschaftsgeld von der Krankenkasse.

Unterstützung an den Hochschulen

  • Die 58 Studentenwerke betreuen deutschlandweit 8.800 Kinder ab der achten Woche. In den Mensen der Studentenwerke ist das Essen für Kinder bis sechs Jahre kostenlos.
  • Mit dem Audit-Zertifikat "Familiengerechte Hochschule" verpflichten sich Unis und Fachhochschulen dazu, die Vereinbarkeit von Familie und Studium zu verbessern.

Variante 2: Zwischen Studium und Berufseinstieg

Kinder kriegen zwischen Studium und BerufOft­ heißt es, die Lücke zwischen Studium und Berufseinstieg zu nutzen, um Kinder zu bekommen, sei für die anschließende Jobsuche riskant. Quatsch, findet Antonia (Namen von der Redaktion geändert). Die 29-Jährige hat Medizin studiert und die Zeit nach dem Staatsexamen für ihre Doktorarbeit und die Schwangerschaft­ genutzt. Mit ihrem Mann Tillmann und der vier Monate alten Amelie lebt sie in Bremen.

"Während des Studiums wurde mir immer gesagt: Wenn ich erst anfangen würde zu arbeiten, müsste ich aus karrieretechnischen Gründen bis 39 warten, bevor ich ein Kind bekomme. Das wollte ich nicht. Ich habe so viele Frauen gesehen, bei denen es mit Mitte vierzig dann zu spät war. Klar, finanziell lohnt es sich natürlich, schon vor dem ersten Kind zu arbeiten – wegen des Elterngeldes. Ich bekomme jetzt nur den Mindestsatz von 300 Euro, während Tillmann den Höchstsatz von 1.800 Euro bekommen wird, wenn er in Elternzeit geht.

Darüber, dass ich keinen Job finden könnte, mache ich mir keine Sorgen. Das liegt zum einen am Ärztemangel. Zum anderen ist es gerade in der Medizin leichter, wenn man beim Berufseinstieg schon ein Kind hat: Verheiratete junge Frauen ohne Kinder werden nicht so gern eingestellt – weil sie ja bald Kinder bekommen könnten und dann deutlich länger ausfallen. Ein größeres Problem als der Jobeinstieg ist bei uns daher die Suche nach einem Kita-Platz, davon gibt es in Bremen nicht genug."

Zwischen Studium und Berufseinstieg ist man flexibel, allerdings ist die Finanzierung schwieriger als während des Studiums: Das BAföG und die Angebote der Studentenwerke entfallen. Im Fall einer Bedür­ftigkeit hat man aber Anspruch auf Arbeitslosengeld II. Außerdem bleibt die Herausforderung, nach der Pause in eine ganz neue Situation einzusteigen.


InfoDie Biologische Uhr

Medizinisch gesehen soll das beste Alter zum Kinderkriegen für Frauen zwischen 20 und 35 liegen, manche Ärzte sagen aber, dass es schon mit 30 kritisch wird. Bei Männern liegt die Altersgrenze beim 40. Lebensjahr. Danach sinkt die Fruchtbarkeit, das Risiko für genetische Defekte steigt.


Variante 3: Nach längerer Zeit im Job

Kinder kriegen im JobErst in den Job starten, dann Eltern werden – mehr als ein Drittel der Studierenden in Deutschland wollen laut einer Umfrage ­ finanziell und karrieretechnisch abgesichert sein, bevor sie Kinder bekommen. Im festen Job gebe es aber auch Nachteile, sagt Marco (30). Seit zwei Jahren ist der Chemie- und Wirtschaftsingenieur fest angestellt als politischer Sekretär bei einer großen deutschen Gewerkschaft. Im November wird seine erste Tochter geboren.

"Ich hätte es viel charmanter gefunden, im Studium Vater zu werden, aber mein damaliger Freund war noch nicht so weit. Jetzt bin ich Single und habe eine Co-Parenting-Partnerin, mit der ich quasi auf freundschaftlicher Basis eine Familie gründe. Janna arbeitet übrigens in derselben Gewerkschaft wie ich. Ich glaube, den Alltag zu organisieren, ist schwieriger, wenn man arbeitet. Man hat feste Zeiten und Vorgesetzte, die alles durchgeplant haben wollen: Dass ich Vater werde, fand mein Arbeitgeber super – bis ich in Teilzeit gehen wollte.

Da sind dann Sätze gefallen wie 'Du kannst uns doch nicht wegen deiner privaten Situation unter Druck setzen'. Also habe ich innerhalb der Gewerkschaft die Stelle gewechselt. Janna und ich werden bald beide in Teilzeit gehen. Da wir in getrennten Haushalten leben, bekommen wir 900 Euro Elterngeld pro Person, also die Hälfte des Höchstsatzes, plus das halbe Gehalt – das sind für jeden 1.000 Euro weniger im Monat als jetzt. Aber das ist es de­finitiv wert. Genauso wie die Tatsache, dass wir in den nächsten Jahren innerhalb der Gewerkschaft nicht viel weiter aufsteigen werden."

Vorteil: Bei festen Verträgen haben Arbeitnehmer einen gesetzlichen Anspruch auf Elternzeit- und Elterngeld. Nachteil: Flexibilität und familiengerechte Bedingungen gibt es oft nur auf dem Papier. Bei befristeten Verträgen besteht kein Kündigungsschutz, für Selbstständige gelten ohnehin andere Bedingungen. Solange es also keine Garantie für eine Karriere in einer kinderfreundlichen Umgebung gibt, ist das Warten auf die vermeintlich sichere Lebensphase vielleicht doch nicht automatisch die beste Variante.


InfoEltern werden im Beruf

  • Von Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende der Elternzeit besteht ein gesetzlicher Kündigungsschutz.
     
  • Der Mutterschutz gilt sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt. Während dieser Zeit können erwerbstätige Frauen Mutterschaftsgeld von maximal 13 Euro pro Tag von der Krankenkasse erhalten.
     
  • Bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres des Kindes hat man in einer Festanstellung anrecht auf Elternzeit, das heißt: 1. unbezahlte Freistellung, 2. 12 bzw. 14 Monate Elterngeld (eine Lohnersatzleistung vom Jugendamt, die zwischen 300 und 1.800 Euro beträgt) und 3. Anspruch auf Teilzeitarbeit (bei Betrieben mit mehr als 15 Angestellten).
     
  • Befristete Arbeitsverträge werden bei Schwangerschaft oder Elternzeit nicht verlängert, sondern laufen zum vereinbarten Zeitpunkt aus.

Nachwuchs international

Fertility Day

Die Zahl der Studierenden mit Kind variiert in den europäischen Ländern: Während in Estland, Norwegen und Schweden rund 20 Prozent der Studierenden Eltern sind, sind es in Deutschland fünf, in Italien nur drei Prozent. Allen Ländern gemeinsam ist, dass Studierende mit Kind durchschnittlich älter sind als ihre kinderlosen Kommilitonen.

Der Trend, immer später und immer weniger Kinder zu bekommen, zeichnet sich in den meisten europäischen Staaten ab – nicht nur an den Hochschulen. Einige Länder versuchen daher, die Geburtenrate mit skurrilen Aktionen anzukurbeln: Italien rief dieses Jahr den 22. September zum landesweiten "Fertility Day" (siehe Foto) aus, im vergleichsweise schon kinderreichen Dänemark sorgte 2015 eine Werbekampagne nach dem Motto "Poppen für Dänemark" für 14 Prozent mehr Nachwuchs im Sommer 2016.

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