„Teach First“ ist derzeit in Großbritannien in aller Munde. Dabei zieht es Absolventen von Elite-Unis als Lehrer an die Schulen. Nun soll dieses Projekt auch in Deutschland zum Zuge kommen, initiiert von Kaija Landsberg.
Das Prinzip ist einfach: Die Besten der Besten sollen sich nach ihrem Uniabschluss nicht in die Wirtschaft verdrücken und das große Geld suchen, sondern sich für zwei Jahre in den Dienst der Gesellschaft stellen und damit ihren Dank für ihre gute Ausbildung zum Ausdruck bringen. Danach winken den Lehrern auf Zeit gute Jobs in den renommiertesten Unternehmen des Landes.
Das ist zumindest der Plan. Der Plan von Kaija Landsberg.
Die Absolventin der Hertie School of Governance in Berlin will sich zusammen mit einigen Kommilitonen für die Verbesserung des deutschen Bildungssystems stark machen. „Uns geht es darum, die fehlende soziale Aufwärtsmobilität umzudrehen. Viele reden über die Probleme in unseren Schulen, aber irgendwie haben wir das Gefühl, dass keiner etwas unternimmt. Das wollen wir ändern“, so die 28-Jährige.
Sie verfolgt große Ziele, wenn sie vom „Wandel in den Köpfen“ und vom „Anstoßen einer gesellschaftlichen Bewegung“ spricht. Die ersten Sondierungsgespräche mit Landesregierungen und Unternehmen wurden bereits geführt, im Mai soll eine groß angelegte Informationskampagne an den Hochschulen gestartet werden, um die potentiellen „Teach-First“-Lehrer auf die Initiative aufmerksam zu machen. Eine gewisse Zustimmung unter den Studenten will man bereits in einer eigens durchgeführten Befragung erfahren haben: 75 Prozent der 650 Teilnehmer können sich laut Landsberg grundsätzlich vorstellen, das „Teach-First“-Programm als erste Berufsstation ins Auge zu fassen.
Doch ganz so einfach dürfte das nicht werden. In Deutschland ist der Zugang zum Lehrerberuf klar geregelt: Auf eine akademische Ausbildung an einer Hochschule mit dem ersten Staatsexamen als Abschluss folgt der Vorbereitungsdienst, das Referendariat, zum zweiten Staatsexamen. Nicht alle Bundesländer geben derzeit auch Seiteneinsteigern ohne Lehramtsstudium die Möglichkeit, als Lehrer tätig zu sein. „Es wird eine Herausforderung werden, Menschen in die Schulen zu bringen, die keine klassische Lehrerausbildung haben“, das weiß auch Kaija Landsberg.
Gerade diesen Aspekt beurteilt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, kurz GEW, besonders kritisch. „Lehrer müssen heute nicht in erster Linie Fachwissenschaftler sein, sondern Experten für Unterrichten, Erziehen, Beurteilen, Integrieren und Fördern“, so Rose-Marie Seggelke, Vorsitzende der GEW Berlin. Der Idee von „Teach First“ kann Seggelke nichts abgewinnen. „Die Initiative geht leider wieder von der Stammtischparole ‚Unterrichten kann doch jeder – wir waren doch alle mal in der Schule’ aus. Kein Mensch käme auf die Idee, eine Initiative ‚First check up’ ins Leben zu rufen, um dem akuten Ärztemangel zu begegnen.“
Dr. Ludwig Eckinger sieht in „Teach First“ hingegen „ein nachahmenswertes Beispiel für Zivilcourage“. Der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung warnt aber davor, die Idee als Rettung zu betrachten. „Man wird nicht automatisch durch irgendeinen exzellenten Abschluss zu einem exzellenten Pädagogen. Für Brennpunktschulen ist pädagogische Exzellenz aber ganz besonders wichtig“, sagt Eckinger. Wo selbst Profis scheitern können, seien Laien noch gefährdeter, führt er weiter aus.
Der pädagogischen Vorbereitung auf den Einsatz in den Schulen, räumt Kaija Landsberg deshalb einen besonders hohen Stellenwert ein. Nach einem intensiven mehrwöchigen Training werden die Lehrer auch weiterhin an ihren Arbeitsplätzen betreut und berufsbegleitend fortgebildet. „Wir werden die Lehrer nicht allein im Klassenzimmer lassen“ versichert Landsberg. Ob die Initiative in Deutschland wirklich Schule macht, wird sich zeigen. In den USA und in Großbritannien laufen die Programme seit Jahren erfolgreich. Die Bewerberzahlen übersteigen bei Weitem die vorhandenen Plätze, „Teach First“ zählt in beiden Ländern mittlerweile zu den beliebtesten Arbeitgebern. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer bleiben nach den zwei Jahren an den Schulen, lediglich zehn Prozent brechen das Programm vorzeitig ab.
Zahlreiche Ehemalige des Programms setzen sich in ihren jetzigen Positionen auch weiterhin für „Teach First“ ein, viele Schüler aus den Problemschulen sind inzwischen Absolventen bekannter Elite-Universitäten und teilweise auch Nachfolger ihrer „Aushilfslehrer“. Auf solche kurz- und langfristigen Effekte hofft Kaija Landsberg auch für Deutschland.