"Teach First" Initiatorin Kaija Landsberg im Interview
Was ist "Teach First Deutschland"
Das ist eine Initiative, die auf amerikanische und britische Vorbilder beruht. Es geht um den Einsatz für Schüler in sozialen Brennpunkten und darum, eine gesellschaftliche Bewegung anzustoßen, in dem die Lehrer, die für zwei Jahre an den Schulen unterrichtet haben, sich aus ihren späteren Funktionen heraus auch nach dem Programm für das Bildungssystem engagieren.
Was wollen Sie mit diesem Programm erreichen? Unsere Kernmotivation ist es, die fehlende soziale Aufwärtsmobilität umzudrehen und einen Wandel in den Köpfen zu erreichen.
Kann so ein Programm, das in den USA und in Großbritannien Erfolg hat, auch in Deutschland funktionieren? Im Prinzip ja. Sicherlich sind das Schulsystem und die Lehrerausbildung nicht miteinander zu vergleichen. Man muss das Programm auf die deutschen Verhältnisse anpassen. Es wird eine Herausforderung werden, Menschen in die Schulen zu bringen, die keine klassische Lehrerausbildung haben.
Warum sollten gut ausgebildete Hochschulabsolventen für zwei Jahre an Problemschulen unterrichten? Zum einen haben sie mit "Teach First" die Möglichkeit etwas zurückzugeben von den Privilegien der eigenen Bildung. Zum anderen ist es eine Bereicherung und Aufwertung für den Lebenslauf.
Welcher Absolvent würde in das Programm aufgenommen werden? Wichtig sind große Empathiefähigkeit, Toleranz und Kommunikationsfähigkeit. Ein "Teach First"-Lehrer muss in der Lage sein, sich selbst und vor allem andere zu motivieren und darüber hinaus enorm belastbar sein. Natürlich auch sehr gute Leistungen und vorheriges Engagement wichtig.
Ehrenamtlich soll dieses Einsatz nicht sein: Wer wird die neuen Lehrer bezahlen? Nach unseren Vorstellungen sollen die Gehälter von den Ländern übernommen werden, wie bei den anderen Lehrern auch. Die Programmkosten wollen wir durch Spendengelder auffangen. Die ersten Unternehmen haben sich schon sehr interessiert gezeigt.
Die meisten Absolventen werden noch nicht wirklich viel mit Pädagogik in Berührung gekommen sein und nach dem Studium geht es direkt ins Klassenzimmer und noch dazu in eine Problemschule. Haben Sie keine Angst, diese Lehrer damit zu überfordern? Wir schicken sie ja nicht direkt in die Schulklasse. Alle Teilnehmer des Programms müssen ein intensives Training absolvieren. Und auch später sollen sie gut betreut werden. Wir werden die Lehrer nicht allein im Klassenzimmer lassen.
In Deutschland ist der Zugang zum Lehrerberuf relativ strikt geregelt. Wie kann das Programm hier durchgeführt werden? Es gibt schon seit geraumer Zeit Gespräche mit den Ländern. Eins muss von Anfang an klar sein: Die "Teach First"-Lehrer werden keine regulären Lehrer sein. Eine Option wäre vielleicht durchzusetzen, dass die Teilnehmer nach den zwei Jahren einen Master of Education machen und so doch noch den Lehrerstatus erlangen.
Sind "Teach-First"-Lehrer besser als "normale" Lehrer? Sie sind keineswegs besser. Sie bringen einfach frischen Wind und neue Impulse in die Schulen. Anhand einer anderen Studienstruktur haben sie einen ganz anderen Erfahrungshintergrund.
Spricht man mit diesem Programm den derzeitigen Lehren nicht die Kompetenz ab? Wir sehen die "Teach First"-Lehrer als Verstärkung und Ergänzung. Die Lehrer brauchen Unterstützung, sie sollen nicht ausgetauscht werden.
Fürchten Sie Missfallen seitens der "echten" Lehrer? Wir wollen diesen Effekt dadurch verhindern, indem wir es zur Bedingung machen, dass sich die Schulen um die Teach-First-Teilnahme bewerben. Damit setzen wir die Zustimmung des Lehrerkollegiums voraus.
"Teach First" auch bald in Deutschland? Den Artikel zum Interview mit Kaija Landsberg findet ihr hier.
Interview: Denise Haberger Foto: David Ausserhofer für die Hertie School of Governance
UNICUM, Januar 2008