Multiplikatorenschulung
Frederik Töpel (UNICUM Stiftung) führte durch die Multiplikatorenschulung | Foto: Michael Godehardt

Engagement an der Uni

08.11.2016

Flüchtlingsarbeit

5 Fehler in der Flüchtlingsarbeit

Helfen ist gut. Richtiges Helfen ist...

Diplom-Psychologe Sebastian Bartoschek erläutert, in welche Falle ehrenamtliche Flüchtlingshelfer bei ihrer Arbeit schnell tappen – und wie sie dort wieder rauskommen.

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16. Dez 2016

Ann-Christin Kieter

News

Multiplikatorenschulung für studentische Flüchtlingshelfer

-ARCHIV-

Von Hamburg bis Landshut und von Bonn bis Halle

15 Studierende und rund zehn studentische Initiativen mehr – die UNICUM Stiftung freute sich über ein noch bunteres Teilnehmerfeld als bei der Premiere im letzten Jahr. Während 2015 noch fast 70 Prozent aus Nordrhein-Westfalen kamen, zeigte sich bei der Vorstellungsrunde zu Beginn, dass diesmal deutlich mehr Teilnehmer eine längere Anreise auf sich genommen haben, zum Beispiel aus Bayern, Berlin und Thüringen. Das hatte sicher auch mit der Förderung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zu tun, die unter anderem eine Übernachtungsmöglichkeit für Gäste außerhalb von NRW beinhaltete.

Musikalischer Auftakt durch Grönemeyer

Für ein bisschen Lokalpatriotismus war dennoch gesorgt. Manfred Baldschus, Gründer und Geschäftsführer der UNICUM Stiftung, spielte zum Auftakt den Song "Roter Mond" von Herbert Grönemeyer ab – der Sänger ist bekanntermaßen Bochumer. "Über mir sein Licht. Über mir ich entweich‘ ihm nicht. Monate, Jahre verfahren in der endlosen Pflicht. Stürmen getrotzt, salziger Stolz hart verkehrt, versehrter Verzicht." – treffende Worte, um in das Thema "Flucht" einzuleiten.

Strukturen, Partner und Netzwerke in der Flüchtlingsarbeit

Maria Bongers

Den ersten Teil des Vortragsprogramms übernahm dann Maria Bongers. Die Diplom-Sozialarbeiterin des Sozialdienstes katholischer Frauen Recklinghausen e. V. machte den Teilnehmer deutlich, dass es ganz normal sei, bei der Arbeit regelmäßig auf Widerstände zu stoßen, vor allem in der Zusammenarbeit mit Behörden. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass vor allem im administrativen Bereich persönliche Kontakte unerlässlich sind. Sie erzählte von Fällen, in denen sie deutlich schneller weiterkam, weil sie mit den Mitarbeitern der Sozial- oder Jugendämter schon länger zusammenarbeitet.

Auch ehrenamtliche Helfer müssten sich daher ständig vernetzen. Politische Kontakte seien vor allem dann hilfreich, wenn man Schwachstellen aufzeigen wolle. Man solle nur vorsichtig sein, sich nicht instrumentalisieren zu lassen. Auch Kooperationen im medizinischen Bereich seien von Vorteil. Maria Bongers riet nur dringend: "Niemals auf Gefälligkeitsatteste für Geflüchtete einlassen! Diese fliegen irgendwann immer auf!"

Darüber hinaus gab es von der erfahrenen Diplom-Sozialarbeiterin noch Inspiration für mögliche Flüchtlingsprojekte, die sich auch im ehrenamtlichen Bereich gut umsetzen lassen, wie Deutschunterricht, Sportkurse, Kleiderkammern, schwarze Bretter oder auch Wohnfähigkeitskurse. Nicht selten bereiteten nämlich die einfachsten Dinge, wie Mülltrennung, die größten Probleme. 

Gudrun Galster

Asyl- und Ausländerrecht

Die wenigsten Teilnehmer studieren selbst soziale Arbeit. Stattdessen waren angehende Wirtschaftsinformatiker, Lehrer oder auch Juristen dabei. Für letztere war der zweite Vortrag des Tages sicherlich besonders spannend. Gudrun Galster berichtete aus ihrem Alltag als Fachanwältin für Ausländerrecht und erkläre unter anderem den Ablauf eines Asylantrags. Zu zwei Schlagwörtern gab es besonders großen Gesprächsbedarf:  "Dublin 3", die Verordnung, die die Aufnahme der Flüchtlinge in Europa regelt, und "Kirchenasyl", die aufwändige und illegale Möglichkeit einer Kirchengemeinde, einen Flüchtling vor der bevorstehenden Abschiebung zu bewahren.

Vor allem die Vertreter der Refugee Law Clinics in Bochum und Göttingen (kostenlose Rechtberatung von Studierenden für Flüchtlinge) nahmen das Angebot der Referentin an, noch in der Pause nach dem Vortrag Antworten auf die wichtigsten Fragen zu geben. Auch zum komplizierten Thema "Familienzusammenführung" gab es noch ausführlichen Gesprächsbedarf. 

Selbstschutz, Selbsthilfe und Ausgleich

Im Nachmittagsprogramm rückten die ehrenamtlichen Helfer selbst in den Fokus. Diplom-Psychologe Dr. Sebastian Bartoschek legte ihnen in seinem Vortrag zum Thema Selbstschutz dringend ans Herz, "keine Rambos" zu werden, sondern auf die eigenen Bedürfnisse zu hören. Wer keine Psychohygiene betreibe, also präventive Maßnahmen zum seelischen Gesundheitsschutz wahrnehme, riskiere einen Burnout, den man an den drei Phasen "Übertriebener Einsatz", "Stillstand" und "Leere und Erschöpfung" erkenne.

Belastungen könne man antizipieren, in dem man sich eine klare Zeitstruktur schaffe und beispielsweise nicht rund um die Uhr erreichbar sei. Außerdem müsse man seine Rolle klar abstecken und sich fragen, was man kann und was eher nicht. Über Traumata zu reden sei für beiden Seiten, Flüchtling und Helfer, eine Sache, die mehr schadet als hilft. Der Diplom- Psychologe riet zudem, sich bei der Arbeit Grenzen zu setzen und diese rote Linie einzuhalten, also beispielsweise nicht ausnahmsweise mal die Aufgaben der Kollegen mitzuerledigen.  Ein regelmäßiger Austausch und eine Reflexion im Team sei hingegen sehr förderlich.

Umgang mit emotional belastenden Erlebnissen

Sebastian Bartoschek und Ayse Balyemez

Für den letzten Programmpunkt des Tages kam Dipl-Sozialpädagogin Ayşe Balyemez von PLANB Ruhr e.V hinzu. Statt eines weiteren Referates gab es nun eine von ihr und von Dr. Sebastian Bartoschek moderierte Gesprächsrunde, in der die Teilnehmer über ihre emotional belastenden Erfahrungen aus der Praxis sprechen und konkrete Handlungsempfehlungen geben lassen konnten. Eine Studentin erzählte beispielsweise von einer Situation, in der die Stimmung in einem harmlosen Small Talk über das Wetter mit einer Geflüchteten plötzlich in Trauer ("In meiner Heimat war es viel wärmer") und Anschuldigungen ("Ihr Deutschen seid so kalt im Herzen") umschlug. In dem Gesprächskreis bestätigte sich auch die zuvor von Dr. Sebastian Bartoschek aufgestellte These, dass es vor allem zwei Dinge sind, die bei der Flüchtlingsarbeit besonders überfordern: Situationen, für die es keinen Vergleich aus dem eigenen Erfahrungshorizont gibt. Und Situationen, die sehr ähnlich zum eigenen Leben sind.  


Link-Tipp

Mit ihrem Online-Verzeichnis über studentische Flüchtlingshilfe-Initiativen in Deutschland führt die UNICUM Stiftung den Gedanken von Austausch und Vernetzung digital weiter. Gleichzeitig soll es die öffentliche Sichtbarkeit und Wertschätzung der Projekte stärken. Finanziert wurde das Verzeichnis mit Fördermitteln des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Beteiligt euch gerne mit einer Kurz-Vorstellung eurer Flüchtlingsarbeit und aktuellen Kontaktdaten! www.studentische-fluechtlingshilfe.de

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