Campus-Unternehmer-Eltern
Stress gibt's für die Campus-Unternehmer-Eltern schon zum Frühstück | Foto: Thinkstock/Todd Arena
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01. Mai 2015

Janna Degener-Storr

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Campus-Unternehmer-Eltern: Belastung hoch 4

-ARCHIV-

UNICUM stellt zwei Paare vor, die sich der großen Herausforderung stellen

Die "Fahrradjäger" Martin und Steffi

Martin Jäger fährt gern Rennrad, aber während seines Biologie-Studiums an der Uni Rostock wurden ihm fünf Fahrräder geklaut und die Polizei konnte nicht einmal weiterhelfen. Daher gründete er mit seiner Freundin Steffi Wulff "die Fahrradjäger".

Auf www.fahrradjaeger.de kann man sein Fahrrad mit Foto, Rahmennummer und einer äußerlichen Beschreibung kostenlos registrieren. Ein Sicherheitsaufkleber mit individuellem QR-Code wirkt abschreckend auf Diebe und erleichtert die Identifizierung. Wenn ein Rad gestohlen wurde, gibt es der Eigentümer zur öffentlichen Jagd frei. Ungefähr 6.000 Räder sind derzeit registriert, etwa die Hälfte davon ist gestohlen. 200-mal waren die Fahrradjäger schon erfolgreich. Nur Geld verdienen Martin und Steffi noch nicht, aber das soll sich bald ändern. Schließlich wollen sie ihrem zweijährigen Sohn etwas bieten.

Zwei Wochen nach Steffis Masterprüfung im Fach Biologie und ein Jahr vor Martins Abschluss – die Fahrradjäger waren gerade gegründet – kam der kleine Malte auf die Welt. Martin studierte weiter. Und Steffi nahm ein Jahr Elternzeit, die sie voll und ganz in das Unternehmen stecken wollte. Aber nach der Geburt hatte sie erstmal gar keinen Kopf dafür: Wenn das Baby abends schlief und Steffi noch genug Kraft hatte, setzte sie sich an den Schreibtisch, um den Nutzern bei Problemen zu helfen oder Presseanfragen zu beantworten. So richtig voran kam das Projekt nicht.

Um einen klaren Kopf zu bekommen, nahmen Martin und Steffi sich zusammen ein halbes Jahr Auszeit, um mit Malte durch Neuseeland zu reisen. Dort beschlossen sie, mit den Fahrradjägern nochmal richtig durchzustarten.

Momentan arbeiten sie an einem intelligenten Bluetooth-Diebstahlschutzsystem, das sie "InsecT" nennen und bis Ende des Jahres zur Marktreife führen möchten.

Luisa und Mathias: Hilfe für Campus-Eltern

Luisa und Mathias Todisco waren mit Studium und Arbeit völlig ausgelastet und wären nie auf die Idee gekommen, ein Business zu gründen oder ein Kind zu bekommen. Luisa hatte gerade ihr Wirtschaftskommunikations-Studium an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin begonnen. Mathias arbeitete in Vollzeit als Buchhalter. Doch dann war Luisa plötzlich schwanger. Und damit kam auch der Impuls für das Unternehmen wie von selbst.

Luisa begann nach der Geburt von Alessio, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren: Sie unterbrach das Studium für ein Jahr und lernte danach andere Campus-Eltern kennen. Gemeinsam mit ihnen gründete sie eine Initiative, um die Interessen der studentischen Eltern gegenüber der Hochschulleitung zu vertreten, dann wurde sie Frauenbeauftragte und schließlich begann sie, als Gutachterin für Studienakkreditierung zu arbeiten.

Die Aufwandsentschädigungen für diese Ehrenämter sind höher als das Gehalt, das sie zuvor durch ihre Nebenjobs bekommen hatte. Und sie sind leichter mit Studium und Kind zu vereinbaren, denn Luisa kann sich ihre Zeit frei einteilen. Weil alles so gut läuft, hat jetzt auch Mathias seinen Job geschmissen und ein Wirtschaftsinformatik-Studium begonnen.

Vor zwei Jahren kam das zweite Kind, Nevio. Im Sommer geht die Familie für ein Auslandssemester nach Indonesien. Die ganzen spannenden Herausforderungen und Glücksmomente verhalfen zu Luisas Business: Sie betreibt nämlich ein Blog (Berlin2Bali.com).

Außerdem ist gerade ihr erstes Buch zum Thema "Studieren mit Kind" erschienen. Wenn das gut läuft, wird ein Buch zum Thema "Auslandssemester mit Kind" folgen. In Zukunft möchten Luisa und Mathias noch weitere Produkte (wie zum Beispiel Workshops, Coachings, Online-Kurse) entwickeln.

3 Fragen an die Campus-Unternehmer-Eltern

UNICUM: Warum habt ihr euch so viele Projekte gleichzeitig angetan?
Steffi & Martin: Das mit dem Unternehmen hat sich einfach ergeben. Das Kind wollten wir sowieso und als das vom Timing her so gut passte, haben wir die Chance genutzt. Und das halbe Jahr in Neuseeland war unsere Möglichkeit, uns in Zeiten der permanenten Überlastung den Kopf freizuschaufeln und zu überlegen, ob wir die Selbstständigkeit wirklich durchziehen wollen.

Luisa & Mathias: Wir waren geschockt, als sich das erste Kind ankündigte. Dann haben wir aber gemerkt, dass sich Kinder gut mit einem Studium vereinbaren lassen. Wenn wir noch Vollzeit in unseren alten Jobs arbeiten würden, müssten wir die Kinder morgens um 8 Uhr zur Kita bringen und könnten sie dann abends wieder abholen. Und wir hätten nur sechs Wochen Urlaub im Jahr. Im Studium ist das anders, zumal wir keine Anwesenheitspflicht haben. Auch wenn ein Kind krank ist, können wir einfach zuhausebleiben – ohne Angst, unseren Job zu verlieren. Wenn wir die Leistungen in den Prüfungen bringen, ist das alles kein Problem. Ins Ausland wollten wir auch schon immer und weil unser Großer dieses Jahr in die Schule kommt, ist das die letzte Möglichkeit.

Wie kriegt ihr alles unter einen Hut?
Steffi & Martin: Wir hatten vorher unterschätzt, wie viel Zeit und Energie das Unternehmen und das Kind kosten würden. Trotzdem klappt es insgesamt ganz gut: Anders als viele Arbeitnehmer können wir uns unsere Arbeitszeiten selbst einteilen. Wir brauchen keinen Krankenschein, wenn einer sich einen Virus einfängt. Und wenn bei der Tagesmutter irgendwas los ist, können wir einfach mal schnell hinfahren. Andererseits haben wir als Unternehmer natürlich nicht die Sicherheit, dass am Ende des Monats Geld aufs Konto kommt.

Luisa & Mathias: Das Studium war gefühlt nicht einfacher, als wir noch kein Kind hatten. Luisa hat ihre Zeit weniger produktiv genutzt, sondern wild drauflos gearbeitet, um die Finanzen zu sichern. Durch das Kind musste sie Prioritäten setzen und hat deshalb angefangen, sich auf Dinge zu konzentrieren, die sie wirklich interessieren und sich gut miteinander vereinbaren lassen. Dadurch wurde unser Leben individueller, freier und selbstbestimmter – und es kam uns sogar leichter vor! Wenig Zeit zu haben, ist nicht das Schlechteste. Es hilft auch, weniger Zeit zu verschwenden.

Würdet ihr die Kombi weiterempfehlen?
Steffi & Martin: Nein. Wir würden empfehlen, erstmal das Studium zu Ende zu bringen und dann Gründung und Nachwuchs anzugehen oder während des Studiums zu gründen und später ein Kind zu bekommen. Es spricht vieles dafür, in der Studentenzeit zu gründen, weil der Lebensunterhalt dann noch gesichert ist und man Kontakt zu vielen Leuten hat, die vielleicht mitmachen möchten. Andererseits hat's bei uns ja auch geklappt ...

Luisa & Mathias: Auf jeden Fall, für uns ist es das beste Modell und wir würden es jederzeit wieder machen. Vor allem, wenn beide Elternteile studieren, weil sie dann flexibel sind. Dafür ist aber eine Voraussetzung, dass beide sich verantwortlich fühlen und zuhause bleiben, wenn es nötig ist.

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