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17. Dez 2011

Heike Kruse

Archiv

Cosplay, Mangas, Animes: Forschungsfeld Japanische Popkultur

-ARCHIV-

Düsseldorfer Studierende untersuchen japanische Popkultur-Trends

Der Japan-Boom

Japan setzt immer häufiger neue Trends unter Jugendlichen: Zahlreiche Veranstaltungen und Produkte zeugen von dessen enormen Einfluss. Cosplay, Mangas und Animes sind mittlerweile sehr beliebte Genres und Trends der japanischen Kultur in Deutschland. Besonders Animes faszinieren eine Vielzahl von Fernsehzuschauern. Sailor Moon, Pokemon und Dragon Ball sind jahrelang erfolgreich über die Bildschirme geflimmert.

Aber auch der Japan-Tag in Düsseldorf ist seit 2002 zu einer festen Instanz im Terminkalender geworden, der aktuell rund 700.000 Besucher anlockte. Im Dortmunder U lief die entsprechende Ausstellung "Proto Anime Cut". Und der Hartware MedienKunstVerein (HMKV) zeigte sechs ausgewählte japanische Künstler, die mit ihrem Talent den Anime-Stil maßgeblich geprägt haben.

Da ist es nicht verwunderlich, dass sich auch Studenten zunehmend mit den Trends aus Fernost auseinandersetzen. So auch an der Heinrich-Heine Universität in Düsseldorf. Das Buch "Japan Pop Revolution. Neue Trends der japanischen Gesellschaft reflektiert in der Popkultur" wirft einen Blick auf Japan abseits der Klischees: modern, technologisiert, stets Disziplin wahrend.

In den insgesamt neun Forschungsarbeiten geht es vielmehr um gesellschaftliche Strömungen und ihre Wirkung auf die japanische Populärkultur: Wie nehmen diese Einfluss auf die Populärkultur? Wie reagiert man in Japan auf das Zusammenleben mit kulturell-ethnischen Minderheiten? Gibt es Geschlechteridentität überhaupt noch? Dabei wird von vorneherein klargestellt, dass "sich die japanische Populärkultur eine große Vielfalt ermöglicht und sich immer häufiger über bestehende Stereotype hinwegsetzt".

Märchen im Anime

Aschenputtel, Cinderella, Schneeweißchen und Rosenrot sind bei uns bekannte Märchenfiguren. Inwieweit Prinzessinnen und auch Prinzen in der Mangaserie "Shōjo Kakumei Utena" eine Rolle spielen, hat Melissa Sohlich in ihrer Arbeit untersucht. Schwertkämpfe, Internatsleben und eine "Rosenbraut" bestimmen die Geschichte rund um die Protagonistin, das Mädchen Utena, das lieber selbst ein Prinz werden möchte, anstatt auf diesen zu warten.

"Kurz vor Ende des Manga gibt es eine kurze Szene, in der Anthy wie Schneewittchen mit langen, offenen Haaren in einem gläsernen Sarg ruht. Befreit wird sie von Utena, die an dieser Stelle schon längst beschlossen hat, dass sie zu Anthys Prinz werden möchte."

An einigen Stellen fehlt aber gerade der typologische Vergleich Utenas mit der Märchenfigur des Prinzen. Dies hätte man noch etwas deutlicher machen können. Dessen ungeachtet ist es für eine Seminararbeit erstaunlich fesselnd geschrieben, ohne den Blick auf das Wesentliche zu verlieren.

Videospiel über soziale Isolation

"Betrachtet man die bedrückende Geräuschkulisse und die Beengtheit des Tunnels, so wird klar, dass mit dem Design dieser Szene ein Gefühl der Klaustrophobie hervorgerufen werden soll. Zudem ist das Hinkriechen auf den Ausgang auch ein unangenehmes oder zumindest unsicheres Moment, …"

Beängstigend ist das Thema, mit dem sich Kathrin Hülsmann beschäftigt: dem Hikkikomori-Phänomen im Videospiel "Silent Hill 4". Hikikomori, für die, die es nicht wissen sollten, sind Menschen, die sich sozial komplett isolieren und sich dafür in ihre Wohnung oder sogar Zimmer einschließen. Dies findet sich in dem Videospiel "Silent Hill 4: The Room" wieder.

Der Spieler als Henry Townsend ist scheinbar im Appartementraum von Walter Sullivan, dem fiesen Gegenspieler, eingeschlossen. Der wurde damals von seiner Mutter dort zurückgelassen und will durch das Ritual "21 Sacraments" - dabei sind natürlich Morde nötig - Einlass in das Appartement erhalten. Dies gilt es zu verhindern. Als Leser bekommt man durch die Arbeit ein Gefühl dafür, wie sich der Spieler beim Kampf gegen Monster und Geister fühlen muss. Allgemein überzeugt die Arbeit durch ihre bemerkenswerten, präzisen Aussagen.

Afroamerikaner in Japan

Einem im wahrsten Sinne des Wortes "exotischen" Thema widmet sich Adam Jambor. Die Sicht auf schwarze Männer in der japanischen Kultur stellt Adam für den Roman "Bedtimes Eyes" und den Film "Blues Harp" vor. Der Roman "Bedtimes Eyes" handelt von einer zerstörerischen Beziehung zwischen der Japanerin Kim und dem afroamerikanischen GI Spoon. Entgegen der in Japan vertretenen Meinung, dies sei unpassend, wird Spoons Hautfarbe mit "schwarzer Schokolade" verglichen und seine Flüche als Musik bezeichnet. Tragisch geht die Geschichte allerdings trotzdem aus: "… und Kim damit klar macht, dass er nicht so dumm war, wie sie sich ihn vorstellte, begreift Kim, dass sie ihn nicht richtig kannte und beginnt zu weinen."

Im Film "Blues Harp" findet wiederum die "Andersartigkeit" der Hauptfigur Chūji  kaum Erwähnung. Vielmehr sucht Chūji einen Ausweg aus dem Yakuza-Clan, um professionell Musik machen zu können. Ständig stolpert man als Leser im Text  über das Wort "ich", das in einer wissenschaftlichen Arbeit nichts zu suchen hat. Dennoch liefert die Arbeit einen eindrucksvollen Einblick in die Stereotypisierung schwarzer Männer in der japanischen Kultur.

Fazit

Anschaulich, nie langweilig wird in dem Buch "Japan Pop Revolution" die japanische Populärkultur erschlossen. Wer sich nicht nur oberflächlich mit Mangas, Animes und Videospielen beschäftigen möchte, hat hier die Gelegenheit, Einblick in ein aktuelles  Forschungsthema zu bekommen: die Differenz in der japanischen Kultur.


UNICUM Buchtipp

Michiko Mae und Elisabeth Scherer (Hrsg.)

Japan Pop Revolution. Neue Trends der japanischen Gesellschaft reflektiert in der Popkultur

Düsseldorf University Press, 2011

196 Seiten

14,80 Euro

Artikel-Bewertung:

3.05 von 5 Sternen bei 117 Bewertungen.

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