Autorenbild

12. Mai 2014

Christina Scholten

Archiv

Ein Mathematik-Student und die Kunst des Kampfes

-ARCHIV-

Interview mit Mixed Martial Arts-Sportler Adrian Ruf

Eine Sportart mit Ursprung in der Antike

Menschen, die stöhnend aufeinander liegen, müssen nicht zwangsläufig gerade Liebe machen. Denn das hier ist Bodenkampf – und das ist gar nicht sexy, dafür ein gutes Training für Wettkämpfe der Sportart Mixed Martial Arts. Deshalb kleben an einem kalten Januartag in Berlin-Wedding kleine Menschenkugeln aus je zwei Personen auf den Turnmatten, um die kriegerischen Künste zu lernen. Daneben steht Adrian Ruf. Der 21-jährige Mathestudent der FU Berlin macht heute ausnahmsweise nicht beim Training mit, die Grippe hat ihn erwischt. Er muss sich schonen, denn für einen Wettkampf in der Disziplin MMA muss er fit sein. Kein Problem bei seinem Trainingspensum, mindestens vier Mal die Woche geht er los zum Training – wenn die Uni ihm die Zeit lässt, sogar noch öfter. Das Training heute ist das Brazilian Jiu Jitsu, eine Bodenart des japanischen Kampfsportes. "Das kann ich am besten, weil ich das mache, seitdem ich sechs Jahre alt bin," erzählt Adrian. Aber für MMA ist das nicht genug. Denn hier wird geboxt, getreten und gerungen, bis einer aufgibt. Ihren Anfang hat dieser Sport in der Antike, damals wurde es "Pankration" genannt. Zu den Zeiten war alles außer ins Auge zu stechen und Beißen erlaubt. Ganz so hart ist es heute nicht mehr, seitdem der Sport in den 70er-Jahren sein Comeback in den USA feierte. In Deutschland wird vor den Kämpfen ein strenges Reglement festgelegt, ausgetragen wird das ganze in einem Octagon, einem achteckigen, eingezäunten Käfig. Der dient nicht nur dazu, spektakulär auszusehen, sondern auch zum Schutz der Kämpfer – damit sie nicht aus dem Ring fallen.

Keine stumpfe Prügelei

Während des Kampfes braucht Adrian deshalb eine hohe Konzentration und eine sichere Technik, erzählt sein Trainer Frank Burczynski. Er ruft die Kämpfer deswegen gerade um sich zu einem Kreis zusammen. Der erfahrende Kampfsportler liegt mit dem Rücken auf dem Boden, auf ihm sitzt sein Kampfpartner. Mehrmals wiederholt er die Bewegung, bevor er sich aus der Angriffsposition des Gegners befreit. Denn manchmal zählt schon die kleinste Bewegung, um den Gegner zu besiegen, die für Außenstehende kaum wahrnehmbar sind.

Dass das ziemlich brutal aussieht, wenn auch noch am Boden zugeschlagen wird, gibt Frank zu. Aber das gehöre eben zur Sportart. Auch Adrian sieht das nicht so eng, noch nicht einmal blaue Flecken hole er sich. Privat hat sich der 1,80 m große Student sich das letzte Mal in der Grundschule geschlagen, dann hat seine Mutter ihn zum Kampfsport angemeldet – sein Vater war dagegen. Seitdem ist er ausgeglichen, sagt er.

Und Mixed Martial Arts ist auch nicht mit einer stumpfen Prügelei zu vergleichen, auch wenn es für manche so scheinen mag. In Wahrheit sei das Ganze ziemlich anspruchsvoll, erklärt der Mathematiker: "Es hat ganz viel mit Nachdenken zu tun. Nur die Techniken, die man schon wirklich häufig geübt hat, sind automatisiert." Auch Trainer Frank, der den MMA schon seit Anfängen in Deutschland in den 1980er-Jahren mitverfolgt und praktiziert, erklärt den Sport unter diesem Gesichtspunkten: "MMA ist extrem anspruchsvoll, weil es sich aus so vielen verschiedenen Sportarten zusammensetzt. Man muss strategisch vorgehen."

Viele Frauen trainieren mit

Trotzdem stand der Sport als Hinterhofkampfart lange in der Kritik. 2012 wollte die Bundesärztekammer sogar ein Verbot für die Fernsehübertragungen bewirken. Doch ihre Vorwürfe, dass der Kampf oftmals Todesfälle hervorrufen würde, mussten sie als "unwahr" zurücknehmen. Seitdem versuchen Event-Organisation wie "We Love MMA", den Sport in ein besseres Licht zu rücken – mit Erfolg.

Bis zu 1.000 Besucher zählte der Wettbewerb im November 2012, in dem auch Adrian angetreten ist und Erster unter den Federgewichten (61,6 bis 66 kg) geworden ist. Ein gemischtes Publikum saß dort auf den Tribünen, sportinteressierte Männer und ebenso Frauen. Und keine Schlägertypen, erzählt Lisa Schein, die Pressesprecherin der Veranstaltung.

Auch sonst werden einige Klischees schnell enttarnt, wenn man sich näher mit dem Sport befasst. So trainieren hier in Berlin-Wedding zum Beispiel auch viele Frauen mit. "Und die stehen den Männern in nichts nach", sagt Adrian.

Auch wer denkt, dass die durchtrainierten Kämpfer hier sich alle am liebsten von rohem Fleisch ernähren, um ihren Eiweißhaushalt zu berauschen, der irrt. Frank selbst ist seit Jahren Vegetarier, Adrian ist wie viele andere hier sogar Veganer – er verzichtet damit gänzlich auf tierische Produkte. Denn Käfighaltung lehnt er ab. Da steigt er lieber wieder selbst hinein.

Artikel-Bewertung:

3.18 von 5 Sternen bei 126 Bewertungen.