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27. Feb 2014

Barbara Kotzulla

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Full House: Vom Mathe-Studenten zum Online-Pokerprofi

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Traumberuf: Online-Pokerspieler – ein Profi verrät, wie's geht!

Erfolg beim Poker: Glück oder Talent?

UNICUM: Christian, du hast 2005/2006 während deiner Uni-Zeit mit dem Online-Poker angefangen. Als Student hattest du damals sicherlich nicht unendlich viel Geld – mit wie viel Starteinsatz hast du es zum Profi gebracht?
Christian Hüttenberger: Ich und auch die meisten anderen Leute, die ich kenne und die damit erfolgreich sind, haben tatsächlich ohne Einsatz angefangen. Online kann man beliebig hohe Blinds setzen: Von ein, zwei Cents bis zu 1.000 Dollar ist da alles möglich. Die Internetseite, auf der ich angefangen habe, hat allen Einsteigern 50 Dollar geschenkt. Damit hat man dann erst kleine Einsätze gespielt – und in zwei Wochen hatte man dann schon 100 Dollar. Irgendwann kommt man so in einen Bereich, in dem es sich finanziell lohnt.

Winkt wirklich das schnelle Geld?
Wenn jemand wirklich das Talent besitzt und sich ausreichend mit Strategien beschäftigt, kann es schon passieren, dass er innerhalb von wenigen Monaten auf eine gute Summe kommt. Das liegt aber oft daran, dass sehr viel Varianz im Spiel ist. Es ist keine Seltenheit, dass man zwei, drei Monate einen guten Run hat und mit verhältnismäßig wenig Einsatz auf einmal Tausende Dollar verdient. Das liegt aber nicht unbedingt daran, dass die Person gut spielt, sondern eher daran, dass sie über eine gewisse Zeit einfach Glück hatte. Ob ein Spieler wirklich gut ist, kann man erst sagen, wenn mehrere hunderttausend Hände gespielt sind. Und das kann ein Jahr, wenn nicht Jahre dauern.

Es gibt keine Ausbildung zum Pokerspieler. Wie hast du dir dein Wissen angeeignet?
Pokern lief bei mir anfangs nebenbei. In den ersten Wochen habe ich abends viel in Foren, zum Beispiel auf PokerStrategy gelesen und mir ein wenig die Strategien angeschaut. Später habe ich immer wieder Pausen vom Spielen gemacht und mit anderen diskutiert und mir die Hände von anderen Spielern angeguckt. Über die Jahre hinweg habe ich jede Woche bis zu zehn Stunden Theorie gemacht – aber nicht nur, weil ich mich weiterentwickeln wollte, sondern auch, weil es mir einfach Spaß gemacht hat. Wenn man ernsthaft einsteigen will, dann muss man sich zu Beginn den Grundstoff aneignen, danach kann man mit etwa fünf Stunden Theorie pro Woche auf dem Laufenden bleiben.

"Dagegen ist reales Pokern eintönig"

Was sollte man mitbringen, wenn man es im Online-Poker zum Profi bringen will?
Zum einen muss man Geduld mitbringen. Man muss klein anfangen und die Strategien lernen. Mittlerweile ist es recht schwierig, einfach so einzusteigen. Zum anderen muss man verlieren können. Es kommt vor, dass es manchmal nicht gut läuft oder dass man unverschuldet verliert. In solchen Fällen muss man einen kühlen Kopf bewahren. Und dann braucht es noch eine gewisse Begabung für Statistik und Mathematik: Man sollte sich schon gerne mit Wahrscheinlichkeiten auseinandersetzen.

Und man muss auch bereit sein, seinen Tag nach dem Pokern auszurichten ...
Die meisten Hobbyspieler kommen aus den USA, wo Poker einfach einen ganz anderen Stellenwert hat. Daran muss man sich orientieren. Meist habe in der Zeit von 22 Uhr bis 4 Uhr morgens gespielt. Dass sich dadurch mein Tagesablauf verschoben hat, kam mir ganz gelegen: Ich bin ein nachtaktiver Mensch.

Du konntest dann schlussendlich deinen Alltag als Mathestudent nicht mehr mit dem Online-Pokern vereinbaren und hast deswegen dein Studium beendet. Hast du das jemals bereut?
Nein, aber das liegt daran, dass das Studieren nie wirklich zu mir gepasst hat. Mir ist es nicht schwer gefallen, aber mein Studium ist mir einfach nicht nahe gegangen. Allerdings sieht mein Lebensplan nicht mehr so aus, als würde ich weiter pokern – nun stellt sich schon die Frage, was ich machen soll und da wäre ein offizieller Abschluss natürlich schon ganz schön.

Ist Pokern nicht mehr dein Traumberuf?
Bis vor einem halben Jahr habe ich das noch professionell gemacht, jetzt pokere ich nur ein bisschen nebenbei. Für eine gewisse Zeit war Online-Poker eine gute Sache und hat Spaß gemacht. Aber natürlich ist es auch ein ziemlich unsicherer Job. Wenn es einmal nicht gut läuft, fragt man sich zwangläufig: Liegt es an mir? An meinen Gegner? Was hat sich verändert? Mich hat das irgendwann zu sehr gestresst, deswegen will ich mich jetzt nach etwas Bodenständigem mit sicherem Gehalt umschauen; eventuell werde ich aber auch etwas selbstständig machen.

Hat dein Entschluss damit zu tun, dass sich die Online-Poker-Szene über die Jahre verändert hat?
Wenn man 2003, zu Beginn des großen Poker-Hypes, angefangen hat, konnte man ohne viel Talent einen guten Verdienst erwirtschaften. Mittlerweile ist es so, dass ich zu gut 50 Prozent immer gegen die gleichen Leute spiele. Das sind dann ebenfalls Profis und es ist so natürlich schwer, ein Plus zu machen – auch, weil die Pokerseiten-Betreiber ja ebenfalls einen Gewinn einfahren wollen.

Hast du dir nie überlegt, "live" bei einem realen Turnier mitzupokern?
Ich war zwar ein, zwei Mal im Casino, aber noch nie auf einem richtigen Turnier. Mir fehlt beim realen Poker ein wenig die Action, das war mir immer einen Tick zu langweilig. Online spielen Profis bis zu 20 Tische auf einmal: mit 20 Blättern ist immer etwas zu tun. Wenn man dieses Tempo gewohnt ist, dann ist reales Pokern mitunter etwas eintönig.

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