Gentrifizierung
Gentrifizierung - nicht nur ein Problem in Berlin | Foto: Thinkstock
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01. Apr 2014

Christina Scholten

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Gentrifizierung: Wohnen und weggewohnt werden

-ARCHIV-

Ein Interview mit dem Soziologen Andrej Holm zum Thema Gentrifizierung

Gentrifi...was?

UNICUM: In den letzten Jahren taucht der Begriff "Gentrifizierung" bzw. "Gentrification" immer wieder auf – in den Medien oder an Hauswänden in Berlin. Aber was genau ist das eigentlich?
Andrej Holm: "Gentrification" ist die Verdrängung von ärmeren Haushalten aus bestehenden Stadtteilen. Dieser Prozess wird angetrieben durch wohnungswirtschaftliche und bauliche Aufwertungsprozesse und ist oft begleitet von einem funktionalen Wandel, zum Beispiel in der Gewerbestruktur. Das verändert den öffentlichen Raum, so wie wir ihn kennen. Im Kern ist es aber ein Verdrängungsprozess.

Was bedeutet "Aufwertungsprozess?"
In wissenschaftlichen Studien wird Aufwertung in zweierlei Hinsicht beschrieben: Das ist zum einen eine baulich-physische Aufwertung, zum Beispiel wenn in heruntergekommenen Vierteln die Fassaden renoviert oder die Ausstattung der Wohnungen verbessert werden. Damit einher geht zum anderen eine immobilienwirtschaftliche Aufwertung. Einfach gesagt: die Grundstücks- und Mietpreise steigen. Das löst ökonomischen Druck auf die Mieter aus und führt in der Regel zur Verdrängung von denen, die wenig Geld haben. Denn die größten Aufwertungspotentiale für eine bauliche Erneuerung finden sich dort, wo es die schlechtesten Wohnungen gibt, in denen bisher die geringsten Preise gezahlt wurden.

"Der Umzug in ein anderes Gebiet ist oft mit einer starken Vereinzelung verbunden."

Warum ist das ein Problem? Können die Leute, die von der Aufwertung betroffen sind, nicht einfach in günstigere Stadtteile ziehen?
Das wurde lange so gehandhabt – und deshalb wurde über Gentrification nicht viel diskutiert. Das funktioniert aber nur, wenn diese Verdrängungsprozesse auf wenige Viertel in einer Stadt beschränkt bleiben, weil es dann noch Ausweichmöglichkeiten gibt. Doch ab dem Moment, in dem große Teile der Stadt davon betroffen sind, gibt es diese individuellen Kompensationsmöglichkeiten immer weniger. Wenn heute in Berlin Kreuzberg eine türkische Familie vor der Frage steht, wo sie hinziehen soll, weil sie ihre Miete nicht mehr zahlen kann, kann sie nicht einfach ins nächste Stadtviertel ziehen, weil dort auch schon aufgewertet wurde. Sie müssen sich entscheiden, ob sie im Westen oder Osten von Berlin in einen Stadtrand in eine Großsiedlung ziehen, weil die Wohnungen dort noch preiswert sind.

Aber das ist doch positiv, dass es da noch Möglichkeiten gibt.
Damit gehen aber weitere Probleme einher, nämlich die der sozialen Kosten. Wir haben in Studien festgestellt, dass gerade Haushalte mit geringem Einkommen in der Regel keine hohe Mobilität haben, sie besitzen kein Auto oder ein Monatsticket. Sie haben kein Geld dafür, weil sie eben keine Arbeit haben. Sie sind in einem höheren Maße auf Netzwerke und Wohnungen in ihren heimatlichen Quartieren angewiesen, als die beruflich Erfolgreichen. Wer arm ist, braucht Freunde, braucht den Laden, von dem er weiß, dass er da anschreiben kann oder die lokale Kenntnis, um zu wissen, wo man günstig einkaufen kann. Der Umzug in ein anderes Gebiet ist oft mit einer starken Vereinzelung verbunden.

Ist es nicht ein natürlicher Kreislauf, dass die Mietpreise höher werden?
Es wird uns immer eingeredet, dass wir eine Art Naturgesetz des Marktes haben. Doch schon wenn man das so sagt, wird klar, dass es keineswegs "natürlich" ist – sondern ein Prozess, der stark mit den ökonomischen und rechtlichen Machtstrukturen unserer Gesellschaft zusammen hängt. Das Ganze funktioniert nur, weil es Eigentum gibt und weil wir in einer Gesellschaft leben, in der wir alles als Geldwert ausdrücken. Doch der Gewinn, der aus diesen Auswertungsgebieten gezogen wird, ist viel größer als der Erneuerungsaufwand, der dort mit Material in die Häuser hinein gesteckt wird. Das ist das Problem.

Die verschobene Zweck-Mittel Relation

Die Sanierungen müssen doch aber irgendwann einmal sein?
Natürlich muss man etwas tun, aber es hat auch einen Grund, dass diese Viertel so herunter gekommen sind und es dort dringend nötig ist: Die Erneuerung des Baubestandes ist eigentlich eine Aufgabe, die die Eigentümer haben. Wir als deutsche Mieter bezahlen – das ist in den meisten Mietverträgen so geregelt – einen Anteil, der dafür bestimmt ist, die Gebäude zu erhalten. Eigentümer sparen sich häufig die Instandsetzungsarbeiten, gerade in den Vierteln, wo man nicht die höchsten Mieten von den ärmeren Leuten nehmen kann. Sie ziehen die Instandsetzung ab und sparen dementsprechend auch an den Sanierungen. Das hat ganz beschleunigt dazu geführt, dass die Viertel in diesen schlechten Zustand kommen.

Wem gehören die Häuser in der Regel?
Wir hatten in den Städten traditionell eine starke Einzeleigentümerstruktur. Das hat sich aber in den letzten 20 Jahren stark verändert, im Moment sprechen wir von einer Finanzialisierung der Immobilienwirtschaft. Große Finanzinvestoren, auch international, drängen in die Städte und betrachten Wohnungs- und Immobilienmärkte als Anlagesphäre. Das hat eine fatale Konsequenz, weil sich im Zuge dieser Finanzialisierung die Zweck-Mittel-Relation zwischen Bauwirtschaft und Finanzsektor umkehrt. Früher gab es den Bauherrn, der die Idee hatte: Ich bau ein Haus, will es vermieten und um das zu realisieren gehe ich zur Bank. Das Geld war das Mittel, um den Zweck des Bauens zu ermöglichen. Die heutigen Finanzinvestoren verfolgen ein anderes Konzept: ich habe Geld aus anderen Geschäften, die mir gerade zu risikoreich erscheinen, und will es anlegen, um eine gute Rendite erzielen. So wird der Hausbau ein Mittel zum Zweck des Geldverdienens.

"Ein Problem, das den sozialen Zusammenhalt in der ganzen Gesellschaft betrifft."

Abgesehen von den individuellen Problemen, welche Probleme ergeben sich für die Stadt?
Diejenigen, die wenig Geld haben, ziehen dorthin, wo es preiswerte Wohnungen gibt. Das heißt, wir haben die berühmten sozialräumlichen Polarisierungen, die durch die Konzentration von Ausgegrenzten und Ärmeren gekennzeichnet sind. Das sind die Gebiete, die als Problemgebiete identifiziert werden. Dort versucht man dann mit öffentlichen Geldern, die Nachbarschaft neu zu organisieren und dagegen zu  steuern. Das bedeutet, die Polarisierung und die starke Segregation sind unter anderem die Probleme, die sich ergeben.

Was bedeutet Segregation?
Das ist die Ungleichverteilung von Gruppen in der Stadt. Von sozialer Segregation sprechen wir, wenn sich in einem Stadtteil die Reichen konzentrieren und in einem anderen Teil die Armen.

Und das ist problematisch, weil...?
Die Viertel, in denen sich ärmere Haushalte konzentrieren, sind die Orte, an denen es viele Mängel gibt. Dort gibt es vielleicht die schlechtesten Schulen, die am schlechtesten gepflegten Grünanlagen, die Durchsetzungsfähigkeit der Bewohner auf einer lokalpolitischen Ebene eigene Interessen zu formulieren ist dort am wenigsten ausgeprägt – es sind Viertel, in denen die Qualitäten des Städtischen am geringsten ausgeprägt sind. Damit wird die Stadt zu einem Verstärker von sozialen und ökonomischen Ungerechtigkeiten. Diejenigen, die dort leben, haben nicht nur wenig Geld oder einen geringen Bildungsstatus, sondern werden jetzt damit auch noch konfrontiert, dass sie in einem Viertel leben, in dem maßgebliche Infrastrukturen nicht so gut ausgeprägt sind wie in anderen Teilen.

Zusätzlich ergibt sich das tiefergehende soziale Problem, dass "Stadt" eine lange Zeit der Ort war, in dem sich kulturelle, altersgruppenbezogene und soziale Unterschiede im Alltag begegnen und etwas gemeingesellschaftliches hervorbringen. Wenn man aber eine stark geteilte Stadt hat, fallen diese Räume der Begegnung weg. Und das ist auch ein Problem für die gutverdienenden Mittelschichten mit ihren bildungsbürgerlichen Ansprüchen: es wächst eine ganze Generation in diesen Gentrification-Gebieten auf, die nie Armut gesehen haben, die mit den Alltagsproblemen von anderen sozialen Gruppen nie in Berührung kommen. Das ist ein Problem, das den sozialen Zusammenhalt in der ganzen Gesellschaft betrifft.

Keine Harmonie in der Stadt?

Nun gibt es aber auch Leute, die sagen, dass es nichts durchgehend Schlechtes ist, wenn ihre Kinder in einem gut behüteten Stadtteil aufwachsen. Kann man dem etwas entgegen setzen?
Nein, aber es zeigt uns, dass es keine Harmonie in einer kapitalistisch entwickelten Stadt geben kann. Weil es soziale Gegensätze gibt, die aufeinander prallen und weil es viele Situationen in der Stadt gibt, wo es kein gemeinsames Optimum gibt. Das Bedürfnis der Mittelschichten in möglichst ungetrübten bildungsbürgerlichen Enklaven zu leben und so die Bildung ihrer Kinder zu sichern, lässt sich nicht mit Integrationswünschen von anderen gesellschaftlichen Trägern vereinbaren. Das prallt einfach aufeinander. Stadt ist eben fast immer ein umkämpfter Raum. Und Gentrification ist ein drastisches und plastisches Beispiel, das uns zeigt, dass in diesen städtischen Interessenkonflikten letztendlich die ökonomisch Starken und die politisch Durchsetzungsfähigen erfolgreicher sind. Das kann man bedauern, aber das kann man nicht inhärent auflösen. Da gibt es keinen Kompromiss.

Müsste dann die Kommunalpolitik nicht versuchen, dem entgegenzuwirken, um die Bürgerschaft einigermaßen in Einklang zu bringen?
Kommunalpolitik steht auch vor dem Dilemma, nicht alle Interessen gleichzeitig befriedigen zu können – in diesem Falle diejenigen von MieterInnen, die in der billigen Wohnung im Zentrum bleiben wollen und die von einem Eigentümer, der eine durchschnittliche Rendite für sein Haus im Zentrum der Stadt erwirtschaften möchte. Aus vielen Studien wissen wir, dass Kommunalpolitik dazu neigt, den wirtschaftlichen Interessen eher zu entsprechen. Der Grundgedanke der Ökonomisierung ist in vielen stadtpolitischen Entscheidungen maßgeblich geworden. Das führt dazu, dass Politik sich immer weniger für die Interessen von den Ausgegrenzten und Benachteiligten einsetzt. Wenn man wiedergewählt werden will, orientiert man sich eben auch daran, was vermeintlichen gesellschaftlichen Mehrheiten am besten zu Gesicht steht.

Welchen Schritt müsste man nun gehen, damit sich etwas ändert?
Es gibt eine Reihe von Instrumenten auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene, die dazu geeignet sind, Reperaturleistungen in Abwertungsgebieten durchzusetzen und Verdrängungsprozesse in Aufwertungsgebieten einzuschränken. So kann zum Beispiel mit Milieuschutzsatzungen oder Umwandlungsverordnungen das Tempo aus den Verwertungsprozessen herausgenommen werden. Das ist ein Weg. Man könnte auch durch Auflagen die Tiefe oder das Ausmaß von Modernisierungsmaßnahmen beschränken und sagen: hier soll die Bausubstanz erhalten werden, aber wir wollen keine Luxussanierung. Da gibt es eine Reihe von mietrechtlichen oder städterechtlichen Möglichkeiten, dies einzuschränken. Grundsätzlich ändert sich die Wohnungspolitik aber erst, wenn es tatsächlich gelingt, die Verwertungslogik zu durchbrechen und die Eigentümerstruktur in Richtung öffentlichen Besitz oder in Besitz von langfristig gemeinnützig orientierten Bauträgern zu verschieben.


Zur Person

Dr. phil. Andrej Holm (44) lehrt und forscht am Institut für Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Dabei konzentriert er sich innerhalb Stadt-und Regionalsoziologie auf die Schwerpunkte Gentrification, Wohnungspolitik im internationalen Vergleich und Europäische Stadtpolitik.

Im Jahr 2007 wurde Holm wegen des falschen Verdachts festgenommen, Mitglied einer "terroristischen Vereinigung" zu sein – weil die Ermittler aufgrund einer Internetrecherche auf seinen Namen gestoßen sind. Er benutzte in seinen Publikationen zum Thema Gentrification Vokabular, das auch in Bekennerschreiben der linksextremistischen Gruppierung zu finden war. Auf dieser Basis wurde Holm, seine Familie und Bekannte über ein Jahr lang observiert und abgehört. Der Fall löste weltweit Entsetzen unter Wissenschaftlern aus, die sich unter Protest für Holm einsetzten. Erst drei Jahre später wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt. Der Regisseur Hans Weingartner ("Die Fetten Jahre sind vorbei") zeigt die Geschichte Holms eindrucksvoll in seinem Kurzfilm "Der Gefährder".

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