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06. Jul 2015

Ann-Christin Kieter

Archiv

Held kann jeder!

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Warum wir Vorbilder brauchen

Keine Zeit zum Hinaufsehen?

Essay von Lisa Rüffer:

Mein Plan war, in München in die Mensa zu gehen und Studierende nach ihren Idolen und Helden zu fragen. Idole sind ein zeitloses Konzept. Sie sind Leuchttürme in einer Welt, die einen verunsichert. Wenn man schiffbrüchig im eigenen Leben ist und nicht weiß, wo man hin will, zeigen sie einem die Richtung. Sie stehen für sich und funktionieren nicht nur dank einer kurzen Welle der Aufmerksamkeit. Das Internet zum Beispiel ist kein Ort der zeitlose Helden hervorbringt, dazu ist es zu unruhig. Idole müssen länger halten, was sie versprechen: Orientierung.

Habt ihr Helden nicht mehr nötig?

Die meisten von Euch hatten keine Zeit für ein Gespräch. Ihr musstet zur Vorlesung, mit den Kommilitonen noch das Referat vorbereiten, wolltet EINMAL in Ruhe was essen. Ihr meintet knapp, da würde Euch eh niemand einfallen. Oder Euch kam Eure Kindheit in den Sinn – Pippi Langstrumpf zum Beispiel. Aber das ist ja lange her. Ihr wirkt nicht orientierungslos, eher wie gestresste Erwachsene.

Habt Ihr Helden und Idole nicht mehr nötig? Habt Ihr zum Schwärmen und Hinaufsehen keine Zeit? Zum Glück traf ich Philipp. Philipp studiert Japanologie und ist eher der Typ, der eine Vorlesung ausfallen lässt, wenn sich was Besseres ergibt. Vermutlich geht er manchmal zu spät ins Bett und steht dafür morgens zu spät auf.

Vielleicht sagt seine Mutter hin und wieder seufzend zu ihm: 'Ach Kind'. Philipp schwärmt für Musik und findet Jan Böhmermann respektabel. Als Idol fällt ihm Nora Tschirner ein. Sie begleitet ihn schon einige Jahre durch sein Leben, als ein Versprechen, das alles gut werden kann.

Die Freiheit, zu träumen

Ödön von Horvath hat das einmal toll beschrieben, als "einen winzigen Stein für den Bau einer schöneren Zukunft." Philipp nahm sich die Freiheit, zu träumen. Er, immerhin schon 28, wirkte damit jünger als meine anderen Gesprächspartner. Und dann sagte er: "Ich stelle mir vor, dass man nie damit aufhört, Idole zu haben – es sei denn, man ist alt." Idole haben ist kein Jugendphänomen. Sie begleiten einen, solange man sich weiterentwickelt. Im besten Fall, bis man stirbt.

Das heißt auch, dass sie wichtig sind für unser Leben, weil sie einen Ausblick bieten. Sie wachsen mit uns, wie Philipp mit Nora Tschirner. Sie helfen uns dabei, uns selbst zu entwerfen. Sie erzählen eine Geschichte, die wir gerne über uns erzählen möchten. Und im Rückblick geben sie uns die Möglichkeit, unser junges Selbst freundlich anzulächeln. Das war ja ein guter Impuls gewesen, sich an Pippi Langstrumpf zu orientieren, auch wenn man jetzt BWL studiert.

Mit der Erinnerung kann man die Geschichte, die man jetzt von sich erzählt, immer noch korrigieren – und zum Beispiel doch zunächst auf einem gepunkteten Pferd durch Schweden reiten, bevor man den Master macht.

Der Held als Leuchtturm

Es ist ein Deal: Mit seinem Idol geht man eine Verpflichtung ein. Man muss sich erstens erlauben, im eigenen Leben schiffbrüchig zu werden. Sonst sucht man nicht nach einem Leuchtturm. Und man muss zweitens an sich in der Zukunft glauben. Traurig der Student, der kein Idol hat. Am Ende wird er sich alt vorkommen, wenn da nie jemand war, der die Möglichkeiten des eigenen Lebens vorführte. Egal, ob das nun "Die Ärzte" waren, Opa oder Catwoman. Philipp fuhr zwei Tage später auf dem Rad an mir vorbei, mit Kopfhörern auf den Ohren. Vielleicht hörte er gerade "So now what", diesen Song von The Shins: "It's hard to imagine/ the lives we used to have".


"Helden müssen keine Märtyrer sein"

Im Gespräch mit der amerikanischen Philosophin Susan Neiman wird klar, dass jeder ein Held sein kann.  

UNICUM: Die Begriffe "Idole", "Vorbilder" und "Helden" existieren so nebeneinander her. Wie kann man sie voneinander abgrenzen?
Susan Neiman: Das Wort "Vorbild" war in den 1950er Jahren eine Reaktion auf die Abneigung gegen den Begriff "Held", die viele – nicht nur in Deutschland – empfunden haben. Idol müsste eigentlich rausfallen, wenn man das Wort ernst nimmt.  Ein Idol betet man anstelle von Gott an. Ich plädiere dafür, Worte ernst zu nehmen, und deswegen "Held" wieder in den Fokus zu rücken. Helden sind dafür da, um uns zu inspirieren. Ein Vorbild feuert niemand an.

Was zeichnet genau einen Helden aus? Gibt es z. B. bestimmte Eigenschaften?
Es ist interessant, sich vermeintliche Helden kritisch anzuschauen. Odysseus z. B.  wird vorgeworfen, dass er aus keiner großen aristokratischen Familie kommt, mit dem Kopf arbeitet statt mit dem Körper und dass er wandlungsfähig ist und nicht standhaft. Außerdem war er in der Lage, in einem Schweinestall zu übernachten, das passt auch nicht zu einem heldenhaften Bild. In meinem Buch "Moralische Klarheit" habe ich das alles auf den Kopf gestellt. Es gibt also keine bestimmten Kategorien, die jeder Held erfüllen muss. 

Wen haben sie denn vor Augen, wenn Sie einen Protoyp eines Helden denken?
In meiner Kindheit habe ich die Narnia-Reihe von dem brillanten Denker C. S. Lewis gerne gelesen. Das Heldenhafte wird interessant dargestellt – auch besser als bei Harry Potter. Mittlerweile denke ich seit 20 Jahren über das Thema nach. Mir ist ganz wichtig, dass Helden keine Märtyrer sind. Sie müssen schon etwas riskieren, aber eben nicht für etwas sterben. Und sie müssen eine gewisse Art von Lebensfreude ausstrahlen. 

Gibt es Personen des öffentlichen Lebens, die allgemein als Helden bezeichnet werden, es aber gar nicht verdient haben?
Der Begriff wird ziemlich inflationär benutzt. Ich habe mal eine Werbung für Viagra gesehen: Helden der Liebe ... Bei Popstars hält man sich mittlerweile eher zurück, aber nicht bei den Sportlern. Und ich begreife das nicht. Gut, man muss trainieren und regelmäßig Leistung bringen. Aber wir sprechen ja auch nicht von Helden der Musik. In Amerika und auch in Deutschland wird Ronald Reagan als Held gefeiert und das finde ich irrsinnig. Weil der einmal eine Rede vor der Mauer gehalten hat, ist er um Gottes Willen nicht dafür verantwortlich. 

Brauchen wir heute denn mehr Helden als früher?
Nein, ich glaube, der Mensch hat sie immer gebraucht. Kant hat er viel darüber geschrieben, dass man dieses verkörperte Beispiel von jemandem, der wirklich gewissenhaft und mit Mut agiert hat, braucht. Ohne Helden läuft man Gefahr zu denken: Ok, es ist theoretisch möglich, moralisch zu denken. Aber kann ich das in die Tat umsetzen? 


InfoZur Person:

Prof. Dr. Susan Neiman ist die Direktorin des Einstein Forums in Potsdam. Sie studierte Philosophie in Harvard und an der FU Berlin und war Professorin an den Universitäten Yale und Tel Aviv.

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