Autorenbild

21. Aug 2012

Almut Steinecke

Archiv

Hochsensibel: Bochumer Doktorand unter ständiger Reizüberflutung

Wenn der Alltag zur Herausforderung wird

"Auslöser für chronische Erkrankungen"

Wenn Michael Jack (30) vor seinem Rechner sitzt, muss er darauf achten, dass der Computerbildschirm nicht zu hell eingestellt ist, "weil mich das Licht, das Flimmern stört". Wenn der Promotionsstudent sich mit jemandem unterhalten hat, kann es ihm passieren, dass er nicht mehr aufhört, zu grübeln. "Warum hat der mich so angeguckt, was habe ich gesagt, habe ich das Richtige gesagt, was denkt der andere darüber, was ich gesagt habe, wie denkt er über mich?"

Michael Jack ist hochsensibel. Hochsensibilität ist ein psychisches Phänomen, das die amerikanische Psychologin Elaine Aron 1997 entdeckt hat. Bis heute gilt es als weitgehend unerforscht, doch zunehmend beschäftigt es die Menschen, geistert durch die Medien, gilt als neues Trendleiden. "Hochsensibilität ist keine Erkrankung, die für sich gesehen eingetragen ist im Katalog der 'Internationalen Klassifikation psychischer Erkrankungen'", sagt Psychotherapeutin Ute Michaelis (33) aus Köln. "Aber Hochsensibilität kann chronische Erkrankungen auslösen" - zum Beispiel Tinnitus, Depression, Angststörungen, Burnout. "Der Mensch kann sieben bis neun Reize aus seiner Umwelt gleichzeitig aufnehmen": Gerüche, Geräusche oder Bilder landen mittels Riechen, Hören, Sehen, Tasten und Schmecken über Reizleitungen im Kurzzeitgedächtnis. Die restlichen Reize fallen durch eine Art seelischen Filter, der die Psyche vor einer Reizüberflutung beschützt. Genau diesen Filter haben hochsensible Menschen wie Michael Jack nicht. Der angehende Jurist gehört zu den 15 bis 20 Prozent der menschlichen Bevölkerung, die viel mehr Reize gleichzeitig aufnehmen als nicht derart sensible Menschen - ein Umstand, der Jack in der Pubertät bewusst wurde und ihn gequält hat, "im Laufe der Jahre habe ich mich immer mehr unter Druck gesetzt, weil ich scheinbar so anders getickt habe als die anderen".

"Hochsensibilität kann ein großes Potenzial entfalten"

Im Frühjahr 2003 hat er beschlossen: "Es kann nicht sein, dass ich der Einzige bin, der sich so fühlt, auf Verdacht habe ich den Begriff ,Hochsensibel' gegoogelt. Ich stieß gleich auf mehrere Seiten zu dem Thema. Da fiel mir nicht nur ein Stein, sondern eine ganze Gebirgskette vom Herzen, weil der  Anpassungsdruck sofort weg war." Ein guter Ausgangspunkt, um Hochsensibilität als Fähigkeit auszubauen.

Hochsensible Menschen sind keine lebensuntüchtigen Freaks, betonen Profis wie die Kölner Psychologin Michaelis. Auch Jutta Böttcher (55) Geschäftsführerin von "Aurum Cordis", einem "Kompetenzzentrum für hochsensible Menschen in Buxtehude", versichert: "Hochsensibilität ist eine Temperamentsausprägung, die ein großes Potenzial entfalten kann, wenn der Betroffene sie an sich akzeptiert und freundlich mit ihr umgeht." Diesen Umgang zu erlernen, sei nicht so einfach, so Böttcher. "Die Menschen müssen sich öfter die Frage stellen, 'was tut mir gerade gut, was tut mir gerade nicht gut?'. Vor allem dürfen sie sich nicht überfordern, eine Situation aushalten zu müssen, nur weil andere sie aushalten." Ist es ihnen zum Beispiel nicht nur auf einer Party, sondern selbst schon in der U-Bahn zu laut, dürfen sie sich ruhig Ohropax in die Ohren tun - "so schaffen sie sich einen Raum, in den sie sich zurückziehen können, ohne aus der Situation rauszugehen". Mittlerweile gibt es sogar schon spezielle Freizeitangebote. In Berlin zum Beispiel bieten die Tanz-Clubs "Zeit-Los 2.8" und "Tanzwelt M33"rauchfreie Partys ohne Straßenschuhe und mit Musik, die nicht so basslastig wummert.

"Anders, aber nicht allein"

Um Rückzüge zu verhindern, dafür sind auch Gesprächskreise gut, gerade an einer Uni, sagt Jutta Böttcher. "Die Hochschule ist ein Ort der Anonymität, umso bedeutender ist da das persönliche Gespräch für Menschen, die sich häufig als so ,anders' empfinden, dass der Zugang zu Gemeinschaft schwerfällt" - für Studenten, die heute mehr als früher unter Druck stehen, wichtiger denn je. Das hat auch Michael Jack erkannt. 2003 hat er den ersten "Gesprächskreis für hochsensible Studenten" gegründet, der Kreis trifft sich einmal im Monat: "Wir sind immer so um die zehn Leute", erzählt Michael Jack. "Es tut gut, wenn du merkst: Du bist zwar anders - aber nicht allein."


Kurz & Kompakt

  • Der Bochumer Promotionsstudent Michael Jack gehört zu den rund 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung, die an Hochsensibilität leiden.
  • Sämtliche Sinneswahrnehmungen prasseln ungefiltert auf ihn ein, denn ihm fehlt der seelische Filter, der die Psyche vor einer Reizüberflutung schützt.
  • Weitere Informationen über das Phänomen erteilt der Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e. V. (IFHS): www.hochsensibel.org

Artikel-Bewertung:

3.12 von 5 Sternen bei 198 Bewertungen.